«Ich bin süchtig nach Kennenlernen»

Bevor Daniel Puntas Bernet das Magazin «Reportagen» gründete, war er Devisenhändler, Sportvermarkter, Pizzaiolo und Englischlehrer – unter anderem.

Die dekadente Welt der Hochfinanz und der VIPs widerte ihn an: Daniel Puntas Bernet. Foto: Privat

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Herr Puntas Bernet, Sie haben wohl zwei Dutzend Berufe ausgeübt. Wie findet man zur richtigen Tätigkeit?
Indem man rausgeht, viele Menschen und ihre Geschichten kennen lernt. Das bereichert dein Leben und hilft dir zu erkennen, wo du in deinem Element bist. Mir wurde eines Tages klar: Ich bin süchtig nach Kennenlernen. Und ich komme mit allen Menschen leicht ins Gespräch. Ob ich einen Fischer, einen Financier oder einen Fernfahrer treffe – ich will wissen, warum jemand macht, was er tut. Ich kann gar nicht anders. In den Ferien bin ich eine Zumutung für meine Familie. Hinter jeder Speisekarte, jedem Firmenschild entdecke ich Geschichten.

Wie haben Sie in der Arbeitswelt Fuss gefasst?
Ich wusste vor allem, dass ich nach den neun Jahren keinen Tag länger in die Schule wollte. Nach zwei, drei Schnupperlehren kam ich bei einem Notar in Belp unter, den mein Vater über zwei Ecken kannte. Das war ein Glücksfall. Er war der einzige Notar im Amtsbezirk Seftigen, also gab es keine Kampfscheidung und keinen Erbschaftsstreit, die nicht bei uns gelandet wären. So lernte ich während meiner KV-Lehre nicht nur Büro und Buchhaltung, sondern ich blickte auch tief in die menschlichen Abgründe.

Später waren Sie in Spanien in einer Immobilienfirma und in den USA als Devisenhändler tätig. Hatten Sie einen Plan, was aus Ihnen werden sollte?
Nein, ich hatte keinen Plan, das waren spontane Entscheidungen kombiniert mit verschiedenen Zufällen. Die Gegend um Dénia in Spanien kannte ich aus den Ferien. Ich war damals mit einem Wirt ins Gespräch gekommen, und am Ende hatten wir uns darauf geeinigt, dass ich nach dem Militärdienst in der Schweiz zurückkomme und für ihn arbeite. Im folgenden Jahr packte ich meine Koffer, reiste nach Spanien und klopfte beim Wirt an mit den Worten «Da bin ich nun.» Er hatte das aber offensichtlich weniger ernst gemeint als ich. Einer der Kellner bot mir an, bei ihm zu übernachten, und wenig später konnte ich an der Rezeption einer Immobilienfirma beginnen, weil dort gerade eine deutsche Mitarbeiterin gegangen war. Wenn man alle Anrufe und Anliegen entgegennimmt, lernt man sehr rasch ganz passabel Spanisch.

Andere bilden sich jahrelang aus, um eine Sache gut zu beherrschen. Hatten Sie gar kein Bedürfnis nach Sicherheit?
Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, da gab es wenig Sicherheit. Meine Mutter, eine Oberaargauerin, arbeitete in den 1960er-Jahren im Tessin in einer Wäscherei und lernte dort einen Deutschen aus der Nachkriegsgeneration kennen, der sich als Kellner durchschlug. Später war mein Vater als Magaziner, Mineralwasserspediteur, Whiskey-Vertreter, Verkäufer eines Fensterreinigungsgeräts und Erfinder tätig. Ich hatte diese diffuse Sehnsucht nach mehr, nach etwas Grösserem als dieser kleinen Welt in Belp. Zwar spielte ich Fussball bei den Junioren, aber dieses Jassen und Saufen mit den immer gleichen Leuten, dem wollte ich entkommen. Vielleicht habe ich mich deshalb so bereitwillig in Abenteuer gestürzt.

Und dann landeten Sie nach der Rückkehr aus Spanien ausgerechnet auf einer Bank.
Einer aus dem Quartier hatte mich überredet, doch bei der Volksbank anzufangen. Ich fand es grausam langweilig dort, aber in einer Abteilung waren immer alle am Telefon, da wollte ich hin. So wurde ich Devisenhändler, lernte in drei Wochen, was es zu wissen gab, nämlich «buy low, sell high», günstig einkaufen und teurer verkaufen – mit etwas Bauchgefühl war das nicht so schwierig. Ich schaffte den Sprung von Basel nach New York, und als ich dort mit meinen Chefs beim Mittagessen sass, gaben sie mir den Auftrag, auf dem Fischmarkt einen guten Händler anzuheuern. Tatsächlich sass der Fischer meiner Wahl einen Monat später als neuer Trainee neben mir am Handelsdesk und wurde später einer der besten Händler. Auf Dauer machte mir meine Tätigkeit wenig Freude, ich verlor oder verdiente für die Bank an einem Tag sechsstellige Beträge, musste aber mit einem Lohn von 2800 Franken leben und merkte, dass mich New Work mit seinem hohen Rhythmus überforderte. So kam ich zurück nach Basel und landete beim Tennisturnier Swiss Indoors. Turnierdirektor Roger Brennwald ging zum gleichen Physiotherapeuten wie meine Mutter, deshalb hatte ich erfahren, dass er Entlastung suchte.

