«Der Schmerz lehrte mich, das Leben zu verstehen»

Anna Schreiber hat zwei Jahre als Prostituierte gearbeitet. Heute unterstützt sie Paare als Psychotherapeutin. Teil 2 unseres Interviews.

«Ein Mann, der um seine eigene männliche Würde weiss und um die Würde der Frau, will keinen Sex gegen Geld»: Anna Schreiber. Foto: Fotostudio Thomas

«Ein Mann, der um seine eigene männliche Würde weiss und um die Würde der Frau, will keinen Sex gegen Geld»: Anna Schreiber. Foto: Fotostudio Thomas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie beschreiben in Ihrem Buch «Körper sucht Seele», wie Sie in einem emotional unterkühlten katholischen Elternhaus aufgewachsen sind und versucht haben, unsichtbar zu sein und nicht zu stören – auch dann noch, als ein Verwandter Sie missbraucht hat. Wurden damals die Voraussetzungen geschaffen für die spätere Arbeit als Prostituierte?
Nach meiner Erfahrung gibt es für die Prostitution drei grundlegende Bedingungen: zum einen der materielle Aspekt, meist massive Geldnot; dann die Geschichte davor: Das kann sexualisierte Gewalterfahrung sein in der Kindheit, aber auch emotionale Vernachlässigung oder Bindungsstörungen; der dritte Faktor ist das Gegenwartssystem, zum Beispiel ein Partner, der die Prostitution einfordert oder zumindest nicht verhindert. Die Frau, die sich einfach so, aus Lust und Laune heraus, prostituiert, gibt es nicht. Das ist ein Mythos. Heute opfern sich viele Frauen für ihr Gegenwartssystem. Sie verkaufen ihren Körper, damit ihre Kinder oder ihre Familien in einem anderen Land nicht verhungern. Das ist eine humanitäre Katastrophe.

Was gab bei Ihnen den Ausschlag?
Auch bei mir kamen alle drei Bedingungen zusammen. Durch die frühen Missbrauchserfahrungen hatte ich gelernt, mein körperliches und emotionales Erleben auszuschalten und meinen Körper zu funktionalisieren. Zudem hatte ich ein sehr feines Gespür entwickelt, was mein Gegenüber will – um Gefahren einschätzen zu können. Dieses Gespür ist die Geschäftsgrundlage für die Arbeit als Prostituierte. Die Prostituierte richtet sich komplett nach den Bedürfnissen des Freiers, mimt mal die draufgängerische Verführerin, mal die Schüchterne, die erobert werden will. Für diese Anpassungskunst, für dieses Schauspiel erhält sie ihr Geld. Je perfekter sie inszeniert, desto mehr Geld kann sie verlangen.

Sie schreiben im Buch: «Männer machen Prostituierte». Deshalb sei es wichtig, auch die Not der Männer besser zu verstehen. Was heisst das konkret?
Ein Mann, der um seine eigene männliche Würde weiss und um die Würde der Frau, will keinen Sex gegen Geld. Viele Männer leiden darunter, sich mit ihren Wünschen und Fantasien in einer Liebesbeziehung nicht mitteilen zu können. Manche fühlen sich zurückgewiesen in ihrem Begehren, allein mit ihrer Sehnsucht. Wenn sie dann zu einer Prostituierten gehen oder Pornos anschauen, wird ihr Suchen, ihre Sehnsucht fehlgeleitet. Sie finden keine Erfüllung, sondern geraten in die Spirale aus Erregung und Triebabfuhr, die nach immer stärkeren Reizen verlangt und gleichzeitig herzlos und unpersönlich bleibt. Die hohe Dosis an herzlosem Sex bringt den Mangel nicht zum Verschwinden, sondern verstärkt die Suche und erschwert zunehmend, dem Gegenüber auf der Herzebene zu begegnen.

