Vom Foto-Spiel zum Vollzeitjob

Sylwina meldete sich vor vier Jahren bei Instagram an. Aus einem Hobby wurde ein Beruf, von dem die Frau, die einen Künstlernamen trägt, inzwischen leben kann.

Drei Fragen an Sylwina. (Video: Urs Jaudas)

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Wenn Sylwina in ein Café geht, läuft das etwas anders ab als bei gewöhnlichen Menschen. Die ersten 20 Minuten sind dann harte Arbeit. Sie wählt genau aus, was sie bestellt, schaut sich im Raum eine Weile um, bis sie einen geeigneten Ort gefunden hat.

«Die Wand hier, die würde sich zum Beispiel gut als Hintergrund eignen», sagt die junge Frau, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, und zeigt auf unverputzten Beton im Hybrid aus Fitnessstudio und Café Roots at Balboa am Schanzengraben in Zürich. Als Hintergrund für ein Instagram-Foto, meint sie. Denn das ist es, womit Sylwina ihren Arbeitstag verbringt. Sie ist, was man im Marketing-Jargon als «Instagram-Influencerin» bezeichnet.

Influencer sind eine neue Unterspezies der Millennials, die dank dem wachsenden Einfluss von Facebook, Insta­gram und anderen Social-Media-Kanälen rasend schnell wächst: junge, in den meisten Fällen den gängigen Schönheitsidealen entsprechende Menschen mit vielen Followern, die als Werbeträger für Unternehmen auftreten. Sie posten Bilder und Videos mit Produkten und erhalten dafür Geld von Unternehmen. Laut einem SRF-Bericht gibt es für die Instagram-Posts zwischen 500 und 5000 Franken. Auch Sponsoringverträge sind inzwischen die Regel.

Auch bei Sylwina merkt man: Sie ist sich bewusst, wie sie wirkt. Sogar, wenn sie in Sportkleidern im Café sitzt – was sie trägt, ist stylisher als so manches Büro-Outfit. Ihre Sätze wählt sie mit Bedacht. Das merkt man aber erst, wenn man darauf achtet und feststellt, dass sie kaum «Ähm» oder «Hm» benutzt. Unfreundlich wirkt sie dadurch nicht. Einfach professionell.

46 000 User auf Instagram

Sylwinas Werdegang ist typisch für die Art und Weise, wie Social Media unser Leben verändert hat. Damals noch Jus-Studentin, sah sie vor etwa vier Jahren im Fernsehen eine Dokumentation über die sogenannten Rich Kids of Instagram. Sie hatte von dem Kanal bis dahin noch kaum etwas gehört. «Dann hab ich mir das mal angeschaut und gesehen, dass es da neben diesen Posts auch noch mehr gibt, Urlaubsbilder, Food-Bilder, Fitnessbilder», so Sylwina. Das habe sie angesprochen.

Also meldete sie sich bei Instagram an. Damals befand sie sich gerade in einem Tief. Die Plattform habe ihr Leben klar bereichert und auch einen Teil dazu beigetragen, dass sie wieder aus ihrem Tief herausgekommen sei. «Ich ­erhielt wieder einen Ansporn, ging raus an den Zürichsee, um schöne Fotos zu machen, stieg auf den Uetliberg.» Es sei anfangs ein reines Hobby gewesen – ein bisschen so, als hätte sie ein Spiel ­gespielt. Ein recht erfolgreiches.

Rund 46 000 User folgen Sylwina auf der Foto- und Videoplattform Instagram. Dort postet Sylwina viele Bilder von sich selbst – und ebenso viele, auf denen sie Dinge in die Kamera hält, in Szene setzt, testet, bewertet. «Thanks for the juice @rootsandfriends», lautet ein Post, der das offensichtlich häufig von ihr frequentierte Café thematisiert.

