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Der Mindestlohn wird salonfähig

Wenn plötzlich sogar der liberale «Economist» den Mindestlohn empfiehlt, dann kommt tatsächlich Bewegung in die Sache. Was steckt hinter dem Wandel?

Philipp Löpfe
Weltweit wird über den Mindestlohn diskutiert, in der Schweiz stimmt schon bald das Volk darüber ab: Gewerkschafter demonstrieren mit Masken und Plakaten vor dem Bundeshaus in Bern. (27. November 2013)
Weltweit wird über den Mindestlohn diskutiert, in der Schweiz stimmt schon bald das Volk darüber ab: Gewerkschafter demonstrieren mit Masken und Plakaten vor dem Bundeshaus in Bern. (27. November 2013)
Keystone

Der «Economist» ist eine Hochburg des klassischen Liberalismus. Fast reflexartig wehrt er alles ab, was den freien Markt behindern kann. Besonders sensibel reagiert er, wenn der Staat sich in die Gestaltung der Löhne einmischt.

In der neuesten Ausgabe jedoch macht der «Economist» Zugeständnisse. «In flexiblen Volkswirtschaften hat ein Mindestlohn wenig, ja keine Auswirkungen auf die Beschäftigung», räumt das Blatt ein und führt als Beispiel den Mindestlohn in Grossbritannien an. Er beträgt 47 Prozent des Durchschnittseinkommens und ist damit im internationalen Vergleich relativ bescheiden.

Kein perfekter Wettbewerb

Selbst ein bescheidener Mindestlohn ist in den Augen der liberalen Hardliner eine Todsünde. Das ist aus der Sicht des «Economist» eine falsche Doktrin. «Ein moderater Mindestlohn ist keineswegs so schädlich, wie ihn die neoklassischen Puristen darstellen», stellt er fest. «Anders als in den Theoriebüchern sind die realen Arbeitsmärkte niemals von einem perfekten Wettbewerb bestimmt. (…) Ein Mindestlohn kann, falls er nicht zu hoch angesetzt ist, die Löhne erhöhen, ohne Arbeitsplätze zu vernichten.»

Die Debatte um Mindestlöhne hat rund um den Globus Fahrt aufgenommen. Nicht nur in Frankreich wird darüber debattiert, auch in den USA oder in Deutschland. Dort sieht die Grosse Koalition vor, ab 2015 landesweit einen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen. Um ein vernünftiges Einkommen für die untersten Lohnklassen zu erzwingen, kommt es in den USA immer häufiger zu Streiks in der Fastfood-Industrie (McDonald's) und im Detailhandel (Walmart).

Moral und Nachfrage

Zwei Dinge treiben die Diskussion um den Mindestlohn voran. Das eine ist die Moral. Wer einem Vollzeitjob nachgeht, der sollte davon auch ein bescheidenes Leben aus eigener Kraft bezahlen können. Was für Laien selbstverständlich ist, ist für klassische Ökonomen Gotteslästerung. Nur der Markt darf die Höhe der Löhne bestimmen. Wem das nicht zum Leben reicht, der hat halt Pech gehabt.

Die aktuelle Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass sehr viele Menschen Pech haben. In vielen Ländern haben Prekariat und Arbeitslosigkeit dramatische Ausmasse angenommen. Deshalb gibt es auch ein wichtiges ökonomisches Argument für den Mindestlohn, ein gewaltiger Nachfragemangel, der sich negativ auf die gesamte Weltwirtschaft auswirkt. Der ehemalige US-Finanzminister und Harvard-Ökonom Larry Summers warnte daher kürzlich vor einer «säkularen Stagnation», einem jahrelangen Dahindümpeln der Weltwirtschaft.

Ein lebenswerteres Leben

Auch Edmund Phelps, Wirtschaftsnobelpreisträger im Jahr 2006, plädiert dafür, die tiefsten Einkommen zu stützen, allerdings nicht mit einem Mindestlohn, sondern mit Subventionen an Unternehmen. Wer Leute im Tiefstlohn beschäftigt, sollte Zuschüsse erhalten, um so de facto einen Mindestlohn zu garantieren. «Wir allen wünschen uns, dass schlecht ausgebildete Arbeitnehmer ebenfalls in den Arbeitsprozess integriert werden», stellt Phelps in einem Interview mit der «Washington Post» fest. «Sie brauchen Jobs, die sie finanziell über Wasser halten. So können sie Erfahrungen sammeln und ihr Leben ein bisschen lebenswerter machen.»

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