Die Ueli Steck GmbH

Der Berner machte sein Hobby Bergsteigen zum Beruf. Das erforderte vom Spitzensportler mindestens so viel Durchhaltevermögen wie seine Extremtouren.

Ueli Steck als Werbeträger für die Bank EFG: Ein Standbein seiner GmbH. Foto: Damiano Levat

Ueli Steck als Werbeträger für die Bank EFG: Ein Standbein seiner GmbH. Foto: Damiano Levat

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Die Eigernordwand hatte er mehrfach bezwungen, Rekorde am Laufmeter aufgestellt, Erstbegehungen auch im Himalaja realisiert. 2008 wagte sich der am 30. April verstorbene Bergsteiger Ueli Steck auf völlig neues Terrain – das ihm vielleicht sogar mehr Respekt einflösste als viele Gipfel: Er gründete eine GmbH und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Das Unternehmertum erforderte genauso viel Durchhaltevermögen wie die härtesten Expeditionen. «Anfangs war das wie bei anderen Jungunternehmern auch bei Ueli mit einer Durststrecke verbunden», erinnert sich sein Sprecher Andreas Bantel. Steck lebte spartanisch, musste bei der Migros die reduzierten Produkte nahe dem Verfallsdatum kaufen. Seinen erlernten Beruf konnte er nicht an den Nagel hängen. «Sein Einkommen stammte zu Beginn alleine aus der Arbeit als Zimmermann.»

Disziplin zahlte sich aus

Um vom Brotjob nicht mehr abhängig zu sein, arbeitete Steck hart. In der Freizeit entwickelte er minutiös neue Techniken, tüftelte am Material und übte immer schwierigere technische Kletterrouten. «Geld war damit vorerst mal keines zu verdienen», so Bantel. Dank eiserner Disziplin schaffte Steck es schliesslich nach einiger Zeit doch, unabhängig von seinem ehemaligen Brotjob zu werden. «Nach und nach fanden dank Uelis Erfolgen am Berg Sponsoren den Weg zu Steck», so Sprecher Bantel. Zuerst seien das Materialhersteller gewesen, später auch einige Finanzsponsoren. Seit 2014 war die Zürcher Privatbank EFG Stecks Hauptsponsor. Doch auch wenn der Bergsteiger seine Leidenschaft zum Beruf machte: Eine goldene Nase verdiente er sich nie. «Wer wirklich reich werden will, spielt besser Tennis, als auf Berge zu klettern», so Bantel.

So geht es den meisten Extremsportlern. Nur wenige können den erlernten Beruf an den Nagel hängen. In der Öffentlichkeit herrscht oft der Eindruck, die Athleten verdienten viel Geld. Doch die Realität ist anders. Auch wenn es Ausnahmen gibt: «Im Fall von Felix Baumgartner, der für Red Bull aus der Stratosphäre gesprungen ist, kann man das wohl behaupten», so Hans-Willy Brockes, Geschäftsführer der Europäischen Sponsoring-Börse in St. Gallen. «Bei vielen anderen Sportlern ist die Realität eher so, dass die Sportler ihre zum Teil teuren Expeditionen und Projekte finanzieren können.» Viel mehr bleibe nicht übrig.

Was für Extremsportler wie Steck die Suche nach Sponsoren zusätzlich erschwert: Für Unternehmen ist eine solche Beziehung auch mit Risiken verbunden. Ein Beispiel dafür ist die italienische Uhrenmarke Sector. Sie stellte sich in den 90er-Jahren ein Markenbotschafter-Team aus Extremsportlern zusammen. Nach dem Tod von zwei Werbeträgern, der Alpinistin Chantal Mauduit und dem Skydiver Patrick de Gayardon, stellte Sector das Engagement ein. Zu gross war das Risiko negativer Effekte auf das Image. Doch diesem Risiko steht eine hohe emotionale Wirkung gegenüber, meint Experte Brockes: «Menschen faszinieren mehr als das Sponsoring von Events oder Teams. Gerade Extremsportler wie Ueli Steck schaffen es ja bei uns allen, eine Bewunderung und Faszination auszulösen.» Den Sportlern muss es gelingen, über diese Schiene Sponsoren an Land zu ziehen. Steck schaffte das beim Hauptsponsor EFG. «Uelis persönliches Motto lautet ‹Alles, was ich mir vorstellen kann, ist möglich›, und seine Kletterkarriere verkörpert diese Haltung», lobte ihn die Bank anlässlich der Kooperation. Er sei damit für EFG «ein perfekter Fit».

Wie viel EFG in die Partnerschaft mit dem Extrembergsteiger investierte, wollen weder die Bank noch sein Sprecher sagen. Aber was klar ist: Das Sponsoring blieb nur ein Standbein Stecks. Seine GmbH war breit aufgestellt. Bei einem Auftritt in der Sendung Schawinski im Jahr 2012 erklärte der Bergsteiger, dass Vorträge eine Haupteinnahmequelle für ihn seien. Bis zu 100 Referate und Seminare hielt Steck pro Jahr. «Gutes Bergsteigen reicht eben doch nicht», kommentierte er trocken.

Sprecher Bantel zeigt einen weiteren Bereich, in dem Steck Vorreiter war: Er war ein Entwickler. Der Mann aus Ringgenberg BE habe für seine Expeditionen stets versucht, die Ausrüstung zu optimieren. «Grundsätzlich war erst einmal alles zu schwer, sei es der Schuh oder die neueste Jacke.» Daher tat sich Steck mit Ausrüstern zusammen, um Materialien leichter zu machen.

Auch ein Entwickler

Von diesen Entwicklungen werden nun auch andere Bergsteiger profitieren. Denn von Steck geprägte Produkte haben es in den Handel geschafft. «Seit Jahren haben wir mit Ueli neue Schuhe und Stiefel entwickelt», sagt Scarpa-Sprecher Marco Campagna. Dabei stand das Gewicht im Zentrum. «Bei Scarpa waren sie erst zurückhaltend und hatten Angst vor zu leichten Sohlen», so Steck in einem Interview. «Aber das ist es nun mal, was ich brauche.» Der italienische Schuhersteller hörte auf Steck. Das letzte Produkt, an dessen Entwicklung der verstorbene Extrembergsteiger wesentlich beteiligt war, ist der Scarpa Ribelle Tech OD – den die Firma wegen des geringen Gewichtes von 580 Gramm pro Paar anpreist. Steck war stolz auf seine Mitwirkung. Irgendwann könne er keine Rekorde mehr brechen. «Ich suche daher immer nach neuen Herausforderungen. Die Schuhproduktion zu revolutionieren, war sehr interessant», sagte er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2017, 22:38 Uhr

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