Lohndiskriminierung ist nicht nachweisbar

Die Zahlen zum Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern berücksichtigen nicht alle Faktoren.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine der Forderungen des Frauenstreiks. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine der Forderungen des Frauenstreiks. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Die Hauptforderung des von den Gewerkschaften organisierten Frauenstreiks vom nächsten Freitag ist «gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit». Dies fordert die Bundesverfassung seit 1981. Gemäss den Organisatoren ist dies aber bis heute noch nicht erfüllt. Sie berufen sich dabei auf die offizielle Statistik des Bundes. Die Lohnstrukturerhebung ist die grösste Datenbank für Arbeit und Löhne in der Schweiz. Die letzte Erhebung der Daten aus dem Jahr 2016 enthält 1,7 Millionen Arbeitsverhältnisse von 37'000 Unternehmen.

Die Daten zeigen, dass Frauen über die ganze Wirtschaft gesehen durchschnittlich 18,3 Prozent weniger verdienen als Männer. Das entspricht 1455 Franken pro Monat. Diese Zahlen tauchen auch in den Unterlagen zum Frauenstreik auf und werden in Argumentarien verwendet, so beispielsweise von SP-Vizepräsidentin und Nationalrätin Barbara Gysi am vergangenen 1. Mai.

Statistisch nicht überprüfbar

Doch dieser Lohnunterschied ist nicht alleine auf das Geschlecht zurückzuführen. Frauen arbeiten in anderen Branchen und Berufen als Männer. Gemäss der Website des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann sind Frauen in anforderungsreichen Positionen und Kaderstellen schwächer vertreten und verfügen durchschnittlich noch über ein tieferes Bildungsniveau.

Zieht man einige dieser Faktoren mit ein, kann etwas mehr als die Hälfte des Lohnunterschiedes erklärt werden. Es bleibt aber eine Lohndifferenz von 7,7 Prozent. Umgerechnet auf einen Durchschnittslohn ist das 657 Franken pro Monat. In der Privatwirtschaft ist der Unterschied mit 8,1 Prozent etwas grösser als im öffentlichen Sektor (5,9%).

Für die Organisatoren des Frauenstreiks ist klar, dass dieser Lohnunterschied eine Diskriminierung darstellt, weil sie nur mit der Tatsache zusammenhänge, ob jemand Frau oder Mann ist. Ein «Skandal» sei das, sagte Vania Alleva, Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, anlässlich der Präsentation der Forderungen zum Frauenstreik Ende Mai. Den Frauen würden so jedes Jahr zehn Milliarden Franken entgehen «bei gleicher Arbeit und gleicher Leistung». Doch die Behauptung, der unerklärte Lohnunterschied sei eine Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts, hält einer Überprüfung in der Statistik nicht stand.

Lohndiskriminierung wird «überschätzt»

Die Lohnstrukturerhebung erfasst nämlich nicht alle lohnrelevanten Merkmale von Arbeitnehmern. 2014 forderte der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser den Bundesrat dazu auf, auch «Berufs- oder Führungserfahrung, Weiterbildungen, Sprachkenntnisse oder den Beschäftigungsgrad in der Berufskarriere zu berücksichtigen».

Eine daraufhin von der damaligen Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) in Auftrag gegebene Studie von Professorin Christina Felfe von der Universität St. Gallen kam zum Schluss, dass die effektive Berufserfahrung während der gesamten Berufskarriere, die Arbeitszeitmodelle, Anzahl und Zeitpunkt von Jobwechseln sowie die physische und psychische Belastung bei der aktuellen Stelle ein hohes oder sehr hohes Erklärungspotenzial für den restlichen Lohnunterschied hätten.

Lasse man diese Merkmale aus, werde die Lohndiskriminierung überschätzt. «Den unerklärten Anteil der Lohndifferenzen rein als Lohndiskriminierung zu interpretieren, ist auf Basis einer statistischen Analyse nicht möglich», hält die Studie fest. Demnach ist nicht zulässig, von einer Lohndiskriminierung von 7,7 Prozent zu sprechen. Ob die fehlenden Kriterien den verbleibenden Lohnunterschied erklären können, allerdings ebenfalls nicht. Bundesrätin Sommaruga liess die unbequeme Erkenntnis der Studie bei Auftritten jeweils unerwähnt, und das Gleichstellungsbüro versteckte sie auf seiner Website.

Entscheidend ist die Vereinbarkeit

Es gibt jedoch noch andere mögliche Erklärungen für den Lohnunterschied. Er ist im internationalen Vergleich in jenen Ländern grösser, in denen mehr Frauen arbeiten. Die beiden italienischen Ökonominnen Claudia Olivetti und Barbara Petrongolo haben gezeigt, dass in den südeuropäischen Ländern besonders die gebildeten Frauen erwerbstätig sind, weshalb die Lohnunterschiede kleiner sind. Kaum Lohnunterschiede gibt es bei Frauen, die auf Kinder verzichtet haben. Solange dies noch offen ist, verdienen Frauen weniger, was den Schluss nahelegt, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Familie entscheidend ist. Aber auch dieses Merkmal erfasst die Lohnstatistik des Bundes nicht.

Auf der Website des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann gibt es ein Lohnquiz. Auf die Frage, wo denn die Lohngleichheit verwirklicht sei, lautet die richtige Antwort «nirgendwo». Angesichts der Statistik ist das eine falsche Behauptung. Richtig ist: Wir wissen nicht, ob es Lohndiskriminierung gibt, und genauso wenig, ob Lohngleichheit wirklich überall verwirklicht ist.

Erstellt: 10.06.2019, 18:56 Uhr

Bürgerliche Frauen streiken nicht, fordern jedoch Gleichheit

Die bürgerlichen Frauen tun sich schwer mit dem von den Gewerkschaften organisierten Frauenstreik. Am Sonntag hat der Verband der berufstätigen Frauen (BPW), der Dachverband Alliance F, BDP, CVP, FDP und GLP mitgeteilt, dass sie den 14. Juni als «Aktionstag» nutzen wollen, um auf eine «alles umfassende Chancengleichheit» aufmerksam zu machen. Als «Berufsfrauen» würden sie jedoch nicht streiken.
In der Mitteilung stellen die bürgerlichen Frauen fest, dass Frauen in den Chefetagen der Wirtschaft massiv untervertreten sind. Sie fordern deshalb Teilzeitarbeit und Jobsharing auf allen Karrierestufen und Zielwerte für die Geschlechter in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten. Um die Lohngleichheit zu verbessern, sollen Lohntransparenz hergestellt und regelmässig Lohngleichheitsanalysen durchgeführt werden.

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