Hintergrund

Hört auf zu arbeiten!

Zwei deutsche Unternehmensberater kritisieren die bestehende Arbeitskultur: Es gibt keine sicheren Jobs mehr. Geht das Zeitalter der guten Arbeit zu Ende?

In Zukunft sollte man sein Glück wohl nicht mehr in der Arbeit suchen: Ein perfekter Tag am Strand. (Flickr/Cali4beach)

In Zukunft sollte man sein Glück wohl nicht mehr in der Arbeit suchen: Ein perfekter Tag am Strand. (Flickr/Cali4beach)

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Anja Förster und Peter Kreuz sind zwei junge deutsche Unternehmensberater. Sie hat ihr Handwerk bei der renommierten Beraterfirma Accenture erlernt. Er war Assistenzprofessor für Betriebswirtschaft in Wien. Zusammen haben sie sich selbstständig gemacht und betreiben in Heidelberg ihre eigene Firma. Förster und Kreuz sind alles andere als linke Revolutionäre, und doch lautet der Titel ihres kürzlich veröffentlichten Buches: «Hört auf zu arbeiten!». Eine ruppige Abrechnung mit der bestehenden Unternehmenskultur, zumindest in der ersten Hälfte.

Moderne Menschen sind permanent überfordert

Wer gute Arbeit leiste, so Förster/Kreuz, der habe heute das Nachsehen. Wer pünktlich im Büro erscheint, fleissig und ordentlich seinen Job erledigt, ist trotzdem nicht mehr sicher, dass er bei der nächsten Restrukturierung nicht seinen Arbeitsplatz verliert. Der Wunsch, «endlich mal irgendwo anzukommen, endgültig dazuzugehören und echte, wohlverdiente, faire Arbeitsplatzsicherheit» zu haben, wird heute nicht mehr erfüllt. Der alte soziale Vertrag, wonach jeder Arbeitende auch ein Recht auf ein bürgerliches Auskommen hat, gilt nicht mehr. Was ist schiefgelaufen? «Es sind weder die Mitarbeiter noch die Chefs, die versagen. Es ist das Versprechen, das nicht mehr zu halten ist.»

Dieses gebrochene Versprechen hat gravierende Konsequenzen im modernen Arbeitsalltag. Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burn-outs sind auf dem Vormarsch. Moderne Menschen sind permanent überfordert. «Die Aufgaben verändern sich ständig, sodass man keine Zeit hat, sich hineinzuarbeiten», stellen Förster/Kreuz fest. «Schon gar nicht lohnt es sich, eigene Gedanken zu investieren und neue Ideen, neue Arbeitsmethoden zu entwickeln.» Auch die Unternehmen haben immer weniger davon, wenn ihre Mitarbeiter gute Arbeit verrichten. Sie wird pflichtbewusst, aber ohne jegliche Kreativität verrichtet. Unternehmen werden somit zwar immer effizienter, aber gleichzeitig sind sie eben auch immer weniger in der Lage, Innovationen zu entwickeln.

«Armut durch verpasste Lebenschancen»

Ausgebrannte Mitarbeiter und ausgepowerte Unternehmen, das verspricht wenig Gutes. Förster/Kreuz zitieren den Zukunftsforscher Horst Opaschowski: «Früher war man ohne Arbeit arm. Auf dem Weg in die Zukunft wird man immer öfter auch mit Arbeit arm sein oder werden. Gemeint ist eine doppelte Armut: Geldarmut und Lebensarmut, also Armut durch verpasste Lebenschancen.»

Förster/Kreuz greifen das wohl bedeutendste sozialpolitische Problem der modernen Gesellschaft auf: das Verschwinden der guten Jobs. In seiner Rede zur zweiten Amtszeit ging auch US-Präsident Barack Obama auf dieses Thema ein: «Wir wissen, dass es Amerika dann gut geht, wenn jede Person Unabhängigkeit und Stolz in ihrer Arbeit finden kann; wenn der Lohn ehrlicher Arbeit die Familien vor dem Abgleiten in die Armut bewahrt.» Technischer Fortschritt und die Globalisierung sind jedoch im Begriff, genau dies zu verhindern. Immer mehr gute Jobs werden von Robotern erledigt oder in Schwellenländer ausgelagert.

Die Themen in der Politik verdeutlichen das Problem

Das führt zu einem massiven Überangebot auf den Arbeitsmärkten – und das wiederum zu fallenden Löhnen und drohender Massenarbeitslosigkeit. Kein Wunder, sind Mindestlöhne, Lohnobergrenzen für Manager, Rentenalter und Sozialleistungen zu heiss umstrittenen Themen der Politik geworden. Gleichzeitig werden in Zukunft neue Arbeitsmodelle wie das bedingungslose Grundeinkommen oder kürzere Arbeitszeiten brandaktuelle Themen sein.

Davon wollen die beiden Unternehmensberater Förster/Kreuz nichts wissen. So schonungslos ihre Abrechnung mit der bestehenden Unternehmenskultur ist, so bieder ist ihre Lösung. Sie setzen auf individuelle Lösungen, greifen zu einem semantischen Trick und ersetzen «gute Arbeit» durch «bedeutsame Tätigkeit». Wenn wir alle unsere Arbeit mit dem gleichen Enthusiasmus und der gleichen Leidenschaft verrichten, wie Bruce Springsteen seine Konzerte absolviert, dann wird alles gut. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Erstellt: 18.04.2013, 14:50 Uhr

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Anja Förster/Peter Kreuz: Hört auf zu arbeiten! Pantheon-Verlag, München 2013.

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