Wie sich 15'000 Jobs in Luft auflösten

Die OVS-Angestellten müssen einen neuen Arbeitgeber suchen. Leicht wird das nicht, denn im Detailhandel sind Tausende Stellen verschwunden.

OVS steht in der Schweiz vor dem Aus: Rund 1200 Angestellte verlieren ihre Arbeitsstellen. Foto: Urs Jaudas

OVS steht in der Schweiz vor dem Aus: Rund 1200 Angestellte verlieren ihre Arbeitsstellen. Foto: Urs Jaudas

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Auf den ersten Blick scheint das Geschäft normal zu laufen in der OVS-Filiale beim Bahnhof Zürich-Oerlikon. Die Regale sind voll. Gut ein Dutzend Kunden schlendert durch die Gänge und begutachtet Kleider, Schuhe und Schmuck.

Doch ganz hinten im Laden kündigt sich das Ende von OVS bereits an: Nackte Schaufensterpuppen stehen mit dem Gesicht zur Wand gedreht, neben ihnen leere Schachteln. Neongelbe Plakate geben an, dass hier alles mit bis zu 70 Prozent Rabatt verschleudert wird. An der Kasse scannt eine Angestellte die Waren, die Kleiderbügel wirft sie in einen Karton. «Gratis», steht darauf. Alles muss weg. Auch die Bügel.

Die Filiale in Oerlikon gehe spätestens Ende Juli zu, «vielleicht auch früher», sagt die Verkäuferin. Wie es danach für sie weitergeht? «Ich muss mir wohl einen neuen Job suchen», sagt sie und klingt ratlos. So wie ihr geht es 1200 weiteren OVS-Angestellten, die in den nächsten Tagen ihren Job verlieren. Die Charles-Vögele-Nachfolgerin steht vor dem Aus. Sie sei «bestrebt, wenn immer möglich Lösungen für die Belegschaft zu finden», schrieb Sempione Fashion, die Betreiberin der Schweizer OVS-Läden, in einer internen Mitteilung. Es würden Gespräche mit potenziellen Interessenten geführt.

Bloss: Die Jobsuche dürfte für viele Betroffene alles andere als leicht werden. Mehr als 16'600 Arbeitslose gab es im Schweizer Handel und Verkauf im ersten Quartal dieses Jahres. Vor zehn Jahren waren es noch knapp 10'300, also ein Drittel weniger. Die Arbeitslosenquote im Detailhandel stieg zwischen 2008 und 2017 von 3 auf 4 Prozent. Gleichzeitig sank die gesamte Zahl der Beschäftigten in dieser Branche um mehr als 15'000 auf rund 321'200.

Strukturelle Veränderungen

Erste OVS-Angestellte haben sich bereits bei Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet. Die Chancen, dass sie eine neue Stelle finden, seien «grundsätzlich intakt», sagt Karin Lewis, Leiterin Arbeitsmarkt bei den RAV im Kanton Luzern. Die konjunkturelle Situation sei gut und die gesamte Arbeitslosenquote tief. Fraglich ist, zu welchen Konditionen die Betroffenen wieder angestellt werden. «Wir stellen im Detailhandel seit einiger Zeit den Trend weg von Vollzeitstellen hin zu flexiblen Teilzeitverträgen fest», so Lewis.

Bei der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion klingt es skeptischer. «Die Stellensituation im Detailhandel ist nach wie vor schwierig, obwohl die Branche vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert und die Arbeitslosigkeit sich seit Anfang Jahr verringert hat», sagt Sprecherin Lucie Hribal.

Viele Angestellte, die jahrelang im Verkauf arbeiteten, werden sich also umorientieren müssen. Denn die Zahl der freien Stellen schrumpft. Im gesamten Handel ist sie seit 2008 um mehr als 35 Prozent zurückgegangen. Und der Trend dürfte weitergehen, wie der Beschäftigungsindikator der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich vermuten lässt. Er ist im Detailhandel seit fast vier Jahren durchgehend im negativen Bereich. Das heisst: Es gibt mehr Firmen, die Stellen abbauen, als solche, die neue Jobs schaffen. Für die gesamte Wirtschaft zeigt der Indikator seit einem Jahr das Gegenteil.

Selfscanning, Onlineanbieter, Preisdruck

Die Gründe für die Krise bei Supermärkten, Warenhäusern, Kleider- oder Möbelläden sind bekannt. Weil immer mehr Abläufe automatisiert werden, braucht es weniger Personal – Stichwort Selfscanning-Kassen. Onlineanbieter vor allem aus dem Ausland machen den Schweizer Händlern das Leben schwer – Stichwort Amazon, Zalando und Aliexpress. Und der Preisdruck ist grösser geworden – Stichwort starker Franken. In den letzten Jahren gingen in der Branche darum deutlich mehr Betriebe pleite als zuvor. 2015 stieg die Konkursrate laut einer aktuellen Studie der Credit Suisse um 18 Prozent, bis Mitte 2017 dann nochmals um 15 Prozent. Seither zeichnet sich immerhin eine Trendwende ab.

