Kind stört mehr als Hund: Die Hürden zum Homeoffice-Modell

Hiesige Eltern fühlen sich stärker durch die Familie abgelenkt als die Befragten in anderen Ländern. Weil sie zu pingelig sind?

Die eigenen Kinder gehörten zu den grössten Hindernissen bei der Arbeit von zu Hause. (Bild: iStock)

Die eigenen Kinder gehörten zu den grössten Hindernissen bei der Arbeit von zu Hause. (Bild: iStock)

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Aufstehen, den Rechner aufklappen, einen Kaffee holen, die ersten Mails checken – der Arbeitstag kann beginnen. Die Arbeit im Homeoffice gilt laut Studien als befriedigender, produktiver und ist in der Schweiz auf dem Vormarsch. Auch die SBB setzen sich dafür ein, dass die Arbeitnehmer gestaffelt zur Arbeit fahren. So entlasten sie das Verkehrsnetz zu den Hauptverkehrszeiten. Eine nationale Mobilitätskonferenz befasst sich in Kürze auch mit diesem Thema. Für viele scheint die Arbeit zu Hause also sinnvoll und erstrebenswert, doch hat sie in der Praxis für manche offenbar einen Haken.

Denn schon steht die Tochter da und will ihre Milch, und schon muss man sich heimlich aus der Videokonferenz verabschieden, oder die Mails müssen noch etwas warten. Laut der Global Workspace Survey 2019, die von IWG, einem Anbieter für flexible Arbeitsplatzlösungen durchgeführt wurde, fühlen sich Schweizer im Homeoffice deutlich stärker gestört als der internationale Durchschnitt. Das sei besonders in den Sommerferien ein Problem, weil dann die Kinder öfter zu Hause sind. Weltweit wurden 15'000 Arbeitnehmer befragt, welche Faktoren für sie Stress bei der Arbeit zu Hause bedeuten.

72 Prozent der Schweizer geben an, dass für sie Kinder oder andere Familienmitglieder, die ihre Aufmerksamkeit benötigen, eine Hürde sind. Im internationalen Durchschnitt sind es 10 Prozent weniger. Bei den anderen Kriterien decken sich die Umfrageergebnisse aus der Schweiz in etwa mit denjenigen aus dem Ausland. Ausser bei der Störung durch Haustiere. Diese haben für die Schweizer offenbar einen geringen Einfluss auf die Produktivität, im internationalen Vergleich gehören sie aber zu den fünf grössten Störfaktoren bei der Heimarbeit.

Schweizer wollen professionelle Umgebung

Doch: Warum fühlen sich Schweizer bei der Arbeit zu Hause von den Kindern eher eingeschränkt? Für Barbara Josef, Expertin für Arbeitsmodelle beim Unternehmen 5 to 9, könnte ein Grund dafür die professionelle Büroinfrastruktur sein, die im Unternehmen zur Verfügung steht, aber zu Hause fehlt. Viele Firmen bieten heute Annehmlichkeiten wie Rückzugsräume oder zwei Monitore am Arbeitsplatz. «Schweizer Arbeitnehmer wünschen sich unabhängig vom Arbeitsort ein professionelles Umfeld», so Josef. Es könnte sich also um ein «Luxusproblem» handeln.

Laut Josef könne es aber auch gut sein, dass viele Arbeitnehmer eine klarere Trennung von Arbeit und Freizeit bevorzugen und mit der Vermischung der beiden Bereiche Mühe haben, nicht primär mit den Kindern. «Wenn man schaut, wie verbreitet flexible Arbeitsformen in den einzelnen Ländern sind, liegt die Schweiz im hinteren Mittelfeld – man könnte also auch vermuten, dass wir noch nicht so versiert sind wie zum Beispiel die skandinavischen Länder als Spitzenreiter», so Josef.

Co-Working im Kommen

Daher werde vermutlich auch die mit dem Homeoffice verbundene Klärung in der Familie – wann arbeite ich, wann stehe ich der Familie zur Verfügung? – noch als Stress empfunden, der im Büro wegfalle. Firmen, welche Ihren Mitarbeitenden flexibles Arbeiten ermöglichen möchten, ohne dass dies zu einer Vermischung von Arbeit und Freizeit führt, rät sie deshalb, die Alternative Co-Working zu prüfen. Also einen Arbeitsort, an dem sich Arbeitnehmer einen zeitlich flexiblen Arbeitsplatz in einem offen gestalteten Büro mieten.

Die Anzahl von Co-Working-Anbietern hat in den vergangenen Jahren stark zugelegt, wie eine Auswertung des Immobilien-Beratungsunternehmens Wüest Partner zeigt. Zwischen 2016 und 2018 ist ihre Zahl auf über 200 geklettert und hat sich damit fast verdreifacht.

Erstellt: 09.08.2019, 14:12 Uhr

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