«Firmen stellen mehr Lehrlinge ein, als sie brauchen»

Mit fragwürdigen Strategien versuchen Firmen zu verhindern, dass Lehrstellen unbesetzt bleiben. Doch es geht auch anders.

Alle Mitarbeiter reden mit: Auszubildende der Schreinerei Service 48 in Schlieren. Foto: Reto Oeschger

Alle Mitarbeiter reden mit: Auszubildende der Schreinerei Service 48 in Schlieren. Foto: Reto Oeschger

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Die Schreinerei Service 48 in Schlieren ZH befindet sich in einem unscheinbaren zweigeschossigen Gebäude. Im Erdgeschoss sägen zwei Mitarbeiter Holzplatten. Es lässt sich nur schwer erahnen, dass dies ein Betrieb ist, der mit 60 Leuten jährlich 27'000 Aufträge ausführt. Ein Fünftel der Belegschaft sind Lehrlinge.

Im Obergeschoss, einer weiträumigen, hell beleuchteten Werkstatt, arbeiten vier Jugendliche, darunter zwei Frauen, selbstständig. «Die anderen sieben Lehrlinge sind in der Schule oder auf Montage», sagt Lehrlingschef David Hauser. Ein ganzes Stockwerk – die Hälfte des Gebäudes! – nur für Lehrlinge? «Ja, der ganze Stock ist für sie reserviert.» Im Betrieb erhalten sie eine vollständige Ausbildung. Von Offertkalkulation über Bestellung, Produktion und Montage bis zur Garantiereparatur lernen sie alles. «Wir machen aus ihnen kleine Unternehmer», so Firmengründer Markus Walser.

20 Prozent hören wieder auf

Was die beiden erzählen, klingt bereits wie der perfekte Lehrbetrieb. Sie rechnen mit keinem einzigen Lehrabbruch. «Letzthin wollte ein Lehrling, eine junge Frau, an eine computergestützte Herstellmaschine (CNC). Wir fragten: Kannst du das? Sie sagte: Ja, ich habe es in der Schule gelernt. Dann sagten wir: Fein, wir schicken dich in einen Spezialkurs. So wirst du ein Profi.»

Dem könnten andere Kleinfirmen nacheifern. Denn um Fachkräfte zu gewinnen, müssten KMU «auf die Bedürfnisse der Generation der heutigen Lehrlinge eingehen», sagt der auf das Lehrlingswesen spezialisierte Unternehmensberater Peter Heiniger. Denn weil Grossfirmen bei den Eltern und Lehrstellensuchenden ein besseres Image haben, angeln sie sich oft die besten Anwärter.

«Nicht wenige Firmen stellen bewusst mehr Lehrlinge an, als sie brauchen.» Die Selektion passiere dann im ersten und zweiten Lehrjahr. «Den Lehrabbruch kalkulieren sie mit ein.» Die gesamtschweizerische Abbruchquote beträgt gemäss Statistik 20 Prozent. Die meisten Abbrüche erfolgen im ersten Jahr.

Eine solche Strategie sei heute nicht akzeptabel, so Heiniger. Sie führe zu einem Imageschaden für KMU. Die Betriebe müssten ihre Führungsmodelle ge­genüber Jugendlichen anpassen und sich daran beteiligen, dass das Image der Lernenden aufgewertet werde. Zuletzt blieben immerhin rund 9 Prozent der Lehrstellen unbesetzt.

Noch besteht ein Kopfhörerverbot. Aber bei gewissen Tätigkeiten könnte Musikkonsum erlaubt werden.

Viele Lehrlinge fühlen sich nicht ernst genommen. Ein Beispiel dafür ist etwa der 17-jährige Nelson aus dem Wallis. Der Elektroinstallateur-Lehrling verdrahtete einer Küche. Der Baustellenchef zog ungewöhnlich dicke Drähte durch die Rohre. Das verkomplizierte die Sache. Nelson stutzte, denn für eine gewöhnliche 240-Volt-Leitung braucht es die nicht. «Warum nehmen wir diesen dicken Durchmesser, wenn ein dünnerer genügen würde?», fragte er. Vom Chef bekam er nur die Antwort: «Du bist nicht angestellt, um zu denken.» Punkt.

Heiniger schüttelt über solche Antworten den Kopf. Er hat mehrere Mandate kleiner und grosser Firmen. Heute würden Lehrlingen solche Aussagen nicht mehr akzeptieren. «Sie verlangen nach nachvollziehbaren Antworten, die zeigen, dass sie ernst genommen werden.»

Zu den neuen Bedürfnissen gehörten laut Heiniger auch Details wie beispielsweise die Frage, ob Musik hören mit Kopfhörern erlaubt sein sollte. Firmen verbieten dies Lehrlingen heute unisono. Heiniger setzt hier ein Fragezeichen: «Es gibt Tätigkeiten, bei denen Musik hören die Arbeit nicht stören, sondern befruchten könnte.»

Ein überholtes Lehrsystem

Laut Heiniger seien die Lehrlingsausbildner pädagogisch geschult, sässen aber oft im Büro in der Zentrale. Die Konflikte passierten an der Front. Dort, wo die Lehrlinge den Bereichsleitern oder Vorarbeitern untergeordnet sind. Diese lokalen Ausbildner seien «oft überlastet, erschöpft und schlecht ausgebildet» und hätten selten ein Flair für junge Leute. Sie behandelten sie wie Mitarbeiter zweiter Klasse. «So vergällt man den Lehrlingen die Arbeit, bis sie die Lehre abbrechen», so Heiniger.

