US-Pass erschwert die Stellensuche

Ein bis vor kurzem kaum beachtetes US-Gesetz bringt neues Ungemach für Personen mit einem amerikanischen Pass. Für gewisse Jobs werden sie von Schweizer Unternehmen nicht mehr angestellt.

 Wegen eines US-Gesetzes fürchten sich Amerikaner in der Schweiz vor Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt. Foto: Keystone

Wegen eines US-Gesetzes fürchten sich Amerikaner in der Schweiz vor Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt. Foto: Keystone

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Robert Tanner* hatte schon gar nicht mehr mit dem Anruf gerechnet. Schon im Februar hatte er sich auf die Stelle bei der Grossbank beworben. Das Vorstellungsgespräch war gut gelaufen; er hatte sogar den Eindruck gehabt, man wäre sich handelseinig. Nur: Danach blieb es still. Und bis Ende März hatte er sich damit abgefunden, dass aus dem neuen Job wohl nichts würde. Als die Bank Anfang April plötzlich doch noch anrief, verstand er die Welt nicht mehr. Erst eine Bemerkung der Personalverantwortlichen brachte Klarheit: Die zusätzlichen Abklärungen wegen seiner Staatsbürgerschaft hätten etwas länger gedauert.

Robert Tanner ist Doppelbürger. Neben dem Schweizer hat er dank seiner amerikanischen Mutter auch einen US-Pass. Und dieser hätte ihn beinahe die Anstellung gekostet: Eigentlich stellt die Bank keine US-Bürger mehr ein. «Ohne den Schweizer Pass hätte ich den Job nicht bekommen», so der 28-Jährige.

Ein neues Phänomen

Weder Tanner noch die Bank sind ein Einzelfall. Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus mehreren Auslandamerikaner-Vereinigungen in der Schweiz, hat in den letzten Monaten in mehreren Städten Versammlungen durchgeführt, um sich die Sorgen von Doppelbürgern und Amerikanern anzuhören, die teils seit Jahren in der Schweiz leben. Neben den bekannten Problemen mit Bankkonten oder Hypotheken tauchte ein neues weit oben auf der Liste auf: Es gibt Firmen, die generell oder für bestimmte Jobs keine Amerikaner mehr anstellen.

Vom Phänomen hat auch die US-Botschaft in Bern Kenntnis genommen. Sie bestätigt, dass sich Amerikaner offenbar sorgen, dass sie aufgrund ihres Steuerstatus auf dem Arbeitsmarkt an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. «Wir haben allerdings keine statistischen Daten zu solchen Fällen», sagt Alex Daniels.

US-Datenhunger trifft Firmen

Hintergrund ist ein amerikanisches Gesetz, dass «US-Persons» dazu zwingt, jedes Bankkonto ausserhalb der USA dem amerikanischen Fiskus zu melden. Und zwar nicht nur, wenn das Konto ihnen gehört, sondern sobald sie dafür eine Vollmacht besitzen. Damit gilt die Deklarationspflicht auch für Firmen- oder Vereinskonten. Und die Angaben sind relativ detailliert. Neben der Kontonummer, der Bank und deren Adresse wollen die USA auch wissen, wem das Konto gehört – also Namen und Adresse der Firma. In das Formular gehört auch die genaue Funktion, die der Amerikaner im Unternehmen innehat sowie der höchste Kontostand im Verlauf des Jahres.

Laut Elizabeth Redman, die bei der Beratungs- und Prüfgesellschaft PWC auf US-Steuerrecht spezialisiert ist, gelten diese Bestimmungen seit Jahren. «Jedoch ist erst seit kurzem klar, was alles darunterfällt. Unternehmen realisieren erst jetzt, was das für sie bedeuten könnte», so Redman. Tatsächlich hatte das sogenannte FBAR-Formular noch vor kurzem keinerlei Bedeutung. Den meisten Betroffenen war gar nicht bewusst, dass es existiert – oder was für Konsequenzen es hat. Unter diesen Umständen ist es laut Redman verständlich, dass der amerikanische Pass plötzlich ein Argument ist, wenn sich eine Firma eine Neuanstellung überlegt: «Es wird zu einem von mehreren Kriterien bei der Auswahl der Bewerber.»

Banken besonders vorsichtig

Banken scheinen besonders vorsichtig zu sein. Der TA weiss von einer zweiten Bank, die auf die Probleme mit dem FBAR-Formular reagiert. In einem ersten Schritt wird nun erhoben, welche Mitarbeiter in den USA steuerpflichtig sind und ob diese allenfalls Vollmachten für bestimmte Firmenkonten besitzen. Allerdings sind nicht nur Banken, sondern auch Industrie- oder Dienstleistungsfirmen betroffen. Und das Thema scheint heikel zu sein. Auf eine Anfrage des TA reagierten viele Konzerne gar nicht, andere erklärten ohne Angabe von Gründen, sich nicht äussern zu können. Wieder andere sagten, sie seien nicht betroffen – ohne das zu begründen.

Die Neugier der USA kann auch Schweizern ohne amerikanischen Pass zum Verhängnis werden: Wenn Unternehmen Schweizer Mitarbeiter für längere Zeit in die USA schicken, werden diese zu «US-Persons» – und unterliegen damit den gleichen Gesetzen wie Amerikaner, die in der Schweiz leben. «Wir stellen fest, dass das für die Firmen zunehmend zum Problem wird», sagt Redman.

Keine Chancen auf eine Karriere

Martin Naville, Chef der Swiss-American Chamber of Commerce (Am-Cham), sieht die Situation allerdings weniger dramatisch: «US-Amerikaner waren aufgrund ihrer Steuerpflicht und ihres Status als ‹US-Person› schon immer teure und komplizierte Mitarbeiter. Das hat sich nur marginal verschärft.» Er selbst kenne keinen einzigen Fall, bei dem jemand einen Job nicht erhalten habe aufgrund des amerikanischen Passes.

In einer internen Präsentation der Am-Cham vom August tönt das noch ganz anders: Dort steht ausdrücklich: «‹US-Persons› können aufgrund der FBAR-Anforderungen davon abgehalten werden, bestimmte Funktionen auszuüben.» Grund: «Konten der Schweizer Firma werden gegenüber dem US-Finanzministerium offengelegt, selbst wenn die Schweizer Firma keine Verbindungen in die USA hat.»

Für Robert Tanner waren die Probleme mit seinem US-Pass nach der Anstellung aber noch nicht vorbei. Die Bank tat sich schwer, für ihn ein Angestelltenkonto zu eröffnen, wie es sein Vertrag vorsieht. Gravierender noch war die Erkenntnis, dass er innerhalb der Bank unter den gegebenen Voraussetzungen keine Karriere würde machen können. Jede Beförderung käme einher mit mehr Verantwortung, mehr Vollmachten. Ein Risiko, das die Bank offenbar nicht eingehen will. Ausserdem wird Tanner das erste Mal in seinem Leben einen Steuerberater anheuern müssen. Die Bank zwingt ihn, seine Steuererklärung an einen Experten für US-Steuerrecht auszulagern. Dieser muss der Bank schriftlich bestätigen, dass Tanner sämtlichen Verpflichtungen gegenüber dem US-Fiskus korrekt nachgekommen ist.

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2012, 11:14 Uhr

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