Im Bahnstreik werden Informatiker zu Kondukteuren

Der Berner Andreas Bergmann sorgt dafür, dass trotz Streiks in Frankreich fünf TGV weiter aus der Schweiz nach Paris fahren.

Bahnkundin an einem leeren Pariser Bahnhof: Fahrten in die Schweiz sind dank Freiwilligen weiter möglich. Foto: Christian Hartmann (Reuters)

Bahnkundin an einem leeren Pariser Bahnhof: Fahrten in die Schweiz sind dank Freiwilligen weiter möglich. Foto: Christian Hartmann (Reuters)

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Der Stillstand ist abgewendet. Das Schlimmste bewältigt. Entspannt wirkt Andreas Bergmann, Direktor des französisch-schweizerischen Bahnunternehmens TGV Lyria, trotzdem nicht. Der gebürtige Berner durchlebt derzeit ein Wechselbad der Gefühle. Soll er glücklich sein, dass seine Züge trotz Bahnstreik in Frankreich wieder von Zürich, Basel, Lausanne und Genf nach Paris fahren? Oder soll er frustriert sein, dass er pro Tag nur fünf von zwanzig Verbindungen anbieten kann und die Verbindung zwischen Bern und Paris bis auf weiteres ganz ausfällt?

Bahnchef Bergmann realisiert gerade, wie unerbittlich das soziale Kräftemessen im Nachbarland Frankreich sein kann. Der Streik trifft sein Unternehmen mit grosser Wucht. Die Gewerkschaften wehren sich seit Anfang April gegen eine von der Regierung Macron beschlossene Bahnreform. Präsident Emmanuel Macron will das mit 50 Milliarden Euro verschuldete Bahnunternehmen SNCF (Société nationale des chemins de fer français) sanieren und den beamtenähnlichen Status der Bahnangestellten abschaffen. Im aktuellen Rentensystem werden Lokführer mit durchschnittlich 54 Jahren pensioniert. Das kostet Geld, das die SNCF nicht hat. Frankreichs Nationalversammlung unterstützt Macrons Reformpläne. Die Gewerkschaften des Landes sind in Rage.

«Früher streikten die SNCF-Angestellten am Stück, heute mit Unterbrüchen.» Andreas Bergmann

TGV-Lyria-Chef Andreas Bergmann sagt: Einen härteren, schädlicheren Arbeitskampf habe es in der französischen Bahngeschichte nie gegeben. «Grève perlé», «perlender Streik», nennt sich die Kampfmassnahme der französischen «Bähnler». Die Aktion könnte bis August dauern. Bergmann sagt: «Früher streikten die SNCF-Angestellten am Stück, heute mit Unterbrüchen – auf zwei Streiktage folgen drei Arbeitstage.»

Die Gewerkschaften wissen, dass sie mit dieser Methode auch seinem Unternehmen «den grösstmöglichen Schaden» zufügen und gleichzeitig die Lohneinbussen der streikenden Mitarbeiter minimieren. Die Folgen: Bahnunternehmen bekommen Planungsprobleme, und die Kunden empfinden den Service als unzuverlässig. Darauf könne man nur so reagieren, dass man mit den fünf Verbindungen pro Tag zwischen der Schweiz und Paris ein beständiges Mindestangebot garantiere und gegenüber Kunden mit bereits gekauften Tickets höchst flexibel auftrete, so Bergmann.

Blitzausbildungen im Zug

Doch die Situation von TGV Lyria, die zu drei Vierteln der SNCF und zu einem Viertel den SBB gehört, ist kompliziert. Die SNCF-Führung wollte die TGV-Strecken zwischen Paris und der Schweiz vorübergehend sogar ganz stilllegen. Nach dem Streikbeginn entschied die SNCF, die verbleibenden Ressourcen müssten für das Funktionieren des Nahverkehrs innerhalb Frankreichs verwendet werden, nur zweite Priorität hätten TGV-Verbindungen zwischen den Grossstädten im Land.

Dem internationalen Bahnverkehr räumte man die dritte und damit die niedrigste Priorität ein, verkündete faktisch also das vorläufige Ende des Bahnverkehrs in die Schweiz, worauf TGV Lyria beim Mutterhaus SNCF intervenierte. «Schweizer Kunden sind anspruchsvoll, haben hohe Qualitätsansprüche und schätzen Zuverlässigkeit und Sicherheit», argumentierte Bergmann. Zudem stammen 50 Prozent der Zugbegleiter und 20 Prozent der Lokführer aus der Schweiz. Ihre Löhne müsse man trotz Streik weiterzahlen, man solle ihm zumindest die Möglichkeit geben, täglich einige Verbindungen zwischen der Schweiz und Paris offenzuhalten, forderte Bergmann.

Sein Antrag kam durch. Bergmann schaltete in den Krisenmodus. Er suchte bei Angestellten im Backoffice nach Freiwilligen und rekrutierte rund 30 Büroangestellte und Informatiker und schickte sie für Blitzausbildungen in die Züge. Sie sollten nicht streikenden Kondukteuren oder Serviceangestellten bei der Arbeit zusehen, um dann an Streiktagen einspringen zu können.

25 Freiwillige kamen während des Streiks auf den Strecken in die Schweiz bereits zum Einsatz und halfen in den Zügen. Bergmann ist darüber hocherfreut. Die Massnahme funktioniert. Für jene Mitarbeiter, die nicht streikten, sei dies ein wichtiges Signal gewesen.

Zurück in der Gewinnzone

Für Bergmann kommt der Streik zu einem schlechten Zeitpunkt, auch wenn er sagt: «Für Streiks gibt es nie einen guten Zeitpunkt.» TGV Lyria erlitt jahrelang Verluste. Letztes Jahr schaffte es das Unternehmen dank eines neuen Klassen- und Gastronomiekonzepts zurück in die Gewinnzone. Im ersten Quartal dieses Jahres verbuchte das französisch-schweizerische Joint Venture einen starken Anstieg bei Umsatz und Gewinn. Wie viel Geld wird der Streik TGV Lyria am Ende kosten? Man wisse es nicht, sagt Bergmann. «Abgerechnet wird später.»

Erstellt: 29.04.2018, 22:16 Uhr

Andreas Bergmann, Direktor TGV Lyria.

12 Streiktage

Arbeitskampf geht weiter

Frankreichs Eisenbahner haben am Wochenende ihren Arbeitskampf gegen die geplante Bahnreform fortgesetzt. Allein die Hälfte der Verbindungen mit TGV-Hochgeschwindigkeitszügen entfiel, wie die staatliche Bahngesellschaft SNCF mitteilte. Laut Einschätzung des SNCF-Managements hat sich die Lage für die Reisenden im Vergleich zu vorhergehenden Streikphasen insgesamt jedoch deutlich verbessert. Der Sonntag war der zwölfte Streiktag bei der Bahngesellschaft SNCF. Die letzten zwei Streiktage fielen auf ein Rückreisewochenende. Sie trafen auch Reisende, die ins verlängerte Wochenende wollten. Der 1. Mai ist in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag. (SDA)

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