Trotzdem überrascht das Ausmass der Krise, führt man sich vor Augen, wie stark die Schweizer Bevölkerung gewachsen ist. Mehr als 730'000 Menschen sind in den letzten zehn Jahren dazugekommen. «Vor diesem Hintergrund zeigt die Höhe der Umsatz- und Beschäftigungsrückgänge die grossen strukturellen Veränderungen in der Branche», sagt der KOF-Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler. «Denn grundsätzlich gilt: Je grösser die Bevölkerung, desto mehr wird eingekauft und konsumiert.»

Nur eben nicht mehr so oft bei heimischen Händlern. Auch das zeigt die Studie der Credit Suisse. Die Grossbank schätzt, dass der deutsche Onlinehändler Zalando seinen Umsatz in der Schweiz seit 2012 mehr als verdreifacht hat. Der Schweizer Anteil am gesamten Zalando-Umsatz in der deutschsprachigen Region – also in Deutschland, Österreich und der Schweiz – lag 2016 bei etwa einem Viertel. Gleichzeitig stellt die Schweiz nur acht Prozent der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Schweizer kaufen überdurchschnittlich viel bei Zalando ein.

Erstellt: 28.06.2018, 06:51 Uhr

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Aliexpress und Wish sollen mehr Mehrwertsteuer zahlen

Bis zu 70'000 Pakete schicken asiatische Handelsplattformen wie Aliexpress, Wish oder JD laut dem Verband des Schweizerischen Versandhandels in die Schweiz – pro Tag. Für Sendungen aus dem Ausland mit einem Wert von weniger als 65 Franken wurde bis jetzt keine Mehrwertsteuer fällig, im Gegensatz zu inländischen Paketen. Ab dem 1. Januar 2019 wird diese Ungleichbehandlung aufgehoben. Versandhändler mit einem Umsatz von mindestens 100'000 Franken pro Jahr müssen ab dann ebenfalls Mehrwertsteuern bezahlen.

Dem CVP-Ständerat Beat Vonlanthen geht das nicht weit genug. Er hat vor zwei Wochen eine Motion eingereicht, in der er den Bundesrat auffordert, die Mehrwertsteuerpflicht für ausländische Händler noch konsequenter umzusetzen. Denn Plattformen wie Aliexpress verschickten die Waren unter dem Namen der Marktplatzteilnehmer – also der Firmen, die auf ihren Plattformen Waren anbieten –, und nicht unter dem eigenen. Oft werde der Absender auch bewusst verschleiert oder könne nicht entziffert werden. Deshalb könne er nicht für die Bezahlung der Mehrwertsteuer haftbar gemacht werden. Mit anderen Worten: Das verschärfte Gesetz bringt in solchen Fällen gar nichts.

Laut Vonlanthen müsste die Schweiz darum zusätzliche Massnahmen ergreifen: zum Beispiel eine Haftung oder Deklarationspflicht der Plattformen für Verkäufe, die über sie abgewickelt werden. Damit sollen laut Vonlanthen Missbräuche verhindert und die aktuell hohen Mehrwertsteuerausfälle verringert werden. Dem Freiburger CVP-Politiker geht es aber auch ums Überleben der Schweizer Anbieter. «Sie sind im Moment benachteiligt, weil sie höhere Abgaben als die Konkurrenz bezahlen. Das müssen wir beheben.» (fko)

Stellenabbau

Migros streicht offenbar Jobs

Heute oder morgen sollen die Angestellten und die Öffentlichkeit davon erfahren: Beim Detailriesen Migros steht offenbar ein grosser Abbau von Arbeitsplätzen bevor. Laut Recherchen der «Handelszeitung» will der neue Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen in der zentralen Verwaltung rund 120 Millionen Franken einsparen. Dem Sparprogramm würden gemäss dem Bericht knapp 300 Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Das wäre fast jede zehnte Stelle beim Migros-Genossenschaftsbund (MGB). Die Zahl der Kündigungen solle durch Frühpensionierungen und natürliche Fluktuation möglichst tief gehalten werden. Die Migros selbst nahm zu diesen Spekulationen keine Stellung.

Bereits Anfang Jahr war bekannt geworden, dass beim MGB ein Effizienzsteigerungsprogramm läuft. Der Detailhändler bestätigte, dass er in Bereichen wie Finanzen, Marketing, Personal oder IT nach Doppelspurigkeiten suche und Aktivitäten hinterfrage. Mit dem eingesparten Geld sollen «zukunftsweisende Aufgaben» finanziert werden. (fko)

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