«Ich habe mir eine Stempeluhr als App heruntergeladen»

Alexandra Kühn, Geschäftsführerin der «Work Smart Initiative», kennt die Vorteile und die Schattenseiten des flexiblen Arbeitens. Sie sagt, worauf es ankommt, damit alle profitieren.

Alexandra Kühn will ein Vorbild für ihre Töchter sein. Foto: PD

Alexandra Kühn will ein Vorbild für ihre Töchter sein. Foto: PD

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Frau Kühn, wir treffen uns hier im Hauptbahnhof Zürich zum Interview. Haben Sie keinen eigenen Arbeitsplatz?
Ich bin eine digitale Nomadin und arbeite dort, wo es mich braucht und wo ich die Arbeit gut in meinen Familienalltag integrieren kann. Heute hat mein Tag damit begonnen, dass ich meine beiden Kinder geweckt und ihnen Frühstück gemacht habe. Dann konnte ich zwei Stunden in Ruhe von zu Hause aus arbeiten, fuhr um 10 Uhr mit dem Zug von Zug nach Zürich, beantwortete Mails und aktualisierte meine To-do-Liste – wenn man nicht in den Stosszeiten unterwegs ist, ist der Zug ein wunderbares Büro. Dann hatte ich eine Sitzung in Zürich, führte in einem Café ein paar Telefonate, arbeitete dort an Projekten und treffe mich nun mit Ihnen in dieser Bar.

Hatten Sie nie das Bedürfnis nach fixen Arbeitszeiten und einem eigenen Arbeitsplatz?
Als Primarlehrerin hatte ich fixe Präsenzzeiten mit allen Vor- und Nachteilen. Auch später, als ich für eine Kommunikationsagentur arbeitete, war ich weniger frei. Wie die meisten kam ich spät am Vormittag und arbeitete oft bis tief in die Nacht hinein. Im darauffolgenden Studium konnte ich dann viel stärker selber organisieren, wann und wo ich lerne. Danach war ich bei der Swisscom tätig und hatte zuerst wie alle Kollegen im Team meinen eigenen Arbeitsplatz. Dann zogen wir in ein neues Gebäude ein, und die fixen Arbeitsplätze wurden abgeschafft. Ich war anfänglich sehr skeptisch und mietete extra einen Schrank für all meine Ordner und Sachen. Nach sechs Jahren stellte ich fest, dass ich den Schrank nur zweimal geöffnet und nichts von dem gebraucht hatte, was mir so wichtig gewesen war. Alle relevanten Unterlagen waren längst digitalisiert und via Cloud jederzeit von überall her greifbar.

Zugriff auf die Unterlagen ist das eine, der Kontakt zu Kollegen etwas anderes.
Stimmt. Ich reduzierte in dieser Zeit auf 60 Prozent, weil ich Mutter wurde, und befürchtete, durch die flexible Büronutzung nicht mehr jene Leute zu treffen, die für mich wichtig waren. Wir mussten uns tatsächlich aktiv darum bemühen, den Austausch weiterzuführen – indem wir uns gezielter zum Mittagessen oder zum Sport verabredeten. Wenn mehr von zu Hause aus gearbeitet wird und man im Unternehmen unterschiedliche Arbeitsplätze nutzt, verändern sich die Rollen. Vorgesetzte haben weniger Kontrolle und direkten Einfluss auf die Arbeit der Einzelnen, sie sind stärker als Moderatoren und Coaches gefragt. Und die Mitarbeitenden tragen mehr Verantwortung: für die Zeiteinteilung, für die Organisation der sozialen Kontakte, für die aktive Kommunikation. Das erfordert auf allen Seiten neue Kompetenzen.

Die Flexibilisierung der Arbeitsorte und -zeiten wird seit 2015 von der «Work Smart Initiative» gefördert. Steckt dahinter mehr als das Bedürfnis der Arbeitgeber, Büroflächen einzusparen und die Angestellten nach Bedarf einsetzen zu können?
Das Ziel ist, dass beide Seiten profitieren. Die Mitarbeitenden sollen sich so organisieren können, dass sie keinen unnötigen Pendelstress haben und die Arbeit besser mit Partnerschaft, Kinderbetreuung und anderen Interessen vereinbar ist. Und die Arbeitgeber verschaffen sich durch die Flexibilisierung einen Wettbewerbsvorteil. Zum einen sind Angestellte, die Zeit für Privates haben, auf Dauer motivierter und produktiver. Zudem sind flexible Modelle ein grosses Plus auf dem Arbeitsmarkt. Aktuell fehlen fast 300'000 Fachkräfte, vor allem in den MINT-Berufen. Und es gibt stille Reserven in ähnlichem Umfang, Mütter, die gar nicht oder nur in kleinen Pensen arbeiten, und ältere Menschen. Je flexibler die Arbeitsmodelle werden, desto grösser die Chance, diese Gruppen einzubinden.

