«Die Leute merken selber, dass sie verblöden»

Obwohl Experten das Projekt für chancenlos hielten, lancierte Daniel Puntas Bernet vor acht Jahren das Magazin «Reportagen». Sein Kontrastprogramm zum üblichen Kurzfutter kommt gut an.

Seine Liebe zu Reportagen entdeckte Daniel Puntas Bernet während des Germanistikstudiums. Foto: Privat

Seine Liebe zu Reportagen entdeckte Daniel Puntas Bernet während des Germanistikstudiums. Foto: Privat

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Herr Puntas Bernet, Sie veranstalten Ende August in Bern ein dreitägiges Reportagen-Festival und laden 60 Reporter aus aller Welt zu Lesungen und Diskussionen ein. Am Ende kürt eine internationale Jury die beste Reportage. Das klingt nach ziemlich viel Organisationsaufwand.
Deswegen sagte ich immer «Vergiss es!», wenn meine Frau wieder einmal fand, wir sollten ein Reportagen-Festival in der Schweiz durchführen. Wir hatten beide mehr als genug zu tun mit der Herausgabe des Magazins «Reportagen», und ich bin nun wirklich kein guter Organisator. Andererseits habe ich eine Schwäche für verrückte Ideen. Mein Traum war, einen globalen Reporterpreis zu verleihen. Ich erzählte Jon Lee Anderson, einem der Stars der Branche, davon, und der sagte gleich, er sei in der Jury dabei. Und wenn du erst einmal drei, vier klingende Namen auf der Liste hast, ziehen viele weitere fast von selber mit.

Und dank dem Preis haben Sie sich auch mit der Durchführung eines Festivals angefreundet?
Mir war die Vorstellung ein Gräuel, irgendwelche Debatten zu Klimawandel und dergleichen anzetteln zu müssen. Durch die Idee, Festival und Reporterpreis zu kombinieren, ergab sich das Programm ganz natürlich: Die nominierten Reporter lesen ihre besten Texte und erzählen aus ihrem Berufsalltag, das Ganze wird von Profis moderiert und übersetzt. Als wir den Preis ausschrieben, erhielten wir 924 Einsendungen. Da wusste ich: Es hat sich gelohnt, mir vorübergehend einen zweiten Job zuzumuten.

Wie haben Sie die Stadt Bern als Veranstaltungspartnerin gewonnen?
Ich rief Marcel Brühlhart, Verwaltungsratspräsident von Bern Welcome, an. Nach drei Minuten unterbrach er mich und sagte: «Klingt faszinierend. Wann können wir uns sehen?» Was Locarno für den Film ist, kann Bern für den Journalismus, für die Reportage werden. Einflussreiche Stimmen aus aller Welt kommen hierher, erzählen ihre Geschichten und bringen dem Publikum die Reportertätigkeit näher – ich freue mich inzwischen sehr auf dieses weltweit erste Journalismus-Festival. Auch deshalb, weil ich weniger organisieren muss als anfänglich befürchtet. Bern Welcome trägt einen Grossteil des Budgets und den administrativen Aufwand, wir können uns auf die inhaltlichen Schwerpunkte konzentrieren.

Wie haben Sie selber zum Reporterberuf gefunden?
Ich wollte mit fast 35 endlich einen richtigen Beruf lernen und Gymnasiallehrer werden. Doch als wir während des Literaturstudiums die Gattung Literarische Reportage durchnahmen, fand ich diese Mischung aus Wahrhaftigkeit, Ästhetik und Abenteuer unfassbar spannend. Die Welt zu bereisen und Menschen auszufragen, war immer schon meine grösste Leidenschaft gewesen, und das gab es also als Beruf? Ich befragte Erwin Koch, den grossen Schweizer Reporter, für meine Seminararbeit – und nach diesem Gespräch wusste ich: Ich werde Reporter! Einwände wie die eines Kollegen, der meinte, ich könnte doch gar nicht schreiben, liessen mich kalt. Schreiben kommt erst am Schluss und ist nicht das Wichtigste. Recherchieren, im Gespräch eine Welt erkunden, für ein Thema brennen: Darauf kommt es an.

