«Der politische Kollateralschaden ist bedenkenswert»

EZB-Geldspritze: Für den in Brüssel arbeitenden Ökonomen Daniel Gros ist das ein Grund zur Sorge.

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Gewinnt Mario Draghi seine Wette, mit der neuen Geldspritze die Deflationsgefahr zu bekämpfen?
Ich habe meine Zweifel. Die hatte ich schon vor dem Entscheid über die quantitative Lockerung. Draghi schien sich bei der Präsentation selber nicht so sicher zu sein, ob das positive Effekte zeige.

Welche Waffe bleibt Draghi, wenn sein Programm nicht funktioniert?
Er kann nur noch die Dosis erhöhen.

Welche Alternativen hätte die EZB denn gehabt?
Das ist das Problem. Manchmal muss man auch eingestehen, dass man nichts tun kann. Es ist eine schwierige Situation. Aber ich glaube, Draghi ist an einem Punkt, an dem man mit der Geldpolitik wenig erreichen kann.

Nützts nichts, schadets nichts?
Volkswirtschaftlichen Schaden sehe ich nicht. Aber die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist, mit der Risikoverteilung bei den nationalen Notenbanken, würde ich als grossen politischen Kollateralschaden bezeichnen.

Beobachter warnen bereits vor einer weiteren Fragmentierung der Eurozone.
Ja, ich finde den Schritt nicht gut. Vor allem, weil man nicht weiss, wie gross das ganze Programm noch werden soll. Draghi hat ja gleichzeitig gesagt, dass die Risiken trotzdem gemeinsam getragen werden. Die EZB kann das Risiko am Ende nicht wirklich teilen.

Die nationale Risikoverteilung ist also rein kosmetisch?
Ja, das ist kosmetisch. Es ist bezeichnend für die Eurozone, dass alle für das Prinzip der quantitativen Lockerung waren. Die Südländer sind froh über ihre niedrigen Zinsen, die Nordeuropäer, dass sie nur ihr eigenes Risiko tragen müssen. Das ist der erste Schritt zu einer Renationalisierung.

Also ein Akt der Verzweiflung?
Die EZB hat sich da selber reingeredet. Sie hat immer wieder betont, sie müsse diese 2 Prozent Inflation erreichen. Dann hat sich der Eindruck gebildet, dass das in den USA und Grossbritannien funktioniert hat. Und plötzlich hatte sie keine Wahl mehr.

Die US-Notenbank und die Bank von England tun es ja auch.
Klar, aber es bleibt die Frage, was man damit erreicht. Meiner Ansicht nach sehr wenig. Die beschränkte Haftung auf Dauer ist eine Illusion. Zudem wird die Differenz zwischen Gläubiger- und Schuldnerländern noch wachsen.

Die nationale Risikoverteilung geschieht wegen Deutschland, wo die Geldspritze kritisiert wird.
Dieser Druck wird von einer kleinen, aber wortstarken Elite aufgebaut. Das ist nur oberflächlich. Dieser Druck kommt und geht. Was zählt, ist die effektive Wirtschaftsentwicklung im Land selber, und die ist in Deutschland gut. Die meisten Leute schauen sich um und sehen, dass es praktisch Vollbeschäftigung und keine Inflation gibt. Deflation ist eine Gefahr, von der sie nur vage gehört haben.

Aus der Sicht Deutschlands ist die Geldspritze überflüssig und hat die Eurozone keine Probleme mehr.
Sie haben nur halb recht. Es gibt ein Ungleichgewicht in der Eurozone, das die Deutschen teilweise lösen könnten. Sie müssten endlich mehr konsumieren und investieren. Das würde Wachstum und Inflation auch in anderen Euroländern ankurbeln. Aber die Massnahme der EZB hilft da nicht wirklich.

Schwächt die Geldschwemme jetzt den Reformeifer in Südeuropa?
Nein, das glaube ich nicht. Was den Euroländern wirklich helfen würde, wäre für Deutschland ein deutlich höherer Mindestlohn als den, den die Regierung in Berlin beschlossen hat.

Wie wirkt sich die Geldspritze der EZB auf den Kurs des Frankens aus?
Es ändert nicht viel. Der Schritt der EZB war ja schon eingepreist. Es kann allerdings sein, dass dieses offene Programm ohne festes Ende den Franken noch etwas stärkt.

Erstellt: 22.01.2015, 23:31 Uhr

Daniel Gros

Daniel Gros ist Direktor des Centre for Policy Studies (Ceps) in Brüssel.

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