Wenn die alleinerziehende Mutter als Unternehmerin durchstartet

Als Angelina Seiferts Psychosoziale Spitex den Betrieb aufnahm, hatte sie gerade ihr zweites Kind bekommen – kein einfacher Anfang. Heute beschäftigt die 39-Jährige 16 Angestellte.

«Als Unternehmerin habe ich die Freude an der Arbeit wiederentdeckt», sagt Angelina Seifert. Foto: Frederike Asael Photography

«Als Unternehmerin habe ich die Freude an der Arbeit wiederentdeckt», sagt Angelina Seifert. Foto: Frederike Asael Photography

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Frau Seifert, gibt es einen idealen Zeitpunkt für den Schritt in die Selbstständigkeit?
Wenn man auf den idealen Moment wartet, startet man vermutlich nie. Bei mir waren die Umstände alles andere als ideal. Als ich meine Firma gründete, war ich alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter und mit dem zweiten Kind schwanger.

Warum sind Sie das Wagnis trotz schwieriger Umstände eingegangen?
Es ist gut, dass man im Voraus nicht genau weiss, was alles auf einen zukommt – sonst hätte ich mich möglicherweise nicht getraut. Ich hatte ein Jahr nach der Geburt meiner Tochter begonnen, zusätzlich freiberuflich als Pflegefachfrau zu arbeiten. Ich wollte nach 18 Jahren Schichtbetrieb mit Nacht- und Wochenendeinsätzen in psychiatrischen Kliniken selber über meine Arbeitszeit bestimmen, um meine Mutterrolle besser wahrnehmen zu können. Und ich wollte nach neun Jahren belastender Arbeit in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich auch raus aus der stationären Betreuung.

Wie gelang der Umstieg?
Es lief so gut an, dass ich nach einem halben Jahr freiberuflicher Tätigkeit meine Festanstellung kündigte. Die Krankenkassen streichen immer mehr Bettentage, aber die Menschen mit psychischen Erkrankungen werden deswegen nicht gesünder. Deshalb hat die Nachfrage nach ambulanter psychiatrischer Pflege in den letzten Jahren stark zugenommen. Als ich dann mit meinem Sohn schwanger war, musste ich mich entscheiden, ob ich eine Vertretung suche, um meine neuen Kunden nicht grad wieder zu verlieren, oder ob ich eine Firma gründe und Personal einstelle.

Sie setzten auf die Karte Risiko.
Ja, ich entschied mich für die Flucht nach vorne und gründete eine eigene Psychosoziale Spitex in Dietikon. Was das im Detail bedeutete, begriff ich wie erwähnt erst nach und nach. Jeder Schritt war eine Herausforderung. Ich kümmerte mich um die Betriebsbewilligung, stellte diplomierte Pflegefachfrauen ein mit deutlich höheren Pensen, als ich Aufträge vorliegen hatte, schrieb einen Businessplan, schaffte mir ein Betriebssystem für die Pflegedokumentation an, organisierte ein Geschäftsauto, druckte Flyer und gestaltete eine Website. Das kostete alles viel Zeit, Nerven und auch Geld. Zum Glück hatte ich von meiner Mutter erfahren, dass es in Zürich den Verein GO! gibt, der Kleinunternehmer mit Krediten unterstützt.

Und als die Firma gegründet war, verabschiedeten Sie sich erst einmal in den Mutterschaftsurlaub?
(lacht) Das Timing war extrem eng, aber es ging gerade noch auf: Am 1. Juli 2016 traf die Betriebsbewilligung ein, am 8. Juli erhielt ich die Zusage für den Kredit über 15'000 Franken, und am 9. Juli kam mein Sohn zur Welt. Meine Firma startete erst einmal ohne Geschäftsführerin, aber ein paar Tage nach der Geburt habe ich mich dann auch eingeschaltet. Im Rückblick war das für alle hilfreich, dass es am Anfang auch ohne mich funktionieren musste. Es half mir, schneller und konsequenter zu delegieren, meinen Mitarbeiterinnen mehr Verantwortung zu schenken.

Nach drei Jahren beschäftigen Sie schon 16 Angestellte mit 750 Stellenprozenten. Wie gut lässt sich die Leitung des Unternehmens mit der Kinderbetreuung vereinbaren?
Durch das rasche Wachstum ist der Spielraum grösser geworden. Ich betreue nur noch eine Handvoll Kunden selber. Montag und Dienstag bin ich für meine Kinder da. An den anderen Tagen übernehmen meine Mutter, eine Tagesmutter und mein Ex-Mann die Betreuung. Grundsätzlich geht das gut auf. Aber natürlich hat man nie ganz frei als Unternehmerin, das Telefon klingelt auch am Montag und Dienstag, und die Arbeit ist nie weit weg.

Ging die Rechnung auch finanziell auf für Sie? Viele Unternehmer zahlen sich ja in den ersten Jahren keinen oder nur wenig Lohn aus.
Ja, die Schulden sind abbezahlt, und ich habe mir schon sehr bald einen richtigen Lohn ausbezahlt – unter anderem, weil der Vermieter mir sonst die Wohnung gekündigt hätte. Der finanzielle Druck und der Wunsch, rasch unabhängig zu werden, waren sogar eine Extramotivation beim Aufbau der Firma. Heute sind wir solid aufgestellt, aber es gibt sicher noch Potenzial für weiteres Wachstum. Zahlreiche Ärzte, Therapeutinnen und Akteure der Sozialarbeit in der Region kennen unser Angebot noch nicht oder möchten persönlich überzeugt werden. Ich will das Wachstum nicht forcieren, ihm aber auch nicht im Weg stehen – auch wenn man mit 16 Angestellten eine andere Verantwortung auf den Schultern trägt, als wenn man nur die eigenen Rechnungen zahlen muss. Es ist aber auch sehr befriedigend, anderen Müttern eine attraktive Teilzeitstelle anbieten zu können.

Würden Sie Wiedereinsteigerinnen den Schritt in die Selbstständigkeit empfehlen?
Das muss jede Frau für sich entscheiden. Ich habe es nie bereut, diesen Weg gewählt zu haben. Wichtig finde ich, dass sich niemand zu sehr von der Angst vor Fehlern bremsen lässt. Es ist doch völlig in Ordnung, etwas zu wagen und damit keinen Erfolg zu haben – wir können immer eine Menge lernen im Scheitern. Mich hat zudem beeindruckt, wie viel Unterstützung ich erfahren habe in den letzten Jahren. Die Entscheidung, ob wir Hilfe annehmen und wen wir darum bitten, liegt bei uns. Sobald wir nicht mehr glauben, alles alleine schaffen zu müssen, erleben wir, wie wertvoll unser Netzwerk ist.

Konnten Sie das besser als andere, weil Sie beruflich mit Kunden zu tun haben, die das Leben nicht mehr aus eigener Kraft meistern können?
Ich bin durch meinen Beruf sicher sensibilisiert für solche Themen. Wenn man Suchtkranke betreut oder Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, darin unterstützt, wieder eine stabilisierende Tagesstruktur zu finden, relativiert das die eigenen Sorgen und fordert einen gleichzeitig dazu auf, sich selber Sorge zu tragen und gut auf Stresssignale zu achten. Im Moment erlebe ich die vielen Herausforderungen als sehr positiv. Durch den Schritt von der Angestellten zur Unternehmerin habe ich die Freude an der Arbeit wiederentdeckt.

Kontakt und Informationen: www.psychosoziale-spitex.ch

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 07.12.2019, 09:06 Uhr

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