Blochers neue Zeitungen dürfen bleiben, wie sie sind

Die Angst vor neuen SVP-Gratisblättern geht um. Doch die 25 Lokaltitel stehen bereits rechts. Das zeigt exemplarisch die Kolumne eines Wutbürgers.

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Christoph Blocher glaubt an die Macht der Printmedien. Übernahme der «Weltwoche», Kauf der «Basler Zeitung» (BaZ), Kaufangebot für die «Blick»-Gruppe, Ankündigung einer Gratissonntagszeitung – überall hatte er seine Finger im Spiel. Der neuste Coup: Die BaZ Holding, an der Blocher zu einem Drittel beteiligt ist, erweitert ihr Portfolio nicht etwa um einen Prestigetitel oder ein grosses Lokalblatt, sondern sichert sich 25 Gratiswochenzeitungen. An diesen soll auch die NZZ-Gruppe Interesse bekundet haben.

Schnell wurden Stimmen laut, die davor warnten, dass die vor allem im Aargau und der Ostschweiz verbreiteten Zeitungen des Zehnder-Verlags zu Parteizeitungen der SVP mutieren könnten – die eine Leserschaft von bis zu 800 000 Personen erreichen.

Blocher dementierte in der Medienmitteilung des Zehnder-Verlags sogleich, mit dem Kauf politische Ziele zu verfolgen. Im Segment der Gratiswochenzeitungen spiele die politische Berichterstattung eine untergeordnete Rolle. «Die Redaktionen sind unabhängig», betonte Blocher. Und aus ökonomischer Sicht sei eine zu extreme politische Linie gar nicht förderlich, ergänzt sein Geschäftspartner Rolf Bollmann: «Wenn wir diese Zeitungen jetzt zu SVP-Kampfblättern oder SVP-Extrablättern umbauen würden, hätten wir ein Problem bei den Werbekunden.»

Ob Bollmann mit dieser Aussage recht hat oder nicht – ein politischer Umbau im grossen Stil wird wohl tatsächlich nicht stattfinden. Nicht etwa, weil dieser Leser kosten könnte. Sondern vor allem, weil er gar nicht nötig ist. Die Gratislokalzeitungen der Wiler Familienunternehmung Zehnder waren bereits vor dem Kauf auf rechtem Kurs.

Lieblingswort Rektum

Kronzeuge dafür ist Verlagsredaktor Charly Pichler, dessen Kolumne «Post von Pic» in den meisten Zehnder-Publikationen abgedruckt wird. Die Reichweite von 736 348 Exemplaren wird dabei Woche für Woche stolz verkündet. Pichler, der zuweilen als «Hofschreiber» der Zehnder-Familie bezeichnet wurde, ist ein Wutbürger mit wöchentlicher Plattform. Er inszeniert sich in seinen Texten in bester SVP-Manier als Vertreter des kleinen Mannes und Steuerzahlers, wettert mit markigen Worten gegen die «Classe politique», Politiker, Richter, Medien, Sozialämter, schmarotzende Ausländer und Frauen, die nicht in sein Weltbild passen. Und er präsentiert sich nicht nur als kleiner, sondern auch als starker Mann, der im Fall des Falles auch mal die Fäuste sprechen lässt.

Dazu einige Auszüge aus den bisherigen Ausgaben des laufenden Jahres:

«Ich möchte ihn wiedersehen, um ihm mit einem Tritt von zwei Tonnen Schub das Steissbein zu lädieren.» Das schreibt Pichler über einen Bettler, der mit dem erbettelten Geld mit dem Taxi davongerauscht sein soll.

«Sie sind von der Ethnie her stolzer Roma und von Beruf her gemeiner Enkeltrickbetrüger. (. . .) Ginge es nach mir, würden Sie und Ihre Mischpoke so rasant über die Grenze geschoben, dass Ihnen das Rektum raucht.» Auch gegenüber kriminellen Roma wünscht sich Pichler eine härtere Gangart.

Rektum scheint ohnehin ein Lieblingswort des Verlagsredaktors zu sein: «Wir arbeiten hart zwecks Entrichtung des fiskalen Obolus, und sie (die Kesb) schieben für die Seelenmassage eines gewaltbereiten Knaben, der von unserer Zuwendung lebt, psychiatrischen Auguren das Geld ins Rektum?»

Seichte Lokalberichterstattung

Pichler und seine Kolumne sind schon länger berüchtigt. Unrühmliche Bekanntheit und eine Rüge des Presserats brachte ihm im Jahr 2003 seine Kolumne «Mechmed Z. liebt unsere Gesetze» ein. Darin ging es um einen Asylbewerber, der angeblich 6000 Franken monatlich vom Staat kassiert haben soll.

Die Gratiszeitungen bestehen selbstverständlich nicht nur aus Pichler. Vielmehr dominiert oft eine seichte Lokalberichterstattung. Doch es gibt weitere Hinweise auf eine rechte Ausrichtung. So weisen Vertreterinnen linker Parteien in Winterthur und Wil darauf hin, dass in den Gratiszeitungen vor allem SVP-nahe Meinungen eine Plattform bekämen – sie kaum.

Jetzt übernimmt Blocher – und sichert damit, dass die Zehnder-Zeitungen so bleiben können, wie sie schon sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2017, 23:08 Uhr

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