Student stellt Starökonom bloss

Der 26-Jährige Matthew Rognlie entdeckte Fehler in der Kapitalismuskritik von Thomas Piketty.

Beim Nachrechnen auf fundamentale Irrtümer gestossen: Matthew Rognlie. (Screenshot Youtube)

Beim Nachrechnen auf fundamentale Irrtümer gestossen: Matthew Rognlie. (Screenshot Youtube)

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Vor einem Jahr war Thomas Piketty (43) der gefragteste Ökonom seiner Generation. Mit gewichtigen Thesen, dass im Kapitalismus das Einkommen immer ungleicher verteilt werde, hatte der Franzose so etwas wie Rockstar-Status erlangt. Nobelpreisgewinner lagen ihm zu Füssen und priesen sein Buch, «Das Kapital im 21. Jahrhundert», als Meisterwerk der kapitalismuskritischen Wissenschaft. Doch nun sieht sich Piketty mit einem Mal infrage gestellt. Ein erst 26-jähriger Doktorand am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston meint, fundamentale Irrtümer bei Piketty gefunden zu haben.

Matthew Rognlie las dessen Buch und begann nachzurechnen. In zwei relevanten Punkten, so schrieb er dann exakt vor einem Jahr auf dem Wirtschaftsblog «Marginalrevolution», irre Piketty: Zum einen nehme der Ertrag auf dem investierten Kapital nicht stetig und querbeet durch die Wirtschaft zu, wie Piketty behaupte. Vielmehr sei die massive Ertragsschere der letzten 50 Jahre überwiegend auf den Immobilienmarkt beschränkt. Die wahren Profiteure des Wohlstandsgewinns seien die Hauseigentümer, so Rognlie – ein Befund, der durch die explosiven Immobilienmärkte in Städten wie San Francisco, New York oder auch München, London oder Zürich bestätigt werde.

Zweitens hat Piketty die Kapitalgewinne der Zukunft offenbar überschätzt. Rognlie zitiert den Grundtatbestand der abnehmenden Grenzerträge, auf den auch immer wieder Warren Buffett hinweist. Der Milliardär warnt seit Jahren davor, dass seine Gewinne nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit wachsen können und die Anleger besser beraten seien, in den Aktienmarkt als Ganzes zu investieren.

Rognlie glänzte schon früher

Aufgewachsen ist der pfiffige Student in einem Vorort von Portland (Oregon) als Sohn eines Datenanalysten und einer Bibliothekarin. Zur Ökonomie zog es ihn nach eigenen Worten wegen seiner Leidenschaft für Computermodelle, Politik und Mathematik. Schon vor dem Piketty-kritischen Artikel hatte er in internationalen Studentenwettbewerben geglänzt und ein Dutzend Auszeichnungen gewonnen. Vorderhand verdient er sein Geld noch als Hilfsassistent am MIT, doch dürfte ihm eine Berufung als Professor an einer renommierten Hochschule sicher sein.

Rognlie ist sich seiner Sache sicher. Piketty habe «einen subtilen, aber absolut entscheidenden Punkt» übersehen und sei die Reichtumsdebatte verkehrt herum angegangen. Die Kapitalerträge der Zukunft würden nämlich nicht immer noch höher steigen, sondern graduell sinken. Seine Gegenthesen hat er bereits gegen Nobelpreisgewinner und MIT-Professor Robert Solow verteidigt. Und mit Piketty hat er seine Einwände per E-Mail ausgetauscht, ohne dass man sich nähergekommen wäre. Der berühmte Franzose nahm die ihm übliche Verteidigungsposition ein, indem er von «einigen Missverständnissen» sprach und betonte, er habe nie von einem stetig wachsenden sozialen Ungleichgewicht gesprochen, sondern nur von einem grösseren Wohlstandsgefälle als heute. Darauf reagierte Rognlie mit einem E-Mail: Piketty müsse schon «konkretere Argumente» bieten, wenn seine Thesen Bestand haben sollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2015, 23:30 Uhr

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