So gefährlich ist Dauerstress

Wer keine Pausen macht, ist wie jemand, der sich die Zähne nicht putzt. Was wir von diesem Vergleich lernen können.

Stress? Ganz normal! Die Alarmwirkung von Stresssymptomen ist verloren gegangen. Foto: Getty Images

Stress? Ganz normal! Die Alarmwirkung von Stresssymptomen ist verloren gegangen. Foto: Getty Images

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«Unter der Woche habe ich keine Zeit zum Zähneputzen, das mache ich am Wochenende.» Was für eine absurde Vorstellung. Wenn es um Pausen und Erholung geht, hören wir aber oft: «Ich habe die nächsten Wochen viel Stress, erholen kann ich mich dann in den Ferien.» Ist die Angst vor Zahnteufelchen grösser als die vor hartnäckigen, manchmal irreparablen Stressschäden?

Echte Ruhemomente im Alltag sind rar, Pausen werden vertagt. In den Ferien wird gearbeitet, Dauerstress gilt als hip. Viele ignorieren eine wichtige Regel, um Körper und Psyche gesund zu halten: Erholung kann nur bedingt aufgeschoben werden. Tun wir es trotzdem, sind Stresskrankheiten die Folge.

Karies und Burnout sind sich ähnlicher, als wir denken

Was sich subtil festsetzt, kann in einem grossen Loch enden – Karies und Burnout sind sich ähnlicher, als wir denken. Bewusst ist das nur wenigen. Im Zähneputzen sind wir Könner, beim Pausemachen dagegen Grünschnäbel. Dabei wäre die Frage doch hinfällig: Lieber ein Karieszahn oder ein Herzinfarkt?

Stress ist Gift für unsere Nerven

Haben wir Stress, produzieren wir Stresshormone. Das ist nichts Neues. Wussten Sie aber, dass diese auf Dauer schädigend auf das Nervensystem wirken? Dauerstress macht die Nerven kaputt, nicht nur sprichwörtlich, sondern auch physisch. Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verspannungen, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Verdauungs- oder Hautprobleme sind Klassiker unter den Stresssymptomen. Diese sind so normal geworden, dass ihre Alarmwirkung verstummt ist.

Sie wären jedoch wichtige Hinweise auf ein vegetatives Nervensystem, das zu viel mit Stresshormonen geflutet wird – was auf Dauer zu ernsthaften Schäden führen kann. Oft ist es ein Leiden im Stillen, die Energie schwindet in Raten. Und nicht immer müssen Stressfolgen in einem Burnout enden. Bereits ein müdes, nicht mehr strahlendes Lächeln kann auf ein strapaziertes Nervenkostüm hindeuten.

Was wir von der Mundhygiene lernen können

Apropos Lächeln: Von unserer Mundhygiene können wir einiges abschauen. Erstens: Stellen Sie sich vor, ein gestresster Mensch würde stinken – so wie ein ungepflegter Mund. Wie wäre die Duftnote an Ihrem Arbeitsplatz, im Zug, in der Schlange zum Coffee to go? Und mit welchem Geruch stiegen wir am Abend ins Bett? Wäre der Stressmief nur mit Ruhemomenten wegzubringen, würden wir diese nicht vernachlässigen. Vorbilder hätten wir genug: Einmal täglich duschen und mehrmals die Zähne putzen – vor dem Schlafen, nach dem Aufstehen und zwischendurch nach Bedarf. Nicht primär die Dauer ist entscheidend, sondern die Qualität. Das gilt auch für Pausen.

Gäbe es einen jährlichen Stress-Check, würden wir unsere Nerven sicherlich besser pflegen.

Zweitens: Würden Eltern, Lehrpersonen und Ärzte bereits den Kleinsten die Angst vor den Stressteufelchen einbläuen, wäre das auf Lebzeiten eingeprägt. Bücher zu «Nerven putzen» gäbe es zuhauf. Das Training für zuverlässige Stresshygiene würde frühkindlich eingeführt. Den Rest erledigt dann die Kraft der Gewohnheit: Kein Vergessen, kein Hinterfragen. Weder Motivation noch Disziplin sind nötig – die konsequente Pausenkultur wäre gesellschaftlich verankert.

Drittens: Die Jahreskontrolle in der Zahnarztpraxis hat ihre Wirkung. Wer findet eine schmerzhafte und teure Zahnbehandlung attraktiv? Eben. Alle geben ihr Bestes, alle möchten sauber durchkommen. Angenommen, es gäbe einen jährlichen Stress-Check, würden wir unsere Nerven sicherlich besser pflegen.

Stress-Fakten und Mikropausen

Einen solchen Stress-Check gibt es. Anhand der sogenannten Herzratenvariabilität ist es möglich, den Zustand unseres Nervensystems in einer 24-Stunden-Messung zu ermitteln und Schwächungen zu erkennen. Es braucht keine jährliche Analyse, alle fünf Jahre genügt. Sechs Elektroden kleben am Körper, ein kleines Gerät zeichnet die Herzschläge in hoher Präzision auf – während eines Arbeitstages und einer Nacht. Unser Herz spricht Klartext, wenn es um Stressschäden geht.

Während ein Loch beim Zahnarzt schnell geflickt ist, braucht es für die Heilung von Stressschäden Zeit. Und zwar immer viel mehr Zeit als die Summe aller Pausen, die wir hätten machen können, um sie zu vermeiden. Fürs Zähneputzen schenken wir uns täglich ein paar Minuten Lebenszeit. Warum nicht auch für unsere Nerven?

Mikropausen sind – nebst anderen Strategien, um Stress abzubauen – besonders attraktiv: kleiner Aufwand, grosse Wirkung. Mehrmals täglich kurz innehalten. Loslassen, still sein, nichts tun. Vielleicht den Atem beobachten, zwei Minuten. Die Qualität zählt, nicht die Dauer. Ihr Nervensystem und Ihr Umfeld werden es Ihnen danken – Ihr Lächeln auch.

Erstellt: 31.10.2019, 07:12 Uhr

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