Der Kohlezug von Trump entgleist

Die Renaissance der Kohle, ein grosses Wahlversprechen von Donald Trump, wird zum Albtraum für Arbeiter und Investoren. Der Energiemarkt straft den Präsidenten Lügen.

Das grösste Kohlekraftwerk der USA im Bundesstaat Arizona stellte den Betrieb vergangene Woche ein. Foto: Horst Mahr (Keystone)

Das grösste Kohlekraftwerk der USA im Bundesstaat Arizona stellte den Betrieb vergangene Woche ein. Foto: Horst Mahr (Keystone)

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«Keine Gruppe von Amerikanern ist von Präsident Trump mehr angelogen worden als die Kohlearbeiter und ihre Familien.» Art Sullivan war über 50 Jahre als Arbeiter und Manager und weltweit als Berater der Kohleindustrie tätig. Er macht sich Sorgen. «Das Einzige, was Trump wollte, war ihre Stimme. Aber nie hatte er im Sinn, für die Kohlearbeiter neue Stellen in anderen und gesünderen Branchen zu schaffen». Das Resultat ist verheerend.

Das jüngste Debakel in Arizona erscheint auch besonders tragisch. Hier versorgte das grösste Kohlekraftwerk im Westen der USA mit einer Leistung von 2,25 Gigawatt über 1,7 Millionen Haushalte; ohne die Anlage wäre das Wachstum von Phoenix nicht möglich gewesen. Vergangene Woche stellte das Werk die Produktion für immer ein. Und dies, obwohl die Betriebsgesellschaft den Präsidenten wiederholt um finanzielle Hilfe ersucht hatte.

Die Anlage war für die umliegenden Navajo-Reservate eine Lebensader. Sie sicherte Stellen und erlaubte ein Mindesteinkommen für die Ureinwohner des Landes – und diese zählten auf Trump.

Kohleanteil an Stromproduktion sinkt

Die Stammesführer pilgerten nach Washington und erinnerten an dieses Wahlversprechen: «Wenn ich gewählt werde», so Trump 2016, «werde ich eure Arbeitsplätze zurückbringen. Ihr werdet so stolz sein können auf euren Präsidenten.» Die Navajo-Nation glaubten sich auch abgesichert, weil das US-Innenministerium finanziell mit einem Viertel am Kraftwerk beteiligt war. Ihre Hoffnung war vergeblich. Der Markt hat gesprochen, das Werk wird in den nächsten drei Jahren abgebrochen.

Noch 2008 trug Kohle 48 Prozent zur Stromproduktion des Landes bei, dieses Jahr sind es nur noch 22 und nächstes Jahr 20 Prozent. Verdrängt wird die Kohle nicht nur durch den Überfluss an billigem Erdgas, sondern zunehmend durch erneuerbare Energien. Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme decken bereits ein Sechstel der Stromerzeugung ab und werden gemäss den jüngsten Prognosen des Energieministeriums in wenigen Jahren zur zweitgrössten Stromquelle werden.

In den Kohlestaaten West Virginia und Wyoming schaffen erneuerbare Energien schon heute ein Mehrfaches der Arbeitsstellen, die in den Bergwerken verloren gehen.

Unternehmen fühlen sich betrogen

Diese Realität des Marktes sei von den Kohleunternehmern lange, zu lange ignoriert worden, gibt Karla Kimrey, Ex-Vizepräsidentin des Kohleproduzenten Cloud Peak, zu, dessen Aktie noch zum Spottpreis von 0,0041 Dollar gehandelt wird. «Viele Manager und Verwaltungsräte waren unfähig zu sehen, dass der Wandel nicht abzuwenden war.» Sie alle finanzierten Trump und seine Kampagne. Betrogen sehen sich heute selbst Unternehmen mit einer gesunden Bilanz, erklären Fachleute. Kohle sei mit wenigen Ausnahmen für die Stahlproduktion schlicht nicht mehr rentabel.

Daran ändert auch die anhaltende Schwächung der Umweltvorschriften des Präsidenten nichts mehr, die Obama im Kampf den Klimawandel erlassen und unter anderem die Luftschadstofflimiten der Kohlekraftwerke und deren Abwässer in Flüsse und Seen strikter regulierte.

Selbst die direkte Subventionierung bankrotter Unternehmen – die Sozialisierung der Verluste – durch den Staat war ein Rohrkrepierer. «Trump präsentiert sich zwar gerne als Anwalt der Kohle», erklärt der Branchenanalyst Mark Levin dem «Wall Street Journal», «aber nicht er, sondern die Unternehmen entscheiden letztlich über die Zukunft der Stromproduktion.»

«Die Kohle aufleben zu lassen, ist so unsinnig wie damals die Pferdekutsche gegen das Auto bestehen zu lassen»Paul Krugman, Nobelpreisgewinner Wirtschaft

Wie stark der Markt und wie leer die Behauptungen des Präsidenten sind, zeigt die rapid wachsende Zahl von Stundungsverfahren. In den letzten zwölf Monaten mussten mehr als ein halbes Dutzend der grössten Kohlewerke einen Bankrottprozess einleiten, um zu retten, was noch zu retten ist. Auch die zwei grössten privaten Gesellschaften, Murray und Foresight, haben den Startschuss zu einer Restrukturierung gegeben.

Konkret heisst das: Die Gesamtarbeitsverträge werden aufgelöst und die Krankenversicherungs- und Pensionskassenleistungen zur Verhandlungsmasse mit den Investoren. In einzelnen Fällen wollen zwar neue Geldgeber in die überschuldeten Firmen einsteigen und den Arbeitern die ausgehandelten Sozialleistungen weiterzahlen. Aber nur noch ein Jahr. Was danach passiert, ist unschwer abzusehen.

Weitere Kohlebergwerk schliessen

«Die Kohle aufleben zu lassen», so Nobelpreisgewinner Paul Krugman, «ist so unsinnig wie damals die Pferdekutsche gegen das Auto bestehen zu lassen.» Selbst die stärksten der Branche, Peabody und Arch Coal, haben Mühe zu bestehen. Sie haben kürzlich entschieden, die Produktion teilweise zusammenzulegen, um Kosten zu senken und den Aktionären ihre Dividenden zahlen zu können.

Seit Trump im Amt ist, verlor Peabody mehr als die Hälfte des Markwerts. Ende Dezember wird das Unternehmen ein weiteres Kohlebergwerk in Arizona schliessen. Die Verlierer sind auch hier die Navajo- und Hopi-Stämme, auf deren Land die Kohle gefördert wurde.

Der einzige Lichtblick ist der Export von hochklassiger Kohle nach Indien und China. Doch auch hier stösst die Branche an politische Grenzen, da die US-Staaten an der Westküste den Export aus Umweltgründen unterbinden wollen.

Wyoming steht vor einem Defizit von 1,8 Milliarden Dollar.

Wyoming mit einem 40-Prozent-Marktanteil der Kohleförderung in den USA trifft das besonders hart, wie der republikanische Gouverneur Mark Gordon dem Wirtschaftssender CNBC erklärte. «Die sinkenden Einnahmen aus der Kohleförderung belastet die Finanzierung unseres Erziehungssystems. Ohne sie können wir keine Schulen bauen, die unseren Kohlearbeitern die technische Fähigkeiten für einen Berufswechsel vermitteln könnten.»

Wyoming, ein Staat mir nur gerade 580’000 Einwohnern, steht im Jahr 2022 vor einem Defizit der öffentlichen Schulen von 1,8 Milliarden Dollar. Und dennoch: Wyoming wird Trump erneut wählen.

Erstellt: 27.11.2019, 12:45 Uhr

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