Diese Analyse teilt der Direktor des Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler, nicht. Die Beispiele seien «reine Behauptungen eines realitätsfernen Unternehmensberaters». Sie entbehrten jeglicher Repräsentativität und widersprächen den Rückmeldungen, welche er aus Ausbildungsbetrieben erhalte.

Das schweizerische Bildungssystem sei «keineswegs veraltet, sondern höchst modern». Insbesondere sei es auch, laut des St. Galler Bildungsökonomen Stefan Wolter, «das einzige System, das dank des aktiven Mitwirkens der Betriebe junge Leute wirklich arbeitsmarktfähig» mache. 70 Prozent aller Lehrlinge in der Schweiz würden von KMU ausgebildet. Also dürfe es nicht sein, dass sich «KMU mit dem Rest der nicht gut qualifizierten Lehrlingsanwärter begnügen müssen».

Lehrstellenüberschuss verbessert die Situation

Heiniger kontert, Biglers Kritik ziele daneben. Das System sei gut, aber der Umgang mit den Lernenden sei nicht mehr zeitgemäss. Die Beispiele stammten von Lernenden selber, «also von der Front». Er vermutet, dass Bigler vor allem die «guten Rückmeldungen» von fortschrittlichen Lehrbetrieben erhalten habe. Die vielen weniger guten Betriebe blieben anonym und kämpften mit den erwähnten Herausforderungen. Es komme nicht von ungefähr, dass etwa im Bauhaupt- und Baunebengewerbe jeder zweite Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst werde. Dies liege sicher nicht nur an der Motivation oder falschen Berufswahl der Jugendlichen.

Recht bekommt Heiniger von Bruno Gobet von Dachgewerkschaft Travailsuisse. Die Lehre sei grösstenteils effizient und wirksam, aber es gebe punktuell Probleme. Lehrlinge würden zum Teil ausgenützt, und schlecht begleitet, zum Teil seien Betriebe mit der Ausbildung überfordert oder verführten Stifte zur falschen Berufswahl.

Angesichts des Lehrstellenüberschusses habe sich die Situation verbessert. «Die Betriebe sind gezwungen, ihre Lehre besser aufzustellen. Wem es nicht gelingt, bei den Jungen zu punkten, der wird in einigen Jahren noch mehr Probleme haben, Nachwuchs zu rekrutieren.»

Viele Lehrabgänger gehen

Auch die Warenhausgruppe Manor hat Heiniger um Hilfe gebeten. «Wir haben heute Mühe, Lehrlinge zu finden», sagt Paul Zumstein, Leiter Personaldienste. «Lange ging es uns gut. Jetzt können auch wir uns diesem Trend nicht entziehen.»

Bei Manor haben 142 Lernende im August eine Lehre angetreten. Insgesamt zählt die Firma 361 Stifte in 5 Berufen. Jährlich brechen rund 15 die Lehre ab. «Die heutige Lehrlingsgeneration hat einen hohen Anspruch an die Work-Life-Balance», sagt Zumstein.

Doch nicht nur Lehrlinge zu finden sei schwierig. Noch wichtiger sei es, sie zu binden. «Nach dem Lehrabschluss ziehen sie? häufig weg. Sie wollen reisen, sie wollen eine Auszeit oder sich weiterbilden», sagt Zumstein. So verliere man gute Leute. «Hier müssen wir uns fragen: Wie gewinnen wir mehr Lehrlinge, und wie behalten wir sie nach Abschluss bei uns?»

Manor hat ein dreijähriges Projekt lanciert. «Wir müssen unsere Ausbildung überdenken. Nichts darf tabu bleiben», sagt Zumstein. Wird auch ?das Verbot von Kopfhörern überdacht? Zumstein und Lehrlingschefin Renate Wunderlin lachen über die Frage. Noch gelte ein Verbot am Arbeitsplatz. Doch könnten für gewisse Tätigkeiten im Büro Kopfhörer zugelassen werden. Lehrlinge dürfen hoffen.

Jeder hat eine Stimme

Das Umdenken zeigt sich auch bei den Pausen. Handwerker haben meist eine Stunde Mittagspause. Am Nachmittag wird durchgearbeitet. Das fanden die Jungen bei der Schlieremer Schreinerei 48 unbefriedigend, so Lehrlingschef Hauser. «Also kamen sie mit dem Vorschlag, die Mittagspause zu verkürzen und dafür um 15 Uhr eine Viertelstunde Pause zu machen». Seit zwei Jahren gelte dies jetzt «nur für die Lehrlinge», sagt Hauser.

Die künftigen Lehrlinge werden von allen 60 Mitarbeitern ausgewählt. «Dafür legen wir den Betrieb für eineinhalb Tage lahm und unterziehen die Kandidaten einem praktischen Test und stellen Fragen zum Allgemeinwissen.» Am Ende wird abgestimmt. Jeder, auch die aktuellen Lehrlinge, hat eine Stimme.

Ganz zufrieden ist Firmenchef Walser aber nicht: «Wir wollten 16 und haben nur 11 Lehrlinge gefunden. Am liebsten hätten wir doppelt so viele!» Woran scheitert es? «Wir wissen es nicht.» So holten sie Berater Heiniger. «Er soll mit den Lehrlingen herausfinden, was wir verbessern müssen.» Einem Externen, hofft er, werden sie «ehrlichere und ausführlichere Antworten geben».

Erstellt: 15.10.2018, 10:18 Uhr

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