«Der Unfall schärfte meinen Blick aufs Leben»

Headhunter Stefan Poth verlor bei einem Unfall einen Unterschenkel. Jetzt hilft er anderen, bewusste Entscheidungen zu fällen.

Auf dem Weg zurück in den Berufsalltag fiel Stefan Poth auf, wie sehr viele Menschen an ihrem Leben vorbeirasen. Fotos: PD

Auf dem Weg zurück in den Berufsalltag fiel Stefan Poth auf, wie sehr viele Menschen an ihrem Leben vorbeirasen. Fotos: PD

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Herr Poth, Sie sind Headhunter und verdienen Ihr Geld damit, für Arbeitgeber bei Vakanzen die besten Köpfe zu finden. Wie kamen Sie auf die Idee, Gesprächsrunden am Lagerfeuer anzubieten?
Nach gut zehn Jahren als Headhunter spürte ich: Viele der Kandidatinnen und Kandidaten, die mir gegenüber an diesem Tisch sassen, suchten gar nicht unbedingt einen neuen Job. Ihr Thema war, dass sie den Sinn in ihrer Arbeit nicht mehr sahen. Da half es wenig, über Jobprofile und Salärperspektiven zu diskutieren.

Und da entschieden Sie sich, Gespräche in der Natur am Feuer statt im Büro anzubieten?
Nein, dazu fehlte mir damals der Mut. Ich war gut unterwegs mit meiner Firma, konnte meine Familie ernähren und mir darüber hinaus etwas gönnen. Vielleicht wäre es noch jahrelang so weitergegangen. Dann rief mich am 18. April 2013 ein Kollege an und überredete mich, bei dem schönen Wetter spontan eine Ausfahrt mit dem Motorrad zu machen. Ich schaltete nicht einmal den Computer aus, weil ich nach wenigen Stunden zurück sein wollte. Es dauerte dann etwas mehr als acht Monate, bis ich ins Büro zurückkehrte.

Was war geschehen?
Ich wurde innerorts von einem falsch abbiegenden Auto gerammt. Bevor ich das Bewusstsein verlor, dachte ich, vermutlich sei das Bein gebrochen. Als ich auf der Intensivstation wieder zu mir kam, sah ich, dass mein Oberschenkel aufwendig fixiert war und unten am Bein etwas fehlte. Mein Unterschenkel war so zerquetscht worden, dass die Ärzte ihn amputieren mussten. Ich schwebte in Lebensgefahr wegen des hohen Blutverlusts und musste in den ersten Tagen acht Folgeoperationen unter Vollnarkose überstehen. Doch die Morphiumdosierung war so hoch, dass ich alles sehr locker nahm. Ich machte sogar Witze, um meine Familie etwas aufzuheitern.

Wann realisierten Sie die Konsequenzen?
Nach fünf Wochen sagte man mir, ich komme jetzt in die Rehabilitation. Vorher müsse ich aber «clean» werden, sprich: das Morphium, das ich mir zuvor alle fünf Minuten selber verabreicht hatte, absetzen. Das waren die schlimmsten drei Tage meines Lebens. Körperlich kämpfte ich mit dem kalten Entzug, psychisch realisierte ich allmählich, was ich verloren hatte – an Muskeln und an Freiheit. In der Rehabilitation fokussierte ich aber bald auf die Frage, wie ich möglichst rasch aus der Opferrolle herausfinden konnte. Hilfreich war, dass ich überall Menschen sah, denen es bedeutend schlechter ging als mir. Ich legte rasch wieder an Muskeln zu und wusste, dass ich privilegiert war, weil ich eine Prothese erhalten und so wieder würde gehen können. Ich realisierte: Meine Aufgabe war, den eindeutigen Verlust zu akzeptieren. Und bewusst zu entscheiden, mit wem ich mich vergleiche. Und ich ahnte bald, dass ich nicht nur etwas verloren, sondern auch etwas gewonnen hatte.

«Da war ich plötzlich nicht mehr einer der Fittesten unter Versehrten, sondern der Krüppel unter lauter Gesunden.»

Was zum Beispiel?
Die Beziehungen gewannen an Tiefe. Einer meiner guten Freunde war Bankdirektor. Vor meinem Unfall schafften wir es mit Müh und Not alle drei Monate, uns zu sehen. Als ich im Spital und in der Rehabilitation war, kam er jede Woche vorbei. Mir war das fast unangenehm, ich wusste ja um seinen vollen Terminkalender. Eines Tages sagte er mir, die Besuche seien wie eine Therapie für ihn. Gerade habe er sich wieder extrem aufgeregt, dass sein Flug von Hamburg nach Zürich 30 Minuten Verspätung gehabt habe. Wenn er hier sei und überall Menschen im Rollstuhl sehe, relativiere sich der Ärger rasch, und er erkenne wieder, was wirklich wichtig sei.

