Die Global Citizens

Sie stammen aus Schwellenländern und stehen an der Spitze westlicher Weltkonzerne. Warum gibt es so wenig Figuren wie Tidjane Thiam?



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In ihren Heimatländern zählen sie zur begüterten Schicht. Doch global betrachtet sind sie die Tellerwäscher, die es zu Millionären gebracht haben: Leute wie Tidjane Thiam. Der neue Chef der Credit Suisse stammt aus der Elfenbeinküste, einem Land, das die Weltbank zu den «lower-middle-income economies» zählt, der zweitärmsten Klasse. Von dort aus hat sich Thiam via Frankreich und Grossbritannien hochgearbeitet, er war bei McKinsey und spielt heute in der Top-Liga der weltweit begehrtesten CEOs.

«Global Citizens» nennt der Headhunter Lucas Schellenberg diesen Menschenschlag, der sich durch sein hohes Bildungsniveau, seinen internationalen Erfahrungsschatz und seine ausgeprägten interkulturellen Kompetenzen auszeichnet. Schellenberg arbeitet bei der Rekrutierungsfirma Stanton Chase, ist Dozent für interkulturelle Kompetenz an der Universität Basel und ist regelmässig in Schwellenländern unterwegs. Seine Beobachtung ist: Eigentlich zählt die Klasse der Global Citizens, Stand 2015, noch erstaunlich wenig nicht westliche Mitglieder.

Die Beispiele von Unternehmenschefs westlicher Multis, die selbst aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland stammen, lassen sich tatsächlich an einer Hand abzählen. Da wäre der in Indien geborene Satya Nadella, 48-jährig, seit 2014 CEO von Microsoft. Indra Nooyi (59) stammt ebenfalls aus Indien und leitet seit 2006 den Pepsi-Konzern. Anshu Jain (52) ist britisch-indischer Herkunft und seit Mitte 2012 Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Der Lebenslauf dieser Leute ist in der europäisch-amerikanischen Wirtschaftswelt nach wie vor die Ausnahme.

«Es gibt noch immer viel mehr Manager aus Industrieländern, die in einem aufstrebenden Land eine wirtschaftliche Führungsposition bekleiden, als umgekehrt», sagt Lucas Schellenberg. Die Ursache dafür ortet der Headhunter weniger in den Vorurteilen von Verwaltungsräten – «wir sprechen hier von einem globalen, hoch kompetitiven Segment des Arbeitsmarkts» – und auch nicht in der Sprache, sondern in einer Reihe von anderen, je nach Weltregion unterschiedlichen Gründen.

  • Bei Chinesen liegt das Problem laut Schellenberg vielfach im kulturellen Bereich. Der Umgang sei in China anders, es herrsche ein unterschiedliches Verständnis von Respekt und Empathie vor. «Chinesische Manager sind in westlichen Firmen aufgrund von Governance-Themen weniger oft zu finden.» Viele Chinesen, die im Westen ausgebildet wurden, würden nach dem Diplom auch wieder den Weg zurück suchen.
  • Bei den Managern aus Südamerika, und insbesondere aus Brasilien, ortet Schellenberg ein anderes Problem: den hohen Lohn im eigenen Land. «Oft ist es schwierig, einen Brasilianer für einen bestimmten Job zu rekrutieren, weil das Salär für einen ähnlichen Job auf dieser Stufe in Brasilien viel höher ist.»
  • Dagegen sei in Afrika südlich der Sahara oft das Ausbildungsniveau ein Problem. «Es hat schlicht und einfach mit der Anzahl verfügbarer Leute zu tun, dass Afrikaner in Industrieländern selten in der Teppichetage von Konzernen anzutreffen sind.» Themen wie der Umgang mit Korruption sind laut Schellenberg weitere Bremser.
  • Dass verhältnismässig viele Inder eine Spitzenposition in westlichen Unternehmen bekleiden, führt Schellenberg auf die dortigen Fortschritte im IT-Bereich zurück. «Indien ist inzwischen ein führendes Softwareland», sagt er, «so kommt es, dass Firmen wie Adobe oder Microsoft heute von Indern geführt werden.»

Eine Fehlannahme wäre, dass es überhaupt kaum Topmanager aus Schwellenländern gibt. Im Gegenteil. Es gibt sehr mächtige, nicht westliche Unternehmensführer. Pony Ma (43), Gründer und Chef des chinesischen Internetkonzerns Tencent, ist einer von ihnen. Das Magazin «Time» hat ihn auf die Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt gesetzt ebenso wie den Nigerianer Aliko Dangote (57), Chef des gleichnamigen Firmenkonglomerats und reichster Mann Afrikas. Riesig ist auch das Vermögen des mexikanischen Telecomunternehmers Carlos Slim, der inzwischen 75 Jahre alt ist.

Insgesamt aber bleiben die Teppichetagen globaler Grosskonzerne von Westlern dominiert. Die Tür nach oben gleicht einem Filter, der für Personen aus Industrieländern durchlässiger ist, und zwar überall auf der Welt. Headhunter Lucas Schellenberg glaubt, dass sich dies mit der Zeit allerdings ändern wird. «Künftig werden mehr und mehr Manager aus anderen Schwellenländern den Weg an die Spitze internationaler Konzerne finden.» Stimmt die Prognose, so würde der Global Citizen damit zu einem echten, globalen Phänomen.

Erstellt: 11.03.2015, 19:27 Uhr

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