Um Pensionskassen-Gelder wird «wie auf einem Basar» gefeilscht

Firmen verlassen sich bei der beruflichen Vorsorge auf Vermittler – was nicht unbedingt zum Vorteil der Angestellten ist.

Wer kriegt das Vorsorge-Vermögen? Die Pensionskassen stehen in starkem Wettbewerb zueinander – da können Vermittler neue Kunden bringen. Illustration: Philip Bürli

Wer kriegt das Vorsorge-Vermögen? Die Pensionskassen stehen in starkem Wettbewerb zueinander – da können Vermittler neue Kunden bringen. Illustration: Philip Bürli

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Die berufliche Altersvorsorge ist eigentlich ein ernstes Thema. Doch einige Beteiligte berichten, dass bei den Pensionskassen gefeilscht werde wie auf dem Markt. «Jährlich wird das Pensionskassen-Vermögen von Zehntausenden Angestellten wie auf einem Basar dem Meistbietenden angeboten», sagt Urban Hodel vom PK-Netz, das die Interessen von Arbeitnehmern in der beruflichen Vorsorge vertritt. Oft geschehe dies zum finanziellen Nachteil der Angestellten.

Die Ursache sieht Hodel in einem Fehlanreiz: Unternehmen beauftragen sogenannte Broker oder Vermittler, für ihre Angestellten eine passende Pensionskasse zu finden. Die Broker finanzieren sich durch Kommissionen, welche die Pensionskassen bezahlen. Die Folge: Der Broker wählt nicht die Pensionskasse aus, welche für die Versicherten am besten ist, sondern jene, die ihm am meisten bezahlt. Pensionskassen, die wachsen wollen, sind auf Broker angewiesen, weil diese das Geschäft mit Neukunden zu einem grossen Teil kontrollieren.

Der Bundesrat hat kürzlich bestätigt, dass die in der beruflichen Vorsorge an Broker bezahlten Provisionen problematisch sind. Weil es zu Fehlanreizen kommen könne, sieht er «Anpassungsbedarf» bei den rechtlichen Grundlagen. Als Lösungsvarianten steht unter anderem zur Diskussion, dass neu die Unternehmen als Auftraggeber die Broker entschädigen, nicht mehr die Pensionskassen.

Mehrere Pensionskassen beklagen, dass sie im Markt benachteiligt oder sogar ganz ausgeschlossen werden – weil sie den Vermittlern keine oder höchstens geringe Provisionen bezahlen. Einige Pensionskassen wollen anonym bleiben, da sie befürchten, aufgrund ihrer Kritik von der Angebotsliste der Broker gestrichen zu werden. Vier angefragte Kassen bestätigen, dass Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen auf Broker angewiesen sind, wenn sie wachsen wollen. Wer Broker nicht zahle, verliere manchmal sogar Versicherte.

Roger Baumann vom Beratungsunternehmen C-Alm kritisiert, dass einige Broker «sehr dreist» vorgingen. So komme es vor, dass zum Beispiel einer Gemeindeverwaltung und ihren Mitarbeitern mit falschen Zahlen eine höhere Rente versprochen werde. Doch vom Wechsel der Vorsorgeeinrichtung profitiere letztlich vor allem der Broker. Baumann betont zwar, dass viele Broker gute Arbeit leisteten. Aber es gebe eben auch andere Fälle. «Und die sind leider keine Seltenheit.»

Pensionskassenleiter spricht von kartellähnlichen Zuständen

Das Problem der Fehlanreize stellt sich vor allem bei privatrechtlichen Sammelstiftungen. Gemäss dem kürzlich veröffentlichten Bericht der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge verwalteten diese Stiftungen 2018 rund jeden dritten Franken aller Vorsorgevermögen – Tendenz steigend.

«Einige Sammel- und Gemeinschaftsstiftungen wachsen sehr stark, obwohl objektive Kriterien nicht für sie sprechen», sagt Urs Niklaus, Direktor der Sammelstiftung Symova in Bern, der seit knapp 30 Jahren im Geschäft ist und zwei Pensionskassen saniert hat. Er verweist auf zusätzliche Kosten, welche diese Stiftungen verrechnen müssen – Geld, das zulasten der Versicherten gehe. Die Symova bezahlt keine Brokergebühren. Laut Urs Niklaus sei das ein Grund dafür, dass die Symova in den letzten Jahren kein Wachstum verzeichnen konnte. Ein anderer Pensionskassenleiter, der namentlich nicht genannt werden will, spricht gar von kartellähnlichen Zuständen. Niklaus bestätigt dies.