Wie arbeiten Sie mit Paaren, bei denen diese Begegnung schwierig geworden ist?
Wenn beide der Versuchung widerstehen, ihre Bedürfnisse auszulagern, dann zeigen sich diese unmittelbar in der Beziehung. Wichtig ist, dass beide darauf vertrauen können, dass der Kontakt nicht abreisst; dass sie sich dem anderen öffnen können auch mit Schwierigem, sich auch mit dem zeigen, was der Partner nicht erfüllen kann oder will. Das erfordert Ehrlichkeit zu sich und seinem Gegenüber, ein hohes Mass an Kontaktfähigkeit, an Selbstregulationsfähigkeit und an Mitgefühl. Kurz gesagt: Mut und Liebe.

«Ich habe grosse Ehrfurcht vor unserer Liebesfähigkeit.»

Wird diese Kommunikation in der Beziehung erschwert durch die jederzeit leicht auf dem Smartphone verfügbaren Kontakt- und Sexangebote?
Es ist eine bewusste Entscheidung, ob wir uns auf eine echte und tiefe Begegnung einlassen oder austauschbare Dates respektive Sex nur konsumieren wollen. Das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, stärken wir. Fokussieren wir uns auf die Oberfläche und suchen unkomplizierten «Sex to go» oder Sexersatz, wird das sexuelle Erleben immer oberflächlicher. Wer viele Pornos konsumiert, wird die Sexualität mit dem eigenen Partner bald als mühsam und unspektakulär erleben. Wollen wir uns aber ganzheitlich erleben, ganz gesehen werden, dann tun wir gut daran, unsere Aufmerksamkeit auch in der sexuellen Begegnung auf unseren Herzkontakt und die innige, tiefe Begegnung zu richten. Entscheidend ist, dass wir offenbleiben, in der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und in unserer Kontaktfähigkeit.

Sie sagten, Prostitution sei «unter keinen Umständen in Ordnung» und gehöre abgeschafft. Ist das nicht unrealistisch angesichts der Tatsache, dass Prostitution in Europa mindestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus existiert?
Auch die Abschaffung der Sklaverei war lange undenkbar. Dann haben einige Staaten damit angefangen. Es war ein langer Prozess, der gesellschaftliche Konsens hat sich allmählich verändert. Das Gleiche sollten wir bei der Prostitution anstreben. Und auch wenn sich die Prostitution einstweilen nicht verhindern lassen sollte, haben wir die Pflicht, genau hinzusehen und uns klarzumachen, mit wie unendlich viel Leid, Scham und Gewalt sie verbunden ist.

Wie haben Sie nach zwei Jahren den Ausstieg geschafft?
Der erste Schritt gelang durch eine Liebesbegegnung. Ich war ganz unten angekommen, verachtete die Welt, die Männer, mich selber. Und erlebte in diesem Moment, welche Kraft eine Begegnung in Liebe haben kann. Ich spürte wieder Lebendigkeit und entschloss, nie wieder Geld für Sex zu nehmen. Diese Begegnung war wie eine Initiation, sie hat mich wieder mit meiner weiblichen Achtung verbunden. Heute kann ich sagen, dass ich durch den Schmerz gelernt habe, mich selber und das Leben tiefer zu verstehen. Durch meine Erfahrungen und durch die vielen Jahre meiner psychotherapeutischen Arbeit habe ich viel gelernt über die Liebe. Ich habe grosse Ehrfurcht vor unserer Liebesfähigkeit und bin dankbar, dass ich heute Menschen helfen darf, ihre eigene Wahrheit wieder zu finden.

Hier geht es zum Teil 1 des Interviews.


Kontakt und Informationen: www.annaschreiber.de oder kontakt@annaschreiber.de

Das Buch: Anna Schreiber: Körper sucht Seele. Taotime-Verlag, Boniswil 2019. 240 S., 27.90 Fr.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 01.11.2019, 12:08 Uhr

Artikel zum Thema

«Als Prostituierte spürte ich die Verletzungen nicht mehr»

Beruf + Berufung Als junge Frau hat Anna Schreiber zwei Jahre lang ihren Körper verkauft. Nun tritt sie mit einem Buch über ihre Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Machen wir es uns doch einfach schöner!

Geldblog Zurich unterstreicht Wachstumsambitionen

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...