Die Betrügerin aus München

Ein Schneeballsystem machte die Schauspielerin Adele Spitzeder reich. Ein Buch schildert ihre drei Jahre dauernde Karriere als Geldverleiherin.

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Erinnern Sie sich noch an Bernie Madoff? Der Finanzjongleur hatte über Jahrzehnte in den USA ein gigantisches Betrugssystem betrieben. Schadenssumme: über 60 Milliarden Dollar. Der inzwischen 79-jährige Madoff verbringt nun seinen Lebensabend im Gefängnis. Erfunden hat Madoff nichts. Seine Betrugsmasche haben andere vor ihm ausprobiert. Ein besonders dreister Fall ist das Schneeballsystem, das Adele Spitzeder über 100 Jahre vor dem Amerikaner konstruiert hatte.

Herbst 1869: Die Schauspielerin Adele Spitzeder, 37 Jahre alt, ist mangels Engagements an Theatern pleite. Trotzdem pflegt sie in München einen aufwendigen Lebensstil, verschuldet sich. In einem Armenviertel von München trifft sie auf die Frau eines Handwerkers, die sich beklagt, dass niemand sich um die einfachen Leute kümmere, insbesondere die Banken nicht.

Adele Spitzeder sieht die Lösung ihrer eigenen Probleme: Sie erzählt der Handwerkersgattin, dass ihr jemand auf ihr Erspartes 10 Prozent Zinsen pro Monat zahle. Ob die Frau das nicht auch wolle? Sie will und händigt ihr wenig später 100 Gulden aus – Adele verspricht ihr 30 Prozent Zinsen in drei Monaten. Die ersten 20 Prozent könne sie gleich mitnehmen. Adele, die in einem Hotel wohnt, geht auf ihr Zimmer, kommt zurück und gibt der Frau 20 Gulden – von den 100 Gulden, die sie soeben erhalten hat. In drei Monaten erhalte sie dann den Rest, 110 Gulden.

Das meiste Geld der Kunden bleibt in ihrer Wohnung.

Und so beginnt Adele Spitzeders Karriere als Geldverleiherin. Sie wird genau drei Jahre dauern, bevor die Schauspielerin am 12. November 1872 verhaftet wird. Der deutsche Autor Julian Nebel schildert diese drei Jahre detailliert.

Spitzeder wird mit der Zeit mit Geld überschüttet. Vor ihrem Wohnsitz nahe am Englischen Garten steht auf einem Schild: «Adele Spitzeder, Privatière, Sprechstunden von 1–2 Uhr». Die Kunden strömen aus ganz Bayern heran und erhalten für ihr Geld einen Wechsel. Irgendwann fängt sie auch an, Kredite zu vergeben, und kauft Immobilien.

Das meiste Geld der Kunden bleibt aber in ihrer Wohnung, wo «der Wandschrank zuweilen dergestalt mit Silbermünzen angefüllt war, dass der Boden zu brechen drohte», wie sie später in ihren Memoiren schreibt. Sie hat 83 Angestellte, darunter viele Kreditvermittler, die für jeden Neukunden 5 Prozent Provision erhalten. Im Einzahlungszimmer thront sie auf einem Ledersessel. Sie ist laut und herrisch. In guten Zeiten stellt sie mehr als 1000 Wechsel am Tag aus. Sie nimmt so anderen Banken das Geschäft weg.

Die Behörden werden früh auf den Geldverleih aufmerksam. Doch eine Handhabe gegen sie gibt es nicht, weil es damals noch kein Kreditwesengesetz und keine Finanzaufsicht gab. Wie Adele, die 32'000 Kunden um ihr Erspartes brachte, schliesslich doch noch vor Gericht landet, sei hier aber nicht verraten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2018, 08:50 Uhr

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Adele Spitzeder

In guten Zeiten stellt die «Privatière» – hier auf einer Zeichnung von 1871 – mehr als 1000 Wechsel am Tag aus. Sie nimmt so anderen Banken das Geschäft weg.

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