Wo digitale Nomaden der Einsamkeit entkommen

Wer für seine Arbeit nur Laptop und Internet braucht, geniesst viel Freiheit – doch das soziale Netz wird löchrig. Fanny Caloz hat deshalb im Wallis eine besondere Wohngemeinschaft gegründet.

Der Austausch ist wichtig: Temporäre Bewohner in einem der Chalets in Grimentz. Foto: Julia Wimmerlin

Der Austausch ist wichtig: Temporäre Bewohner in einem der Chalets in Grimentz. Foto: Julia Wimmerlin

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Frau Caloz, Sie betreiben im Walliser Bergdorf Grimentz zwei Chalets, in denen digitale Nomaden aus aller Welt wohnen und arbeiten. Warum kommen diese Leute zu Ihnen in die Berge?
Ein wichtiger Grund ist die Nähe zur Natur, im Winter das Skifahren. Von unseren Chalets ist man in zwei Minuten am Skilift und wenig später auf den Pisten. So lassen sich Arbeit, Freizeit und Erholung perfekt kombinieren. Auch bei der Arbeit in den Chalets hat man eine grandiose Aussicht auf die Berge. Das ist kein Vergleich mit einem Grossraumbüro oder einem Co-Working-Arbeitsplatz in der Stadt.

Sie sprechen Berufsleute an, die ortsunabhängig arbeiten können. Sind solche digitalen Nomaden nicht mit Vorliebe in warmen Regionen am Meer unterwegs?
Das hängt stark von den individuellen Vorlieben ab. Eine Sache verbindet aber praktisch alle digitalen Nomaden: wiederkehrende Gefühle der Einsamkeit. So toll es am Anfang ist, überall zu arbeiten, Reisen und Job kombinieren zu können, man zahlt für die Freiheit einen Preis: Man ist nicht mehr eingebunden in ein soziales Netz, gehört nirgendwo ganz dazu. Deswegen war es uns wichtig, mit Swiss Escape nicht nur eine Infrastruktur für Co-Working aufzubauen, sondern auch Co-Living zu ermöglichen. Kein Skype-Meeting ersetzt den gemeinsamen Kaffee, kein Erfolg macht auf Dauer zufrieden, wenn man ihn nicht mit anderen feiern kann. Die Berufsleute, die sich bei uns niederlassen, schätzen den Austausch und die gemeinsamen Aktivitäten sehr.

Wie wurden Sie zur Gastgeberin in einer Wohngemeinschaft für digitale Nomaden aus aller Welt?
Ich habe in Lugano internationalen Tourismus studiert, weil ich gerne reiste und viel von der Welt sehen wollte. Im Studium lernte ich meinen heutigen Lebens- und Geschäftspartner Haz Memon kennen. Er stammt aus Dubai, und uns verband die Passion fürs Erkunden und Entdecken. Nach kurzer Zeit in unseren ersten Jobs waren wir ziemlich ernüchtert: Haz arbeitete für eine auf Geschäftsreisen spezialisierte Firma. Zuerst war er pausenlos unterwegs, dann sass er permanent in einem Büro fest. Ich arbeitete zunächst als Marketing-Spezialistin für Start-ups, was spannend, aber sehr schlecht bezahlt war. Dann nahm ich eine Stelle im Kundendienst einer Technologie-Firma an und zählte von 9 bis 17 Uhr die Stunden bis zum Feierabend. Nach drei Wochen kündigte ich, weil ich es nicht aushielt. Alles in allem hassten wir unsere Jobs und unser Leben – es musste sich dringend etwas verändern.