Was war Ihre Aufgabe dort?
Ich war seine rechte Hand und Mädchen für alles. Ich druckte Tombola-Lose aus, organisierte Kuchen für die Ballbuben, holte aber auch Boris Becker vom Flughafen ab, verhandelte TV-Deals in Monaco oder Sponsoring-Verträge in Holland. Und dann reinigte ich wieder Tennisplätze. Ich mochte die Vielseitigkeit meines Jobs und die Emotionen, die beim Sport immer im Spiel sind. Aber mich widerte diese dekadente Cüpli-Welt im Sponsorendorf an. Wenn nicht grad Becker oder McEnroe spielten, machten sich die Besucher wichtig und interessierten sich kein bisschen fürs Tennis. Ich las in dieser Zeit Erich Fromm, «Wege aus einer kranken Gesellschaft», und eines Abends, als ich die Stelle über die Entfremdung des Menschen las, bekam ich derart starke Bauchschmerzen, dass ich zu später Stunde Roger Brennwald aus dem Bett klingelte und ihm kurz vor Mitternacht nach fünf Jahren bei den Swiss Indoors meine Kündigung aussprach. Die Bauchschmerzen waren augenblicklich weg.

Mit Anzug und Krawatte: Puntas Bernet während seiner Zeit bei den Swiss Indoors. Foto: Privat

Und Sie wieder ohne Job.
Ich hatte bis 27 kaum etwas gelesen ausser Comics, Schulstoff und der Zeitung «Sport». Die Ausnahme waren Pablo Nerudas Memoiren «Ich bekenne, ich habe gelebt». Zehn Jahre nach der ersten Neruda-Lektüre fasste ich den Entschluss, nach Chile zu reisen, diese sagenhafte Landschaft zu sehen und etwas mit Wein zu machen. Auch diesmal war es mehr ein Gefühl als ein Plan. Die Reise nach Chile dauerte über ein Jahr, zunächst ab Hamburg mit dem Containerschiff nach Puerto Rico, wo ich in einem Hotel aushalf, später auf dem Rad über die Anden und weiter per Anhalter. In San Cristóbal, Venezuela, lernte ich Alejandro kennen, der mich eine Weile auf seiner Kaffeeplantage beschäftigte, in Ecuador war ich als Reiseleiter tätig. Und als ich endlich in Chile angekommen war und in Weinkellern nach Arbeit fragte, rief mich ein Freund aus Devisenhandelszeiten an und sagte, ich müsse sofort nach Chicago fliegen, er habe einen Job für mich.

Sie hatten ein Jahr gebraucht für die Reise nach Chile und flogen, kaum angekommen, nach Chicago?
Ich fasste mir selber an den Kopf, aber der Freund hatte das Ticket bezahlt und ich wollte ihn nicht brüskieren. In Chicago erfuhr ich, dass die First National Bank einen Südamerika-Verantwortlichen mit Arbeitsplatz São Paulo suchte und dass ich in den nächsten zwei Stunden von sieben Bank-Managern jeweils 15 Minuten befragt und geprüft würde. Um es kurz zu machen: Obwohl ich aus einem anderen Film kam und in Jeans und T-Shirt den Bankern gegenübersass, hätte ich den Job bekommen. Aber ich hatte in Basel nicht gekündigt, um dann in einer anderen Scheinwelt aufzusteigen. Deshalb lehnte ich ab, reiste zurück nach Chile und heuerte in einer Bodega als Arbeiter an. Es war körperlich sehr harte Arbeit auf den 50'000-Liter-Fässern, einmal pro Tag gab es etwas zu essen, übernachtet wurde im Schlafsack in der Arbeiterbaracke. Aber diese ehrliche, harte Arbeit gefiel mir gut.

Wie kamen Sie schliesslich mit dem Beruf des Reporters in Kontakt?
Es brauchte noch zwei weitere Umwege. Zuerst half ich meinem Vater aus der Patsche, der, kaum hatte er als Unternehmer Konkurs anmelden müssen, mit seiner zweiten Frau und kleinem Kind nach Calpe an der spanischen Mittelmeerküste zog, um dort eine Pizzeria zu übernehmen. In Calpe kämpfen 670 Beizen um die Gunst von 10'000 Einwohnern und ein paar Hunderttausend Gästen im Sommer. Ich half beim Start und servierte dann Pizzas. Als die Direktoren einer lokalen Sprachschule beim Essen über Lehrermangel klagten, empfahl ich meine Dienste. Bald darauf unterrichtete ich Deutsch für Erwachsene und Englisch für Kinder, was mir so gut gefiel, dass ich schliesslich doch noch einen vernünftigen Entschluss fasste: Ich wollte Literatur studieren und dann Gymnasiallehrer werden. Allerdings funkte mir auch bei diesem Vorhaben der Zufall dazwischen.

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt und Information:
www.reportagen.com oder daniel@reportagen.com

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 26.07.2019, 15:34 Uhr

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