Warum es so viele schlechte Manager gibt

Wer in ständiger Angst vor dem Misserfolg lebt, lässt sich von der Schundliteratur für Betriebswirte verzaubern.

Folklore statt Fakten: Die Management-Beratungsliteratur in einer Buchhandlung.

Folklore statt Fakten: Die Management-Beratungsliteratur in einer Buchhandlung. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Muss man medizinische Methoden auf Wirksamkeit prüfen? Natürlich, sagen Sie. Und was ist mit Managementmethoden? Ja, sicher. Doch viele Manager kümmert das nicht. Sie verlassen sich auf Methoden, die so wirksam sind wie Aderlass, Schröpfen oder Teufelaustreiben. Unermesslich das Leid, das ahnungslose Ärzte damit im Mittelalter angerichtet hatten. Unermesslich ist das Leid, das ahnungslose Wirtschaftsführer heute anrichten.

In vielen Firmen werden Unsummen in wohlklingende, aber nutzlose Methoden investiert. Die Legitimation beziehen sie aus anekdotischen «Success Stories» statt aus Evidenz. Das ist, als würde man eine medizinische Behandlung nur an geheilten Patienten beurteilen, ohne die verstorbenen zu berücksichtigen.

Im Management hat das System. Viele Manager verlassen sich auf Folklore statt Fakten. Das führt regelmässig zu Misswirtschaft, demotivierten Mitarbeitern, schlechten Produkten, unzufriedenen Kunden – und schliesslich zu Umsatzeinbruch, Entlassungen, Konkurs.

Kaschiert wird dieses Managementschamanentum mit einem Gruselkabinett von Modewörtern, die Machbarkeit, Dynamik und Modernität suggerieren: «Lean Production», «Total Quality Management», «Business Process Reengineering», «Kundenzentrierung», «Disruption», «Agilität».

Nicht alles, was einleuchtet, funktioniert

Vieles davon tönt einleuchtend. Doch nicht alles, was einleuchtet, funktioniert. Kann etwa Reengineering wirklich 50 Prozent der Kosten einsparen, bei gleichzeitiger Verdoppelung der Produktivität? Falls ja, so müsste das vorher schon ein schlimmer Saftladen gewesen sein. Das befand bereits 1996 der Managementforscher Alfred ­­Kieser in seiner entlarvenden Streitschrift «Moden und Mythen des Organisierens».

Verschlimmert wird das methodische Managementmalaise dadurch, dass Unternehmensberater immer neue «Case Studies» veröffentlichen, in denen angebliche «Erfolgsfaktoren» und «Best Practices» zelebriert werden. Die sind aber in aller Regel nicht auf andere Firmen übertragbar.

Erfolg lässt sich nun mal nicht garantieren, erst recht nicht durch zufällig in der Rückschau gefundene Muster. Dessen ungeachtet, zelebrieren Managerillustrierte, CEO-Biografien und die Bestseller der Beratungsgurus hemmungslos übertriebene Erfolgsfantasien.

Auf einen Richard Branson kommen 1000 Gescheiterte, von denen man nie etwas hört.

Es überrascht nicht, dass Manager dafür anfällig sind. Sie leben in ständiger Angst vor dem Misserfolg. Darum lassen sie sich von der Betriebswirte-Schundliteratur verzaubern, von den darin verkündeten, angeblich so simplen Erfolgsrezepten. Oft werden als Zeugen dafür «Visionäre» herangezogen – etwa Richard Branson. Der Virgin-Chef ist ein freigeistiger Bonvivant, der regelmässig als unternehmerisches Vorbild herhalten muss. Vielleicht ist Branson tatsächlich ein genialer Betriebswirt. Aber vielleicht hatte er einfach Glück – und eine Bank, die gerade risikofreudig war.

Das Problem: Auf einen Richard Branson kommen 1000 Gescheiterte, von denen man nie etwas hört. Dabei wären genau deren Erfahrungen umso wertvolleres Anschauungsmaterial. Aber kein Manager will die Geschichten der Verlierer hören. Erfolgsstorys sind besser fürs Gemüt.

Wie stoppen wir das? Indem wir Manager befähigen, die Wirksamkeit ihrer Methoden zu überprüfen. Und indem wir von ihnen dasselbe verlangen, was wir bei unseren Ärzten als selbstverständlich erachten: dass sie ihre Entscheidungen auf Evidenz stützen und dass sie die Bereitschaft aufbringen, die als unwirksam enttarnten Methoden hinter sich zu lassen. Das wäre gute Medizin für unsere Wirtschaft. Und für uns alle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2018, 20:23 Uhr

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