War das auch Ihre Erfahrung?
Ich erlebte einen zweiten Tiefpunkt, als die Rehabilitation nach einem halben Jahr abgeschlossen war. Da war ich plötzlich nicht mehr einer der Fittesten unter Versehrten, sondern der Krüppel unter lauter Gesunden. Alles war extrem anstrengend, das Aufstehen, das Duschen, das Anziehen, das Zähneputzen, das Aus- und Einsteigen. Wenn ich am Morgen im Büro eintraf, war ich schon komplett erschöpft, vor allem mental. Alles, was vorher wie selbstverständlich abgelaufen war, musste ich neu lernen. Zudem machte ich die Erfahrung, dass Kunden nicht acht Monate auf dich warten, wenn du einen Unfall hast. Entsprechend musste ich wieder fast bei null beginnen. Ich legte mich wieder ins Zeug als Headhunter, wusste aber, dass ich noch etwas anderes tun wollte. Schliesslich hatte ich ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Stefan Poth verzichtet trotz Unterschenkelprothese nicht auf abenteuerliche Reisen in einsame Gegenden.

Und da lancierten Sie Ihr Projekt Funkenfeuer?
Genau. Dadurch, dass ich so verlangsamt unterwegs gewesen war, sah ich noch deutlicher, wie sehr viele Menschen an ihrem Leben vorbeirasen. Wie sie pausenlos beschäftigt und abgelenkt sind und nie dazu kommen, sich mit den wesentlichen Fragen auseinanderzusetzen. Und irgendwann blicken sie auf ihr Leben zurück und fragen sich: «War es wirklich das, was mir wichtig war? Hätte ich meine Zeit nicht anders nutzen wollen?» Ich wollte einen Raum schaffen, der es Menschen erlaubt, bewusst auf ihr Leben zu schauen – ohne Unfall und nicht erst auf dem Sterbebett. Zum Glück fand ich in Markus Langenegger einen Mitstreiter, den ich schon lange kenne und der in beiden Welten zu Hause ist: der Businesswelt und der spirituellen Welt. Ich selber absolvierte Coaching-Ausbildungen und erlebte auf Reisen durch einsame Gegenden, wie wertvoll Momente der Entschleunigung sein können.

Was passiert, wenn Vielbeschäftigte mit Ihnen um ein Lagerfeuer sitzen?
Wir schaffen Zeitinseln in der Natur und ermöglichen es den Teilnehmenden, in einen ganz anderen Modus zu kommen. Am Anfang braucht das Überwindung. Wenn wir zu Beginn die Leute auffordern, ihr Smartphone abzugeben, schauen viele uns an, als hätten wir von ihnen verlangt, sich auf der Stelle auszuziehen. Da wird einem bewusst, wie sehr wir von diesen Geräten abhängig sind. Gelingt die Abnabelung, öffnet sich ein Raum für Stille, Wärme, innere Ruhe, offene Gespräche. Das Feuer begünstigt all dies. Es ist wesentlich einfacher, persönliche Dinge am Feuer auszusprechen als an einem Besprechungstisch im Büro. Die meisten empfinden es als reinigend und erdend, auf diese Weise runterzufahren und sich der eigenen Wahrheit anzunähern. Und manchen gelingt es, ein inneres Feuer, das sie kaum noch gespürt haben, wieder zu entfachen.

Das könnte im Grunde auch jeder für sich tun.
Ja, es ist paradox, dass wir Menschen brauchen, die uns einen Rahmen geben fürs Nichtstun, nicht wahr? Aber die meisten nehmen sich eben nicht die Zeit, in der Natur ein Feuer zu machen und dort zu entschleunigen. Wir meiden das Nichtstun, die Langeweile nach Kräften, vielleicht fürchten wir uns davor, uns selber zu begegnen. So bleiben wir in unserer Komfortzone, jagen von Termin zu Termin, arbeiten uns an Pendenzen ab, sind ehrgeizig sogar beim Yoga und beim Meditieren. Und wenn mal nichts zu tun ist, greifen wir zum Smartphone, um beschäftigt zu bleiben. Mit Funkenfeuer führen wir die Menschen in die organisierte Langeweile, verhelfen ihnen zu schöpferischem Nichtstun. Das hilft ihnen, ganz im Moment zu sein, sich wahrzunehmen und dann aus einer engagierten Gelassenheit heraus die richtigen Dinge zu tun.

Kontakt und Informationen: www.funkenfeuer.ch

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 16.11.2019, 17:35 Uhr

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