«Die sinnentleerte Lohnarbeit kommt an ihr Ende»

Gestalten statt funktionieren: Die Digitalisierung ermögliche dem Menschen, sich auf seine wahren Stärken zu besinnen, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther.

Diesen Job wird künftig ein Algorithmus erledigen: Arbeitsplatz in einem Callcenter. Foto: Keystone

Diesen Job wird künftig ein Algorithmus erledigen: Arbeitsplatz in einem Callcenter. Foto: Keystone

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Herr Hüther, wovon hängt es ab, ob jemand sein Potenzial entfalten kann?
Das hängt wesentlich davon ab, ob ein Kind sich früh als Mangelwesen empfindet oder ob es das Gefühl vermittelt bekommt, es sei richtig und bedeutsam – unabhängig davon, was es leistet. Das Drama besteht darin, dass die meisten Menschen in jungen Jahren zu Objekten von Absichten und Bewertungen gemacht werden. Dadurch werden zwei elementare Bedürfnisse verletzt: jenes nach bedingungsloser Verbundenheit und jenes nach autonomer Gestaltung des eigenen Lebens. Weil ein Kind diesen doppelten Schmerz auf Dauer nicht aushalten kann, entwickelt es Notwehrstrategien.

Wie sehen diese aus?
Wenn das Kind merkt, dass es bestimmte Talente nicht entfalten kann, ohne die Verbundenheit aufs Spiel zu setzen und mit Liebesentzug bestraft zu werden, konzentriert es sich darauf, jenes Verhalten zu perfektionieren, das Anerkennung verspricht. Es unterdrückt seinen Bewegungsdrang, seine Entdecker- und Gestaltungsfreude, oft auch sein Mitgefühl, lernt, auf einem Stuhl zu sitzen und Stoff auswendig zu lernen, ohne unbequeme Fragen zu stellen; und statt sich zu entwickeln, wickelt es sich ein, legt sich einen Panzer zu und unterdrückt seine Bedürfnisse. Wer das am besten hinbekommt, hat die besten Karrierechancen und steigt mit grosser Wahrscheinlichkeit in die Chefetage einer grösseren Organisation auf. Jene, die nicht um ihrer selbst willen geliebt worden sind, verstehen sich prächtig darauf, andere als Objekte zur Realisierung ihrer Ziele zu benutzen.

Und all die «New Work»-Projekte, die im Zeichen von mehr Selbstverantwortung und weniger Hierarchie stehen, ändern nichts daran?
Selbstverantwortung setzt persönliche Entwicklung voraus, und diese kann man nicht von oben herab anordnen. Zudem sitzen wie erwähnt jene, die sich am meisten verwickelt haben und Emotionen sowie Mitgefühl erfolgreich unterdrückt haben, in der Regel ganz oben. Sie haben sich im Kampf um Macht durchgesetzt und profitieren von der Kommandostruktur. Deshalb kommt es oft vor, dass das obere Management die New-Work-Projekte, die es angestossen hat, selber sabotiert. Viele reden gegenwärtig von der Notwendigkeit einer digitalen Transformation, haben aber Angst, dass diese ihre Machtposition untergräbt.

Gerald Hüther: «Ein Zootier hält seinen Käfig für die Welt.» Foto: Michael Liebert

Sie haben in Hamburg auf einer Konferenz mit der Aussage provoziert, der Übergang von strikt hierarchisch geführten Unternehmen zu agileren Organisationen mit mehr Spielraum für jeden Einzelnen sei mit der «Auswilderung von Zootieren» zu vergleichen.
Es ist naiv, anzunehmen, dass Menschen, die von jungen Jahren an das ausgeführt haben, was andere ihnen sagen, von einem Tag auf den anderen Verantwortung übernehmen und Dinge gestalten können. Ein Zootier hält seinen Käfig für die Welt, viele Berufstätige sind insgeheim froh, dass sie nichts zu entscheiden brauchen, und versuchen einfach möglichst reibungslos zu funktionieren. Die gute Nachricht ist: Wir haben ein plastisches Gehirn und können das, was wir uns in jungen Jahren abgewöhnt haben, wiederentdecken und stärken. Das gelingt am ehesten, wenn wir eine attraktive Alternative finden zum weitverbreiteten Modus, nach Macht und Geld zu streben, um unsere Bedürftigkeit zu kompensieren. Wir müssten wieder unsere eigene Sinnlichkeit entdecken, berührbar werden, um unser Verhalten ändern zu können. Kinder und Jugendliche sind darin besser als die meisten Erwachsenen, deshalb sind sie es, die wichtige Bewegungen wie die «Fridays for Future» initiiert haben und so zu Entwicklungshelfern geworden sind für die Erwachsenen.

Wird auch die Digitalisierung das Umdenken vorantreiben? Viele Jobs werden von Computern zuverlässiger und schneller verrichtet als von Menschen.
Ja, die Digitalisierungswelle hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sie uns zwingen wird, zur Vernunft zu kommen. Alle austauschbaren Jobs, alle, die man durch Algorithmen abbilden kann, werden künftig von Automaten verrichtet werden. So sehr wir uns ins Zeug legen, der Automat kann das besser und länger und macht weniger Fehler. Aber Maschinen haben im Unterschied zu uns keine Bedürfnisse. Sie können deshalb auch keine Vorstellungen davon entwickeln, wie bestimmte Bedürfnisse umsetzbar sind, verfügen also über keine Kreativität. Deshalb fehlt ihnen auch die Motivation, ihre Ideen umzusetzen. Sie können selbst nichts wollen, nur etwas Vorgegebenes ausführen. Was uns von unseren digitalen Geräten unterscheidet, ist also nicht unser Wissen und Können, sondern just die Lebendigkeit, die wir uns so erfolgreich abtrainiert haben im Bemühen, wie Maschinen zu funktionieren.

Wie wird Zusammenarbeit künftig organisiert sein?
Die Zeit der Einzelkämpfer ist ebenso vorbei wie jene der grossen hierarchischen Gebilde, die wegen ihrer Bürokratie und der vielen Machtkämpfe zu unflexibel sind und zu grosse Reibungsverluste erzeugen. Die Zukunft gehört den individualisierten Gemeinschaften. Sie werden getragen von Menschen, die nicht arbeiten gehen, um Geld zu verdienen, die sich nicht zum Objekt von Erwartungen, Bewertungen und Massnahmen machen lassen, sondern die aktiv ihr Leben gestalten und sich mit anderen verbinden, um ihre Ambitionen besser verwirklichen zu können. So entsteht eine Verbundenheit, die nicht auf Macht und Abhängigkeit beruht, sondern auf der Verfolgung eines gemeinsamen Anliegens. Die nüchterne, sinnentleerte Lohnarbeit, die heute dominiert, ist ja nicht gottgegeben – sie hat sich erst vor rund 200 Jahren etabliert. Wir erleben gegenwärtig, wie sie ihr natürliches Ende findet. Lebendig bleiben und über sich hinauswachsen kann nur jemand, der sich mit anderen in einer Gemeinschaft verbunden fühlt und die Erfahrung machen kann, dass er dort gebraucht wird und zeigen kann, was er zu leisten imstande ist.

Das Buch zum Thema:
Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte. Vandenhoeck & Ruprecht, 2017.

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 28.12.2019, 15:27 Uhr

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