Warum Ingenieurinnen so oft aussteigen

Mit allen Mitteln wird versucht, Frauen für technische Studiengänge zu begeistern. Doch das reicht nicht, um sie auch in Ingenieurberufe zu bringen.

Mehr Selbstzweifel, mehr Diskriminierung: Eine Chemie-Ingenieurin arbeitet in einem US-Labor. (Archivbild)

Mehr Selbstzweifel, mehr Diskriminierung: Eine Chemie-Ingenieurin arbeitet in einem US-Labor. (Archivbild) Bild: Reuters

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Eines muss man den Universitäten und Behörden zugutehalten: Sie bemühen sich redlich darum, mehr Frauen für ein technisches Studium zu begeistern. Mit Kampagnen, Bildungsprojekten und Förderprogrammen wird in vielen Ländern versucht, den Frauenanteil in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu erhöhen. Das Schweizer Parlament hat sich in seiner Legislaturplanung 2011 bis 2015 sogar explizit vorgenommen, sich für dieses Ziel einzusetzen.

Ein Blick auf die Statistik zeigt allerdings: Allzu viel hat sich noch nicht getan. Zwischen 2002 und 2010 stieg der Frauenanteil in den Mint-Fächern an Schweizer Universitäten und Fachhochschulen zwar von rund 25 auf 30 Prozent, doch seither stagniert er. 2014 betrug er 30,4 Prozent. In den USA sieht die Lage nicht viel besser aus. Im Ingenieurwesen etwa sind laut einer US-Studie bloss 20 Prozent aller Studierenden weiblich.

Dieselbe Studie hat gezeigt, dass es nicht nur bei der Ausbildung Probleme gibt, sondern auch später im Berufsleben. Denn 40 Prozent aller Frauen, die einen Abschluss in Ingenieurwissenschaften erlangen, arbeiten später gar nie als Ingenieurinnen oder verlassen den Beruf nach kurzer Zeit, um etwas anderes zu machen. Der Frauenanteil in der Praxis liegt deshalb nochmals einiges tiefer, bei 13 Prozent. Wie kommt es, dass sogar Frauen, die Mint-Fächer studieren, nachher doch nicht damit arbeiten wollen?

700 Studenten begleitet und befragt

Um diese Frage zu beantworten, führte Susan Silbey, Soziologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zusammen mit anderen US-Forschern eine langfristig angelegte Untersuchung durch. Seit 2003 begleiteten die Wissenschaftler 700 Ingenieurstudenten durch ihre Ausbildung und die ersten Jahre im Berufsleben. Die jungen Menschen wurden regelmässig zu ihrem Verhältnis zu anderen Studenten, zur Lernkultur oder zu ihren Zukunftszielen befragt. 40 von ihnen protokollierten ausserdem zweimal monatlich die Entscheidungen, die sie in Bezug auf ihr Studium und ihre Karriere getroffen hatten.

Die jahrelangen Befragungen hätten gezeigt, dass Männer und Frauen sich aus ähnlichen Gründen dafür entschieden, Ingenieurwesen zu studieren, schreibt Silbey: Sie haben gute Noten in Mathematik und wissenschaftlichen Fächern und wollen sich interessante, lukrative Karrierechancen erschliessen. Während des Studiums sind sie auch ähnlich erfolgreich. Doch in wesentlichen Punkten tun sich Gräben auf:

  • Frauen zweifeln ihre Fähigkeiten öfter an als Männer. «Das grösste Problem, das ich offenbar habe, sind Selbstzweifel», berichtet eine der befragten Studentinnen. «Ich betrachte ein Problem, lege mir eine Lösung zurecht, aber dann zweifle ich diese Lösung an und überzeuge mich davon, dass meine Antwort falsch sein muss.» Frauen orientierten sich auch öfter an anderen – Assistenten, Professoren oder Beratern –, um Bestätigung zu erhalten. Männer machen das weniger häufig.
  • Frauen werden im Lauf ihrer Ausbildung oft mit geschlechterspezifischen Stereotypen konfrontiert. Während Gruppenarbeiten zum Beispiel finden sich viele plötzlich beim Erledigen von organisatorischen Aufgaben wieder, während Männer sich auf die technischen Aufgaben stürzen. Die Professoren behandelten sie zudem oft anders als ihre Kommilitonen, berichten Frauen.
  • Auch den ersten Kontakt mit der Arbeitswelt, während Praktika oder Sommerjobs, erleben Frauen anders. Während Männer diesen fast ausnahmslos als Highlight ihrer Ausbildung beschreiben, sind Frauen viel kritischer. «Das Umfeld war gruselig, ältere, merkwürdige Männer baggerten mich ständig an, und sexistische Strukturen führten dazu, dass Praktikantinnen Unterlagen ordneten, während ihre oft unerfahreneren Kollegen Ingenieuraufgaben übernahmen», berichtet eine Studienteilnehmerin.
  • Bei Frauen ist der Wunsch stärker ausgeprägt, soziale Verantwortung zu übernehmen – mit ihrem Job also auch etwas für die Gesellschaft zu tun. Während der Ausbildung merken aber viele, dass sie nicht so viel zur Lösung drängender nationaler oder globaler Probleme beitragen können, wie sie sich erhofft hatten.

All diese Faktoren könnten laut Silbey erklären, warum Frauen sich schliesslich doch oft gegen eine Karriere als Ingenieurin entscheiden. Es reicht also offenbar nicht, bloss den Frauenanteil an den Unis zu erhöhen. Auch in der Praxis ist noch einiges zu tun. (fko)

Erstellt: 24.08.2016, 16:25 Uhr

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