Wie gelang Ihnen der Berufseinstieg?
Meine Grossmutter erzählte mir von einem seltsamen Tunnelunglück am Önzberg, wo die Bahn-2000-Strecke gebaut wurde. Ein italienischer Polier habe eines Tages seiner Mannschaft gesagt, etwas mit dem Berg stimme nicht, man müsse den Tunnel sofort verlassen. Kaum seien alle draussen gewesen, sei der Tunnel eingebrochen. Ich wollte es genauer wissen und recherchierte zwei Monate lang, lebte zeitweise mit den Bauarbeitern in der Baracke, lernte den Polier Nino Colasacco und Dutzende weitere Arbeiter aus Italien, Portugal, Spanien, Jugoslawien, Österreich, Frankreich, Bosnien, Kroatien und der Schweiz kennen. Ich schrieb ihre Geschichte nieder, schickte sie an zehn Verlage und erhielt ebenso viele Absagen. Glücklicherweise las eine Redaktorin der Beilage «NZZ Zeitbilder» den Text und wollte ihn sogleich publizieren. Sonst würde ich heute mit Gymnasiasten Goethe-Gedichte analysieren.

Später wurden Sie Redaktor bei der «NZZ am Sonntag». War Ihnen das auf Dauer zu unspektakulär, oder warum gründeten Sie ein eigenes Magazin?
Die Anfänge im Hintergrund-Teil unter Martin Senns Leitung waren wunderbar. Die Kollegen hatten viele Ideen und setzten mich auf alle möglichen Themen an. Wenn Anfang Woche in «Le Monde» ein Dreizeiler über die Geburt des ersten Transplantationsbabys in der Schweiz erschien, lieferte ich mit einem Kollegen am Wochenende die zweiseitige Geschichte dazu. Wenn Franz Müntefering Hedgefonds mit Heuschrecken verglich, machte ich drei Tage später eine Doppelseite zur Frage, wie Hedgefonds eigentlich funktionieren. Im Wochentakt tauchte ich in neue Welten ein, recherchierte bis Freitag spät und schrieb am Samstag früh meine Geschichten. Dann wurde ich dem Wirtschaftsteam zugeteilt und kam viel seltener aus dem Büro. Es kam mir vor, als würde ich hauptsächlich die «Financial Times» übersetzen, mit Experten telefonieren und dann blutleere Geschichten schreiben. Gleichzeitig las ich, worüber Reporter im «New Yorker», im «Harper’s» oder «Atlantic» berichteten – und dachte immer öfter, eigentlich müsste es auch im deutschsprachigen Raum ein Magazin mit Reportagen geben.

Der «Spiegel» hatte eines, stellte es aber 2001 nach zwei Jahren mangels Erfolgs wieder ein.
Das war die offizielle Begründung. Eine andere besagte, dass das Reportagen-Magazin so gut lief, dass es zur Gefahr fürs Hauptblatt wurde. Ich sprach mit dem «Spiegel»-Verantwortlichen und anderen Profis über meine Idee, und alle sagten, so ein Projekt sei chancenlos, die Leute wollten keine langen Texte, sondern Kurzfutter. Auch NZZ-intern winkten beide Chefredaktoren ab. Von Ringier und Tamedia erhielt ich gar keine Antwort, nur Peter Wanner, Verleger der AZ-Medien, antwortete freundlich, zehn Jahre früher hätte er das sofort gemacht, aber jetzt habe er andere Sorgen. Diese Absage hat mich ermutigt. Ich beschloss, es selber zu versuchen, nicht aus einer Garage heraus mit Ehrenamtlichen, die rund um die Uhr arbeiten, sondern solid finanziert, mit guten Löhnen. Ich schnappte mir die «Bilanz» mit den 300 Reichsten und suchte ein Jahr lang nach Geldgebern.

