Wenn sich keiner traut, dem Chef eine Absage zu erteilen

Immer wieder wechseln Konzernchefs wie selbstverständlich auf den Präsidentenstuhl. Das liegt auch am mangelnden Mut, verdankten Personen die Tür zu weisen.

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Zehn Jahre lang hat Hariolf Kottmann, 63, die Geschicke des Chemiekonzerns Clariant geleitet. Eine lange Zeit, nach der man dem Manager den Ruhestand gönnen würde. Doch Kottmann denkt nicht daran, sich zurückzuziehen. Der machtbewusste Deutsche, der bereits jetzt im Verwaltungsrat von Clariant sitzt, ist nun für das Präsidium des Gremiums vorgeschlagen.

Das verstösst gegen die Praxis der guten Unternehmensführung, weil einem ehemaligen Chef die Unabhängigkeit fehlt. Kottmann hat offenbar geschickt verhandelt mit dem neuen saudischen Hauptaktionär Sabic, um sich den Job zu sichern. Er ist nicht der Einzige, der so ein Verhalten an den Tag legt, dem letztlich der Glaube einer gewissen Unersetzbarkeit zugrunde liegt. In der Schweiz kommt es immer wieder zu solchen Beförderungen. DKSH-Chef Jörg Wolle wurde nach 18 Jahren als Konzernchef zum Präsidenten gekürt. Auch Nestlé und Novartis lebten das Modell.

Es ist wie in der Ehe.

Selbst Aktionärsvereinigungen wie Ethos sagen, dass eine solche Konstellation in gewissen Situationen «toleriert» werden könne. Doch sie sollte verboten werden. Langjährige CEOs sind ein Risiko auf dem Präsidentensessel, weil sie dem neuen Konzernchef kein objektiver Sparringpartner sind und sie zu fest mit der Firma verstrickt sind, um sie kritisch zu betrachten.

Warum lässt man es dennoch zu? Natürlich werden rationale Gründe vorgeschoben – Kontinuität, Transformationsphasen etc. Letztlich hat es aber viel mit Psychologie zu tun: Den Zuständigen – Ankeraktionäre, Gesamtverwaltungsrat – fehlen oft schlicht Mut und Unabhängigkeit, einem prägenden CEO klarzumachen, dass seine Dienste nicht mehr erwünscht sind. Es ist wie in der Ehe: Wenn man eine gute Zeit hatte, fällt es schwerer, dem anderen mitzuteilen, dass man sich scheiden lassen will.

Erstellt: 22.09.2018, 23:26 Uhr

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