«Mein Herz hat immer dem Fliegen und Segeln gehört»

Als Jugendlicher erfand Andrea Kuhn im Oberengadin das Gleitschirmfliegen und Kitesurfen mit. Das grosse Geld machte der heute 63-Jährige damit jedoch nie.

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Herr Kuhn, in diesen Wochen wimmelt es nur so von Kitesurfern auf dem Silvaplanersee. Wie war das in den 1970er-Jahren, als Sie sich erstmals von einem Gleitschirm über die Oberengadiner Seen ziehen liessen?
Da gab es noch keinen Verkehr. Wir liessen uns nicht nur über den gefrorenen Silsersee ziehen vom Gleitschirm, sondern fuhren damit auch die verschneiten Hänge hinauf, um danach wieder ins Tal gleiten zu können. Im April 1970 fuhr ich mit meinen Ski erstmals vom letzten Eis aufs Wasser des Silsersees und landete so direkt auf der Wiese vor unserem Haus. Manche Touristen staunten, als wäre gerade ein UFO gelandet, und einige Einheimische bezeichneten mich als Spinner in den Anfangsjahren.

Später haben Flugexperten über Sie gesagt, Sie hätten eigentlich nicht als Mensch, sondern als Vogel zur Welt kommen müssen, so natürlich bewegten Sie sich in der Luft. Wie sind Sie als Kind aus einfachen Verhältnissen zum Fliegen gekommen?
Ich bin in Sils in einem Haus nahe am See aufgewachsen. Im Haus gegenüber waren Gastarbeiter untergebracht. Mein Vater führte ein Baugeschäft, ich genoss als jüngstes von sieben Kindern viele Freiheiten. So experimentierte ich früh mit Sagex-Platten und Modellflugzeugen und studierte, wie sie sich in der Luft verhielten. Als ich 10-jährig war, wurde die Türkei von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Da die Gastarbeiter nur im Sommer bei uns untergebracht waren, wurden die Wolldecken im Winter nicht benutzt. Mein Vater spendete sie, der bekannte Rettungsflieger Hermann Geiger flog sie in die Türkei und verteilte sie an die Bevölkerung. Ich kriegte die weissen und blauen Leintücher und baute mir damit am See einfache Zeltunterkünfte. Ich war immer am liebsten draussen in der Natur und übernachtete schon als 10-Jähriger gern unter freiem Himmel zwischen Sils und Maloja. Im Malojawind liessen sich die Tücher danach gut wieder zusammenfalten.

Und wann haben Sie erstmals abgehoben?
Ich war im Winter fast täglich auf den Ski, meistens beim alten Skilift, der oberhalb des Dorfplatzes in Sils in Richtung Fextal hinaufführte. Wir sprangen beim Runterfahren über Schanzen, und eines Tages nahm ich mein Überzelt mit, ein Tuch, dreieckig wie eine Toblerone. Diese Flughilfe verlängerte meine Sprünge erheblich. Als 12-Jähriger machte ich einen Sommerjob auf dem Corvatsch und sah, wie zwei Deutsche mit Rundschirmen den Corvatschgletscher hinaufsegelten. Ich befreundete mich mit den Flugpionieren und lernte von einem der Brüder, dem Chemiker Dieter Strasilla, wie man sich von Rundkappenschirmen die verschneiten Hänge hochziehen lassen konnte. Im Winter 1970 schloss ich mich als 14-Jähriger Dieter Strasilla an, der sich auf Ski an einem rechteckigen Segel über unsere verschneite Wiese und den gefrorenen See ziehen liess. Als er stürzte, zog es mich 20 Meter am Schirm hoch in die Luft. So fand ich heraus, wie man mit dem Schirm, den wir ab 1976 Sky Wing nannten, abheben und wieder landen konnte und gleichzeitig am Hang die Lawinen vermied. Von da an flog ich so oft wie möglich am Seil oder freischwebend, und 1974 – kaum volljährig – absolvierte ich den ersten Höhenflug. Im Sommer liess ich mich auf Wasserski oder auf einem Surfboard über den See ziehen.