Rund 30 Prozent bezahlte Posts

Genaue Zahlen, wie viele der Posts auf ihrem Profil bezahlt werden, gibt Sylwina nicht. Doch nach einer kurzen Sichtung der letzten paar Wochen sagt sie: «Es dürften rund 30 Prozent sein.» In letzter Zeit beschäftigen sich Experten mit der Frage, ob Influencer bezüglich ihrer Werbetätigkeit transparent genug seien. In Deutschland zum Beispiel verschickte kürzlich der Verband Sozialer Wettbewerb zahlreiche Abmahnungen an Influencer, weil diese nicht offengelegt hatten, wenn sie für etwas warben. «In einer Zeitung steht ja auch ‹Anzeige› über einem solchen Beitrag», argumentierte Geschäftsführerin Angelika Lange gegenüber dem Portal Jetzt.de.

Sylwina macht sich deshalb keine Sorgen: «Bei mir ist immer klar erkennbar, wenn ich für etwas werbe», sagt sie. Und zeigt als Beispiel einen Post, auf dem sie einen Grill für Coops Online­kanal Siroop testet. «Hier habe ich mit Hashtags und der Beschreibung klar gekennzeichnet, dass der Post für Siroop gemacht wurde.» Ein anderes Beispiel: Auf einem Foto ist eine Art Birchermüesli zu sehen, daneben Nagellack und eine Jeans. «sylwina_sundays ~ frozen berry smoothie bowls ~ white nailpolish & destroying my jeans is LIFE», steht dabei. Die Markierungen lauten unter anderem #essienails – ein Nagellackhersteller – und #pepejeans, eine Modemarke.

Instagram gab nötigen Schub

Sich selbst bezeichnet Sylwina nicht als Influencerin – sie glaubt sogar, dass niemand sich gerne so nennen würde. «Ich finde, Influencer ist kein Beruf», sagt die 28-Jährige. «Das wäre, als würde ich sagen, mein Beruf ist Marken-Ambassadorin oder Werbetestimonial. Und dann fragt man sich doch: O. k., und was machst du sonst noch?»

Und – was macht sie sonst noch? «Ich bin Online-Entrepreneurin», sagt sie. Sie verdiene ihr Hauptgeld mit dem Internet, «aber eben nicht mit Instagram». Davon abhängig zu sein, sei ihr auf Dauer nicht nachhaltig genug, weil sich so schnell so vieles ändern könne.

Allerdings habe die Fotoplattform ihr den nötigen Schub gegeben, um sich schliesslich ganz ihrer Arbeit im Netz zu widmen. «Irgendwann begann ich, Anfragen von Marken und Unternehmen zu erhalten, für die ich persönlich nicht auf Instagram werben würde», erinnert sie sich. Da kam ihr eine Idee: Sie bot Unternehmen an, für sie Social-Media-geeignete Bilder und Filme zu erstellen.

Vor zwei Jahren brach sie also das Studium ab und gründete die Agentur Share Square. Inzwischen produziert sie gemeinsam mit einem freiberuflichen Fotografen und einem Filmer Inhalte im Instagram-Look, unter anderem für Campari oder Coop. Die postet sie dann nicht auf ihrem eigenen Kanal, sondern die Unternehmen können das Ganze frei verwenden.

Sie hat auch einen Offline-Job

«Alles, was ich tue, wäre ohne das Internet nicht möglich gewesen», resümiert Sylwina. Und in gewisser Weise spielt sich dort ja auch alles ab. Alles bis auf einen Auftrag.

Für das Anwaltsmagazin «Lawstyle» schreibt die ehemalige Jus-Studentin regel­mässig die Kolumne «Business Lunch». «Das ist tatsächlich ein absoluter Offline-Job», bemerkt Sylwina und fügt an: «Und es wird wohl auch der einzige ­bleiben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2017, 22:57 Uhr

Serie

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Die Digitalisierung schafft mehr Stellen, als sie vernichtet – sofern die Länder bezüglich Berufsbildung und Arbeitsmarkt gut aufgestellt sind. Sie hat Berufe erschaffen, die man sich vor einigen Jahren noch nicht hätte erträumen können. Wir stellen sie vor. Und die Menschen, die sie ausüben.

Bisher erschienene Folgen:

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Teil 2 Der 3-D-Drucktechnologe

Teil 3 Die Bio-Informatikerin

Teil 4 Der Remote-Lokführer

Nächste Folge:

Teil 6: Wie sich die Bildung ändern muss


Sylwina posiert vor ihren eigenen Bildern. Foto: Urs Jaudas

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