Hohe Verwaltungskosten bei Sammelstiftung

Auch die Zahlen illustrieren, was die Symova anspricht: Eine Sammelstiftung, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist, weist im letzten Geschäftsbericht für die Vermögensverwaltung Kosten von 1,33 Prozent der Bilanzsumme aus. Das ist im Vergleich zur Konkurrenz ein hoher Wert. Für die allgemeine Verwaltung verrechnet sie zudem etwas mehr als 1 Prozent vom Vorsorgekapital. Auch das ist viel.

Zählt man die 1,33 und die 1 Prozent zusammen, ergibt das rund 2,3 Prozent, welche die stark wachsende Sammelstiftung ihren Versicherten belastet. Zum Vergleich: Die Symova verrechnete ihren Versicherten im vergangenen Jahr für die Vermögensverwaltung 0,34 Prozent. Für die allgemeine Verwaltung fielen weniger als 0,1 Prozent an, wobei die Arbeitgeber diese Kosten übernehmen. Im Total tragen die Versicherten also 0,34 Prozent.

Warum sind diese Zahlen wichtig? Bei langfristigen Anlagen geht es aufgrund des Zinseszinseffekts bereits bei wenigen Zehntelprozenten um grössere Summen, die am Ende für Versicherte und Rentner übrig bleiben oder eben nicht. Die hier nicht namentlich genannte Stiftung muss auf dem Vorsorgekapital erst einmal eine Rendite von 2,3 Prozent erwirtschaften, bevor den Versicherten vom Vermögensertrag überhaupt etwas zugute kommt. Bei der Symova können die Versicherten hingegen schon profitieren, wenn die Rendite über 0,34 Prozent steigt. Bei einem Vorsorgevermögen von beispielsweise 50 000 Franken macht ein Zinsunterschied von 2 Prozent über 30 Jahre einen Unterschied von über 40 000 Franken aus.

Interessen der Angestellten bleiben auf der Strecke

«Als Pensionskassenberater, der im Auftrag einer Firma Vorsorgeeinrichtungen vergleicht, würde ich einen derartigen Unterschied bei den Kosten als gewichtiges Argument für die Symova auslegen», sagt Marco Jost, Experte bei der Pensionskassenberaterin PPC Metrics. Direkte Vergleiche von Pensionskassen sind zwar schwierig, da sie verschieden strukturiert sind. Doch wenn eine Pensionskasse stark wächst, obwohl wichtige Kennzahlen für Versicherte keine guten Bedingungen verheissen, während andere mit guten Werten verlieren, so spricht das nicht für einen ausschliesslich fairen Wettbewerb.

Jost bestätigt eine Benachteiligung gewisser Pensionskassen. «Die Broker haben kein Interesse daran, die Kosten transparent zu machen, da sie selber ein Teil davon sind.» Die Unternehmen, die für ihre Angestellten eine Pensionskasse suchen, seien auch froh, wenn sie die Kosten auf die Vorsorgeeinrichtung abwälzen könnten. «Und die Pensionskassen freuen sich darüber, wenn die Broker ihnen Leute bringen.» Auf der Strecke bleibt demnach der Anreiz, für die Angestellten die bestmögliche Altersvorsorge zu finden.

Broker sprechen von einer Kampagne

Die Broker selber bestreiten, dass es einen Fehlanreiz gibt. Der Bundesrat habe sich von einer Kampagne beeinflussen lassen, sagt Markus Lehmann, Präsident der Swiss Insurance Brokers Association (Siba). Hinter der Kampagne stünden der Verband PK-Netz und die Führung des Pensionskassenverbands Asip, der sich aber intern nicht einig sei. Vergleiche mit einem Kartell und den Vorwurf der Marktineffizienz bezeichnet er als «Schlagworte». Kritik von Pensionskassen, die trotz guter Bedingungen für Versicherte nicht wachsen, weist er zurück: Sie müssten halt aktiver auf Broker zugehen.

Ein Kodex schreibe den Siba-Brokern vor, im Interesse der Versicherten zu handeln, erläutert Lehmann. Der Siba gehören 85 grössere Broker an. Insgesamt gibt es in der Schweiz aber 1500 bis 3000 Broker. Für jene ausserhalb des Verbands will Lehmann nicht die Hand ins Feuer legen, da es durchaus auch schwarze Schafe geben könne. «Mir ist aber kein Fall bekannt, bei dem Brokern das Geschäft wichtiger war als die Interessen der Versicherten.» Der freie Markt verhindere solche Missbräuche, denn diese würden sich rasch herumsprechen. «Ein solcher Broker würde rasch aus dem Markt gedrängt werden.» Deshalb sei es auch nicht möglich, dass Broker Pensionskassen betreffend Entschädigungen unter Druck setzten.

Die besten Pensionskassen 2019 im Tamedia-Rating

Erstellt: 25.06.2019, 11:22 Uhr

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