Heute boomen der Gleitschirmflug und das Kitesurfen. Freut Sie das, oder befremdet es Sie eher?
Es freut mich schon und macht mich auch stolz, dass etwas, was ich miterfunden habe, so populär wurde. Allerdings spreche ich immer noch lieber von Sky Wing, also von Himmelsflügeln, als von Kitesurfen. Kite klingt nach nichts oder höchstens nach Katzenfutter. (Lacht) Und was mich an der heutigen Szene befremdet, ist die Eitelkeit und der oft fehlende Bezug zur Natur. Manchmal habe ich den Eindruck, es soll heute primär gut aussehen. Wie viel Plastik verbaut ist, mit welch schweren Autos die Sportler hochfahren, ob Tiere aufgeschreckt werden – das kümmert kaum jemanden. Für uns war damals das Wichtigste, im Einklang mit der Natur unterwegs zu sein. Wir fuhren mit dem gleichen Schirm den Berg hoch, flogen runter und liessen uns über den See ziehen. Dieter und Udo Strasilla segelten 1974 den Aletschgletscher hoch bis zum Jungfraujoch und flogen tags darauf nach Lauterbrunnen runter.

Wurden Sie damals kritisiert für Ihre waghalsigen Flugexperimente?
Manche Vertreter des Schweizerischen Hängegleiter-Verbands (SHV) waren zu Beginn sehr konservativ, orientierten sich primär am Deltasegeln. Einmal forderten sie mich in einem Brief auf, das sinnlose Herumturnen mit Schirm und besonders bei Wind mit meinen Gleitschirmschülern zu unterlassen. Lange Zeit gab es auch Diskussionen zwischen dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) und dem SHV, ob der Gleitschirmflug separat organisiert oder dem SHV angeschlossen werden sollte. Am Anfang brauchte ich Spezialbewilligungen des Bazl für meine Windenschlepp- und Tandemflüge.

Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre waren Sie als Gleitschirmpionier international eine Attraktion. Welche Flüge bleiben besonders in Erinnerung?
1990 startete ich mit befreundeten Sportlern zu einer Welttournee mit dem Ziel, auf jedem Kontinent den höchsten Berg möglichst ökologisch und ökonomisch zu besteigen und danach runterzufliegen. Dramatisch war mein zweiter Flug am Mount McKinley in Alaska, dem höchsten Berg Nordamerikas. Ich flog allein mit einem Zweiplätzer und musste Zeltmaterial plus zwei Filmkameras transportieren. Ab Windy Corner, wo das Wetter stark auffrischte, musste ich zusätzlich 100 Kilo Steine mitnehmen, um über dem Muldrow-Gletscher vorwärtszukommen. Wunderbar war dagegen der Flug zu dritt vom Cho Oya in Nepal, wo wir auf fast 8000 Meter über Meer abhoben. Ebenfalls 1990 wurde ich als Gleitschirmflieger für eine Show an die Windsurf-WM in Hawaii eingeladen.

Konnten Sie als Pionier gut vom Gleitschirmfliegen und Kitesurfen leben?
Schön wärs! Ich habe viele Berufe ausgeübt, um über die Runden zu kommen, war J+S-Leiter, Ski- und Langlauflehrer, Flug- und Surflehrer, Gärtner, Hausmann, Touristenführer, Securitas-Fachmann, Kirchenabwart und Gemeindeangestellter. Aber mein Herz gehörte immer dem Fliegen und Segeln, und ich bin dankbar, dass meine Frau eine Festanstellung hatte und mir so mitermöglichte, meinen Traum zu leben, ohne jeden Flug zu Geld machen zu müssen. Die Touristen- und Schulungsflüge waren 30 Jahre lang die Konstante in meinem Berufsleben, und auch heute biete ich noch Passagierflüge zu Fuss, mit Ski oder Snowboard an, auch für Gäste aus Japan, Russland oder dem arabischen Raum. Aber ich bin kein guter Selbstvermarkter, und ich lege es nicht darauf an, anderen zu imponieren oder in der Hochsaison möglichst viele Touristen abzufertigen. Lieber mache ich Kindern von den umliegenden Alpen eine Freude, gerade heute war ich wieder mit zweien umsonst je eine Stunde in der Luft.

Ans Aufhören haben Sie noch nie gedacht mit Ihren 63 Jahren?
Ach was, 63, man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich bin eher 36 als 63. Ich steige noch immer mit viel Freude auf die Berge und bin täglich in der Luft. Es gäbe tolle Bilder von diesen Flügen, seit einiger Zeit nehme ich immer eine Go-Pro-Kamera mit. Aber ich habe es noch nicht geschafft, dieses Material auf den Computer zu bringen und eine eigene Website zu gestalten. Vielleicht gelingt es mir, wenn es mal ein paar Tage in Folge regnet und ich draussen nichts verpasse.

Kontakt: andrea.kuhn56@gmail.com

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 09.08.2019, 13:29 Uhr

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