«Herren-Netzwerke haben ausgedient»

Sie bricht mit Klischees: Grazia Vittadini ist Chef-Ingenieurin bei Airbus und die einzige Frau im Vorstand. Was hat sie vor?

Sie stammt aus den USA und studierte Luft- und Raumfahrt in Mailand: Grazia Vittadini, CTO bei Airbus. Foto: oh

Sie stammt aus den USA und studierte Luft- und Raumfahrt in Mailand: Grazia Vittadini, CTO bei Airbus. Foto: oh

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Chef-Ingenieurin Grazia Vittadini setzt sich durch, wenn sie will. Neulich legte ihr eine Mitarbeiterin der Personalabteilung von Airbus eine Liste von Nachwuchstalenten fürs mittlere Management vor. Sie merkte sofort, dass da was fehlte: die Namen von Frauen. Nur ein Viertel der Kandidaten waren Frauen. Vittadini fragte nach, die Personalerin erklärte, sie habe im Unternehmen nicht mehr Frauen gefunden. Dann müsse sie länger suchen, entgegnete Vittadini. Sie wolle 50 Prozent Frauen auf der Liste.

Typisch Grazia, sagen die, die sie kennen. Sie sucht gezielt nach Talenten im Unternehmen. Sie fordert, um zu fördern. Vittadini, 48 Jahre, seit Mai 2018 im Vorstand von Airbus zuständig für Technik, sagt, als erste und einzige Frau im Leitungsgremium habe sie die Mission, die Firma bunter zu machen. Vittadini geht es nicht nur um Frauen, sie will mehr Vielfalt ganz allgemein. «Auch viele Männer wollten raus aus dem Muster ‹pale, male, yale›», sagt sie, weiss, männlich, Elite. Der Dreiklang der «Herren-Netzwerke» habe ausgedient. «Die Modelle, die Muster, die bisher angewendet worden sind», sagt sie, «sind uns allen zu eng geworden.»

Sie selbst hat im Laufe ihrer Karriere so manches Klischee gebrochen. In den USA aufgewachsen, wollte die gebürtige Mailänderin trotzdem lieber in Italien studieren als an einer US-Elite-Universität, der europäischen Kultur wegen. Am Politechnico di Milano war sie eine Exotin, Luft- und Raumfahrt studierten damals nur ein Prozent Frauen. Ihr erster Job war bei einer italienischen Firma, sie war die einzige Ingenieurin und durfte den Fertigungsbereich nicht betreten, denn sie hätte die männlichen Arbeiter ablenken können.

Viel Macho-Gehabe also damals, das habe sie später in Deutschland so nie erlebt. Vittadini ging nach zwei Jahren zu Fairchild Dornier, um dort an der Entwicklung des Business Regional Jet zu arbeiten. Nach der Pleite 2002 wechselte sie nach Hamburg zu Airbus.

Ihre Karriere verlief in Riesenschritten nach oben.

Dort arbeitete sie an grossen Flugzeugen wie dem A380. Es war eine hoch spezialisierte Tätigkeit. Jeder Mitarbeiter kümmert sich nur um einen winzigen Aspekt der Maschine. Bei Vittadini war es ein Rumpfsegment. Sie aber wollte lieber den Gesamtblick haben, und das heisst Management. Also die Entwickler, die Zulieferer, die Konstrukteure zusammenbringen – ein Integrationsjob.

Sie bekam die Chance, ein Team zu leiten und machte es wohl richtig, denn ihre Karriere verlief in Riesenschritten nach oben. Bis sie direkt dem Airbus-Chef zuarbeitete, als Leiterin der Corporate Audit, der Internen Revision.

Bald wurde sie zur Chefingenieurin von der damals noch eigenständigen Firma Airbus Defence and Space befördert, der Verteidigungs- und Raumfahrtsparte von Airbus, wo sie unter dem Chef Dirk Hoke verschiedene Forschung- und Entwicklungsabteilungen zusammenführen sollte.

A 380-Flieger auf dem Flughafen in Finkenwerder: Grazia Vittadini arbeitete hier bei Airbus. Foto: Hans Blossey/imago

Wieder so ein Integrationsjob. Sie sagt, dort habe sie einen gemeinsamen Ingenieursgeist fördern und damit einen gemeinsamen Nenner von Luft- und Raumfahrt schaffen wollen. Zum Beispiel entwickeln sie jetzt bei Defence and Space – ähnlich wie beim Flugzeugbau – ganze Produktlinien von Satelliten, statt einzelne, auf eine Mission zugeschnittene Satelliten zu bauen.

Im Gegenzug sollen die Flugzeugbauer von der Raumfahrt lernen, etwa neue Materialien zu verwenden. «Die Gesetze der Physik gelten für alle Produkte», sagt Vittadini. «Aluminium ist Aluminium, egal ob es ein paar Kilometer über der Erde fliegt oder im All.» Viele Materialien liessen sich für Luft- und Raumfahrt verwenden. Das gelte auch für Algorithmen und Mikrochips.

Den Austausch zwischen beiden Bereichen will sie jetzt auch im Gesamtkonzern pflegen, der die früher eigenständigen Töchter Commercial Aircraft, Defence and Space sowie Helicopter unter einem Dach vereint. Darin sieht Vittadini ihre Stärke: Die Integration vorantreiben, Gemeinsamkeiten nutzen, um schneller und intelligenter zusammenzuarbeiten.

Es ist ein regelrechter Wettkampf ausgebrochen. Das All ist zur Arena der Superreichen geworden.

Weniger Reibungsverluste zwischen den Abteilungen, eine gut funktionierende Schnittstelle zwischen Forschung und Inbetriebnahme – das kann der Konzern gebrauchen. Die Luftfahrt steht vor vielen Herausforderungen. Flugzeuge sollen umweltfreundlicher werden und Lufttaxis gelten als neue Zukunftsvision. Sie sollen Passagiere innerhalb von Städten und zwischen Metropolen transportieren möglichst elektrisch und autonom fliegen.

Auch in der Raumfahrt ändert sich viel. Es ist ein regelrechter Wettkampf ausgebrochen zwischen US-Milliardären wie Amazon-Chef Jeff Bezos und SpaceX-Gründer Elon Musk. Das All ist zur Arena der Superreichen geworden. Von «New Space» sprechen viele, für Grazia Vittadini ist es mehr als ein Buzzword: In der Raumfahrt würden sich viele Unternehmen gerade neu positionieren.

Als Beispiel nennt sie das Projekt One Web. Die Hälfte der Erde liege noch im Schatten des Internet. Das Konsortium One Web will knapp tausend Satelliten ins All schicken, damit im Jahr 2020 von möglichst jedem Ort eine Verbindung ins Internet möglich ist. Airbus ist mit von der Partie und wird 900 Satelliten fertigen – «eine unglaubliche Herausforderung für Airbus», sagt Vittadini. Das bedeutet eine Produktion von 15 Erdtrabanten pro Woche, der Konzern baut normalerweise 15 pro Jahr.

Airbus kann Erfolge brauchen. Der Nettogewinn hat sich im ersten Halbjahr auf knapp 500 Millionen im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Und auch im Vorstand ist das Stühlerücken noch nicht vorbei. Im kommenden Jahr verlässt Finanzvorstand Harald Wilhelm das Unternehmen. Zudem geht Konzernchef Tom Enders im Mai 2019 in den Ruhestand. Als Nachfolger ist, wenig überraschend, ein Mann im Gespräch: der Franzose Guillaume Faury. Top-Managerinnen sind noch selten in der Branche. Grazia Vittadini hat noch viel zu tun.

Erstellt: 22.09.2018, 18:35 Uhr

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