Wie kamen Sie auf Ihre Geschäftsidee?
Wir entdeckten zufällig auf Facebook die Ausschreibung eines Gründerworkshops in Lissabon – und bewarben uns mit Erfolg für die Teilnahme. Nach einem Monat in Lissabon und etlichen Recherchearbeiten wussten wir: Ein Co-Working- und Co-Living-Angebot in den Schweizer Bergen ist genau unser Ding. Wir bewunderten digitale Nomaden, wussten aber aus Umfragen, dass vielen von ihnen das soziale Netz fehlt. Zudem ist es für Berggemeinden wie Grimentz wichtig, dass die Zahl der kalten Betten reduziert werden kann und neue Geschäftsmodelle gefunden werden. Wir begannen im ersten Jahr damit, ein Chalet in jenen Monaten zu mieten, in denen die touristische Nachfrage klein war.

«Viele Nomaden zahlen einen hohen Preis für ihre Freiheit»: Fanny Caloz. Foto: PD

Wie gewannen Sie erste Kunden für das neuartige Projekt?
Wir machten im Oktober 2016 einen Testlauf und luden 10 Personen dazu ein, zwei Wochen lang gratis im Chalet zu arbeiten und zu wohnen. Das gab uns wertvolle Informationen, worauf wir beim Betreiben achten müssen, und vereinfachte das Marketing. Die ersten zahlenden Kunden habe ich dann alle persönlich angeschrieben und überzeugt. Es gibt in Social Media verschiedene Gruppen, in denen sich digitale Nomaden austauschen. Inzwischen werden wir sehr oft weiterempfohlen. Zwei von drei Kunden kommen mehrmals oder bringen uns durch Empfehlungen neue Kunden. So sind wir inzwischen sehr gut unterwegs. In den Wintermonaten liegt die Auslastung unserer beiden Chalets zwischen 80 und 100 Prozent, im Sommer zwischen 60 und 70 Prozent.

Wer arbeitet und wohnt bei Ihnen, und wie lange bleiben die Kunden im Durchschnitt?
Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei drei Wochen im Sommer und vier Wochen im Winter. Die Kundschaft ist sehr international, hier treffen sich australische Schriftstellerinnen mit Blockchain-Spezialisten aus Guatemala, Programmierer aus Russland mit neuseeländischen Unternehmerinnen, Webdesignerinnen aus Singapore mit Marketingprofis aus Brasilien. Und natürlich sind auch viele Gäste aus Europa da. Wir sind positiv überrascht, wie gut diese temporäre Wohngemeinschaft mit Bewohnern aus fünf Kontinenten funktioniert. Man merkt, dass die Meisten mit Airbnb und anderen Sharing-Diensten aufgewachsen sind und Übung haben im Teilen. Wir fördern den Teamspirit, indem wir zweimal pro Woche ein Abendprogramm organisieren. An einem Abend steht der fachliche Austausch im Vordergrund, am anderen eher der Spass.

Können Sie nach drei Jahren von Swiss Escape leben?
Das erste Jahr waren wir im Überlebensmodus unterwegs und zählten jeden Franken. Heute können wir uns je einen Lohn zahlen. Die Löhne würden nicht für ein Leben in Zürich reichen, aber wir haben beide einen einfachen Lebensstil und brauchen nicht viel Geld, um glücklich zu sein. Wichtiger sind die bereichernden Kontakte mit Menschen aus aller Welt und das Gefühl, etwas Eigenes gestalten zu können. Und wir sind noch lange nicht am Ziel. Grimentz soll nicht die einzige Berggemeinde bleiben, in der neue Co-Working- und Co-Living-Orte entstehen. Wir möchten dazu beitragen, dass viele weitere solche Projekte entstehen. Deshalb engagiere ich mich seit einem Jahr im Co-Living-Hub, dem Dachverband der Branche mit Sitz in Spanien. Da diskutiere ich mit Spezialisten aus Los Angeles, New York, Las Palmas und der Provence, welche Angebote es in Zukunft braucht für digitale Nomaden.

Weitere Informationen: www.swissescape.co oder hello@swissescape.co

Konferenz Digitale Nomaden Am 1. und 2. November 2019 findet in Bern die Digitale-Nomaden-Konferenz zu allen Facetten des ortsunabhängigen Arbeitens statt. Information: digitalenomaden.ch/konferenz

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 18.10.2019, 10:46 Uhr

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