Sie gewannen Evi Diethelm, Gerhard und Andrea Jansen als Investoren und konnten im Frühling 2011 loslegen mit «Reportagen». Wie können Sie überleben, während grosse Zeitungsverlage reihenweise Stellen streichen?
Auch wir haben uns schon nach einem Jahr eine erste Schlankheitskur verpasst: Wir kürzten die Honorare, reduzierten den Personalaufwand, sparten bei der Produktion und packten noch mehr selber an. Ermutigend war, dass das Produkt von Anfang an gut ankam – wenn auch anders, als ich gedacht hatte. Ich war davon ausgegangen, dass uns vor allem über 50-jährige Romantiker mit einer Vorliebe für gedruckte Texte lesen würden. Doch wenn man Kioskbetreiberin Valora glauben kann, sind wir das jüngste Magazin der Schweiz. Der grösste Kiosk im Zürcher Hauptbahnhof hat 4000 Titel im Angebot. Alle sind grossformatig, vierfarbig, bildlastig und schreien nach Aufmerksamkeit. Wir sind das Gegenteil: A5-Format, kein einziges Foto und auf dem Cover nur das Inhaltsverzeichnis. Alle zwei Monate sechs Geschichten, die das Weltgeschehen anhand eines Einzelfalls beleuchten. Dieser Ansatz holt gerade auch die Jungen ab, die unter der Reizüberflutung leiden. Je mehr Klicks Netflix und Youtube erzielen, desto besser für uns. Die Leute merken ja selber auch, dass sie verblöden, und wünschen sich Alternativen zum «Junk-Food» fürs Hirn. An eine Reportage, die dich berührt, erinnerst du dich auch zehn Jahre später noch.

Funktioniert Ihr Heft auch deshalb so gut, weil wir in der Schweiz zwar maximal versichert sind, aber kaum mehr Abenteuer erleben?
Das mag sein. Sicher erlaubt das Lesen uns, den Erfahrungsreichtum zu erweitern. Wenn ich die Reportage von Sabine Riedel über einen Hungerkünstler in St. Petersburg lese, schmecke ich den Wodka auf den Lippen und fühle diese Stadt. Ich war dort mit ihr und muss dann nicht mehr selber hinreisen. Oder wenn Alexander Osang sich dem Berater von Arnold Schwarzenegger an die Fersen heftet und uns mitnimmt in den Wahlkampf in Kalifornien, dann lerne ich den späteren Gouverneur besser kennen als durch tausend TV-Bilder und Zeitungsanalysen. Glücklich macht mich, dass «Reportagen» nicht nur bei der Leserschaft gut aufgenommen wurde und inzwischen 15'000-mal pro Nummer verkauft wird, sondern dass auch grosse Autoren uns ihre Geschichten anbieten. Roger Willemsen oder Sibylle Berg schrieben für uns, und Michael Stührenberg, der für «GEO» und den «Stern» jahrzehntelang die Welt bereist hat, entdeckte uns vor seiner Abreise nach Mali am Flughafen und bot mir an, einen Monat länger zu bleiben und ein längeres Stück über die Rebellen zu schicken.

Wie oft sind Sie selber noch auf Reportage?
Morgen reise ich zu einem Lavendelbauern in Südfrankreich, aber leider bin ich viel zu selten draussen. Ich hoffe, dass ich eines Tages einen Chefredaktor anstellen kann, um selber wieder mehr unterwegs zu sein. Wenn ich in Lebensgeschichten anderer Menschen eintauchen kann, ist das für mich wie Ferien im Job. Bis es so weit ist, reise ich im Kopf. Ich lese jeden Tag mindestens eine halbe Stunde ausserhalb der Arbeit. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung und meinem Lesetempo gäbe das immerhin noch 318 Bücher für den Rest meines Lebens.

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

Kontakt und Information:
www.reportagen.com oder daniel@reportagen.com

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 31.07.2019, 13:30 Uhr

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