Diese Umarmung kann tödlich sein

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will noch mehr Medienmacht.

Will mitentscheiden, wem und welchen Themen wir unsere Aufmerksamkeit schenken: Mark Zuckerberg.

Will mitentscheiden, wem und welchen Themen wir unsere Aufmerksamkeit schenken: Mark Zuckerberg. Bild: Shirish Shete/Keystone

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Diese Woche lanciert Facebook eine neue App für Ihr Smartphone. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will damit noch tiefer in das Geschäft eindringen, in dem bis vor kurzem noch Verlage und Sender allein das Sagen hatten. Notify, so heisst die Anwendung, wird Nachrichten von Medien bündeln. Speziell und neu daran ist: Notify-Nutzer sollen mehr Auswahl und Kontrolle darüber erhalten, von wem sie welche «Push-Nachrichten» erhalten. Das sind die SMS-artigen News-Schlagzeilen, die jederzeit überall auf dem Handybildschirm auftauchen können.

Das heisst nichts anderes als: Zuckerberg will mehr Macht. Nämlich noch mehr Macht darüber, wem und welchen Themen wir im Alltag Aufmerksamkeit schenken. Beim Start war Facebook zuständig für persönliche, manchmal intime Nachrichten von Freunden und Facebook-«Freunden». Je länger, je mehr sind es jetzt Hard News aus Politik und Wirtschaft, für die das Netzwerk eine virtuelle Standleitung auf unsere Handys legt.

Um ans Ziel zu kommen, braucht Zuckerberg Verbündete. Und zwar genau diejenigen, die von der Digitalisierung und Facebookisierung am meisten zu fürchten haben: die Verleger, die das Geschäft mit den harten Fakten immer noch am besten beherrschen, aber die Kontrolle darüber zu verlieren drohen, wie und zu welchem Preis ihre News konsumiert werden. Für sie stellt sich die Frage: Wollen wir den Pakt mit diesem Teufel eingehen, der die Leute von unseren gedruckten Zeitungen, Apps und Websites weggelockt hat? Oder können wir es uns leisten, in Zuckerbergs Welt mit 1,4 Milliarden Augenpaaren (davon 3,4 Millionen in der Schweiz) nur ein Kellerdasein zu fristen? Die Frage ist umso dringlicher, als der Nachrichtenkonsum zunehmend auf Smart­phones stattfindet.

Nicht wenige, auch ehrwürdige wie die «New York Times», BBC, «Spiegel» und «Bild», sind laut «Financial Times» zum Schluss gekommen, dass sie das Angebot des 31-jährigen Harvard-Abbrechers nicht ablehnen können. Auf die Gefahr hin, die Kontrolle über den Vertrieb ihrer Nachrichten ganz zu verlieren – was für sie tödlich wäre.

Die angeblich Todgeweihten werden momentan ohnehin tüchtig umworben. Apple sucht für seinen eigenen, erst vor kurzem lancierten Mobiltelefon-Nachrichtenticker Partner aus der Welt der alten Medien. Und von Google, dem dritten Silicon-Valley-Giganten, ist bekannt, dass er mit über 30 Verlagen an einem Projekt arbeitet, das deren Apps schneller machen soll. Das macht, so die Hoffnung, ihre genuinen Angebote attraktiver und würde Facebook wieder alt aussehen lassen.

Ob sich denn Notify wirklich so entwickelt wie geplant, ersehnt oder befürchtet, ist alles andere als klar. So jung und erfolgsverwöhnt Zuckerberg ist, er hat Erfahrung mit Misserfolg. Wer erinnert sich noch an seine Rohrkrepierer «Poke», «Camera» oder «Slingshot»?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 18:32 Uhr

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