Über die Nachteile der Flexibilisierung wird weniger gesprochen. Dass die Arbeit neuerdings überall ist und auch am Wochenende oder in den Ferien via Smartphone Mails und Nachrichten eintreffen, führt zu Stress und Erschöpfung.
Das sind tatsächlich neue Herausforderungen. Manche können sich gut selber organisieren und geniessen es, am Tag mehr Flexibilität zu haben und im Gegenzug auch einmal abends oder in der Nacht zu arbeiten. Andere sind überfordert von der Tatsache, dass Freizeit und Arbeit örtlich nicht mehr strikt getrennt sind. Klar ist in meinen Augen: In Zeiten der Entgrenzung braucht es mehr bewusste Abgrenzung. Und bei rasch fortschreitender Digitalisierung braucht es wieder mehr analogen Austausch. Abgrenzung kann heissen, dass Menschen zu Hause nur in bestimmten Räumen oder in bestimmter Kleidung arbeiten oder die Mails nur in gewissen Zeiträumen checken. Und mit analogem Austausch meine ich, dass Teams den informellen Austausch und die Geselligkeit bewusst organisieren müssen. Sonst arbeiten am Ende alle nach individuellem Fahrplan aneinander vorbei.

Sie sind Geschäftsführerin der Initiative «Work Smart», welche von den fünf Unternehmen Swisscom, SBB, Post, Mobiliar und Witzig The Office Company getragen wird. Kommende Woche führen Sie in der ganzen Schweiz Veranstaltungen zur Flexibilisierung der Arbeit durch – mit welchem Ziel?
Wir verstehen uns in erster Linie als Wissensplattform. In den letzten Jahren haben einige Unternehmen und staatliche Organisationen Projekte in Angriff genommen. Oft setzen sie bei der Infrastruktur an, schaffen die fixen Arbeitsplätze ab, gestalten neue Begegnungszonen, passen die IT-Infrastruktur an, damit Angestellte auch von zu Hause aus arbeiten können. Viele Führungskräfte lancieren solche Projekte mit Enthusiasmus und garniert mit trendigen Begriffen wie «New Work» oder Agilität. Und die meisten erkennen früher oder später: Die Verhältnisse sind schnell geändert, aber bis sich auf Verhaltensebene etwas ändert, braucht es Zeit und viel offene Kommunikation. Menschen sind Gewohnheitstiere, und wenns ans Eingemachte geht, kann es gut sein, dass sie die schöne neue Arbeitswelt erst einmal ablehnen. Deshalb stellen wir Wissen bereit und fördern den Erfahrungsaustausch.

Vor welchen Stolpersteinen warnen Sie Unternehmen?
Jede Flexibilisierung erzeugt Ängste und Abwehrreaktionen. Kürzlich sagte ein Vorgesetzter zu mir: «Wozu braucht es mich eigentlich noch? Ich weiss gar nicht mehr, wo meine Leute sind und wie ich sie führen soll.» Es braucht deshalb auf allen Seiten ein neues Rollenverständnis und Abmachungen über die Spielregeln. Wir unterscheiden vier Faktoren bei der Flexibilisierung der Arbeit: Technologie, Räumlichkeiten, Arbeitsmodelle und Organisationsstruktur. Der vierte Bereich ist sicher der heikelste. Wenn Hierarchie an Bedeutung verliert und die Rollen flexibler werden, ist das erst einmal destabilisierend. Es gibt mehr zu verhandeln, zu organisieren, zu klären.

Empfinden Sie das persönlich auch so? Sie führen die Geschäftsstelle in einem 60-Prozent-Pensum ohne fixen Arbeitsplatz und teilen sich die Kinderbetreuung mit Ihrem Mann.
Ich arbeite 60 Prozent, mein Mann 80 Prozent – dank flexiblen Arbeitszeiten und -orten können wir beide reagieren, wenn die Kinder krank sind oder wir am Tag einen wichtigen Termin mit ihnen haben. Der Koordinationsaufwand ist gross, wir sitzen oft abends mit den Terminkalendern am Tisch und sprechen uns ab, wer was übernehmen kann. Da ist es wesentlich einfacher, wenn einer Vollzeit Karriere macht und die andere ihm schön den Rücken freihält. Aber persönlich befriedigend wäre es für uns nicht. Mein Mann will im Alltag Zeit mit seinen Kindern verbringen und nicht erst bei den Grosskindern Versäumtes nachholen. Und ich will für unsere beiden Töchter ein Vorbild sein und sie darin bestärken, dass sie als starke Frauen auch beruflich ihren Ambitionen folgen können. Es kann ja nicht sein, dass der Frauenanteil an den Universitäten bei über 50 Prozent liegt und dann nur ganz wenige verantwortungsvolle Aufgaben in der Privatwirtschaft übernehmen.

Für weniger gut Qualifizierte hat die Flexibilisierung mehr Nachteile. Gewerkschaften befürchten, dass mehr Leute auf Abruf arbeiten werden und die Erholung zu kurz kommt.
Es ist wichtig, dass die Flexibilisierung nicht einseitig auf Kosten der Arbeitnehmenden passiert. Deshalb arbeiten wir eng mit dem Verband Angestellte Schweiz zusammen, der im Rahmen der «Work Smart»-Woche eine kostenlose Rechtsberatung anbietet zu Fragen rund um die Flexibilisierung der Arbeit. Ebenso wichtig wie die rechtlichen Rahmenbedingungen ist die Selbstverantwortung. Wenn Arbeit nicht mehr an bestimmte Präsenzzeiten und Orte gebunden ist, müssen wir uns selber besser organisieren. Ich kann in meiner aktuellen Funktion zwar keine Überzeiten aufschreiben, aber ich habe mir eine Stempeluhr als App heruntergeladen, um selber meine Arbeitszeit im Griff zu haben und besser zu verstehen, wofür ich wie viel Zeit aufwende.

Kontakt und Information: alexandra.kuehn@work-smart-initiative.ch oder www.work-smart-initiative.ch

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 23.08.2019, 16:52 Uhr

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