1.90 Dollar pro Tag – mindestens

Wie viel braucht der Mensch zum Überleben? Die Weltbank erhöht den Betrag, und plötzlich gelten 150 Millionen Menschen mehr als arm.

Genug zu essen ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit: Mädchen vor einem Imbiss in der somalischen Hauptstadt Mogadiscio.

Genug zu essen ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit: Mädchen vor einem Imbiss in der somalischen Hauptstadt Mogadiscio. Bild: Reuters

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Seit 1990 legt die Weltbank eine Linie fest, um die extreme Armut auf diesem Planeten zu erfassen. Galt damals als arm, wer pro Tag mit 1 Dollar oder weniger auskommen musste, so liegt diese unterste Armutslimite heute bei 1.25 Dollar. Jetzt aber schickt sich die in Washington ansässige Organisation an, diese Zahl gleich um 50 Prozent auf 1.90 Dollar anzuheben. Mit der Folge, dass quasi mit einem Federstrich annähernd 150 Millionen Menschen zusätzlich in tiefster Armut leben.

Die Weltbank begründet die Erhöhung damit, dass sie die neusten verfügbaren Daten zur Kaufkraftparität – die allerdings auf das Jahr 2011 zurückgehen – weltweit ausgewertet hat. Mithilfe der Kaufkraftparität lassen sich über Ländergrenzen und Währungsräume hinweg wichtige gesamtwirtschaftliche Grössen wie das Bruttoinlandprodukt vergleichen, indem unterschiedliche Preisniveaus ausgeglichen werden. Die Anhebung der Armutsgrenze dürfte einmal mehr die Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen statistischen Masszahl befeuern. Erweckt sie doch den Anschein einer präzisen und «sauberen» Erfassung von Armut, die allein schon aufgrund der meist veralteten und vielerorts wenig verlässlichen Daten illusorisch ist. Wie Kritiker ferner einwenden, leben natürlich auch Menschen, die ein paar Cent mehr als 1.25 Dollar – oder 1.90 Dollar – zur Verfügung haben, in existenzieller Not.

Neues Zeitfenster in der Entwicklungspolitik

Der Schritt der Weltbank ist zumindest in zeitlicher Hinsicht gut gewählt, will doch ein UNO-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in New York ab Freitag die «2030-Agenda» für nachhaltige Entwicklung verabschieden. Im Mittelpunkt der insgesamt 17 Ziele – sie aktualisieren die im Jahr 2000 fixierte Millenniums-Agenda – steht die Ausmerzung der extremen Armut innerhalb der nächsten 15 Jahre. Ob dies gelingt, wird von Experten zunehmend bezweifelt, vor allem mit Blick auf die eingetrübten Wachstumsaussichten in den aufstrebenden Ländern. Wenn die Weltbank nun die Armutsgrenze auf 1.90 Dollar pro Tag erhöht, sind die Erfolgschancen natürlich noch geringer.

Optimisten verweisen hingegen auf die Erfolge bei der Umsetzung der Millenniumsziele. So konnte die angestrebte Halbierung der globalen Armutsrate bereits 2010, fünf Jahre vor dem festgelegten Fahrplan, verwirklicht werden. 2011 lebten noch 17 Prozent der Bevölkerung in der aufstrebenden Welt unter der 1.25-Dollar-Schwelle, verglichen mit 43 Prozent und 52 Prozent in den Jahren 1990 und 1981. In absoluten Zahlen waren 2011 gut 1 Milliarde Menschen von tiefster Armut betroffen, nach 1,91 und 1,93 Milliarden in den beiden besagten Erhebungsjahren, wie die Weltbank aufgrund der aktuell verfügbaren Zahlen errechnete.

Gefährdete Erfolge in der Armutsbekämpfung

Kritiker sehen diese Erfolge indes dadurch relativiert, dass sie sich auf einzelne wenige konzentrieren, wenngleich sehr grosse Länder wie China, Indien und Brasilien in den letzten Jahren beeindruckende Wachstumsraten erzielten. Im Zuge dieser Dynamik ist Millionen von Menschen der Aufstieg in die Mittelklasse mit einer wachsenden Kaufkraft gelungen. Doch eine Fortsetzung der Expansion mit einem solch hohen Tempo in den kommenden 15 Jahren gilt weitherum als unwahrscheinlich. Haben die Schwellen- und Entwicklungsländer seit der Jahrhundertwende ein mittleres jährliches Wachstum von rund 6 Prozent erzielt, so erwartet der Internationale Währungsfonds für die nächsten fünf Jahre nur mehr ein solches von 5 Prozent. Diese Prognose gilt bei manchen Experten immer noch als überaus optimistisch angesichts der vielen weltwirtschaftlichen Unwägbarkeiten, beginnend mit China.

Die entwicklungspolitischen Konsequenzen sind frappant, gilt doch wirtschaftliches Wachstum nach wie vor als das wirksamste Mittel, um extreme Armut einzudämmen. Der Chefökonom der Weltbank, Kaushik Basu, geht denn in nächster Zeit von einem Wiederanstieg der Zahl armer Menschen aus, wenn die Bremsspuren des Preiszerfalls bei Öl und Rohstoffen in Lieferantenländern wie Brasilien oder Nigeria erst richtig zum Vorschein kommen. Hinzu kommen weitere wachstumsdämpfende Risiken wie der Klimawandel, der mit vermehrten Trockenperioden und anderen Naturkatastrophen die landwirtschaftliche Produktion – immer noch der wichtigste Sektor in den armen Ländern – erheblich beeinträchtigen dürfte.

Krieg und Armut eng verknüpft

Die statistischen Auswirkungen einer auf 1.90 Dollar erhöhten Armutsschwelle sind für Ostasien, inklusive China, am stärksten: Die Zahl der Menschen, die unter diesem neuen Existenzminimum leben müssen, verdoppelt sich beinahe auf knapp 300 Millionen. In Lateinamerika resultiert eine Zunahme um 25 Prozent auf 37 Millionen. Für die beiden Regionen mit der am stärksten verbreiteten Armut fallen die Änderungen hingegen nicht ins Gewicht. In Südasien steigt die Zahl der Ärmsten der Armen um 7 Millionen auf 407 Millionen, und in Afrika südlich der Sahelzone bleibt sie mit 416 Millionen unverändert.

Eng verknüpft ist die Armutsproblematik mit Krieg, Bürgerkrieg und anderweitigen gewaltsamen Konflikten. Laut Weltbank-Zahlen, welche die «Financial Times» heute publizierte, kämpfen etwa 400 Millionen ärmste Menschen in kriegsversehrten Ländern wie Somalia oder der Demokratischen Republik Kongo um ihr Überleben – eine Zahl, die sich im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts kaum verändert hat. Bis 2030, so die Projektionen der Weltbank-Experten, werden 90 Prozent der Menschen auf der untersten Armutsstufe in von Krieg und Gewalt beherrschten Regionen leben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2015, 16:30 Uhr

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