Hintergrund

Abes Pfeile fliegen ins Ziel

Japans Wirtschaft wächst sogar noch stärker als erhofft. Jetzt erhält Abenomics Unterstützung von zwei Nobelpreisträgern.

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Die ersten Trendmeldungen zum Wachstum der japanischen Wirtschaft waren schon vielversprechend: Um 3,5 Prozent habe das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal 2013 zugelegt, hiess es zunächst. Jetzt liegen die bereinigten Zahlen vor, und sie sind nochmals deutlich besser geworden: 4,1 Prozent sind der neueste Stand. Das ist die wirksamste Unterstützung für die Wirtschaftspolitik von Premierminister Shinzo Abe.

Er pflegt sie mit dem Vergleich von drei Pfeilen zu umschreiben: Mit einer lockeren Geldpolitik will er Konsum und Investitionen ankurbeln, mit dem Ausbau von Infrastruktur und dem Bildungswesen neue Arbeitsplätze schaffen und mit strukturellen Reformen für mehr Flexibilität sorgen. Dieser Mix scheint sich offensichtlich zu bewähren.

Eindringliche Warnungen

Bei den westlichen Gralshütern der klassischen Ökonomie hat Abenomics blankes Entsetzen ausgelöst. Anstatt zu sparen und das horrend hohe Staatsdefizit abzubauen, geschieht genau das Gegenteil. Mit billigem Geld und Staatsprojekten soll die japanische Wirtschaft aus ihrer Stagnation geholt und die hartnäckige Deflation endlich überwunden werden. Das werde unweigerlich in die Hyperinflation führen und Japan ins Chaos stürzen, wurden die Japaner eindringlich gewarnt.

Es gibt aber auch Fans von Abenomics. Einer davon ist Joseph Stiglitz, Ökonomieprofessor an der Columbia University in New York und Träger des Nobelpreises. In einem Essay in der «New York Times» bezeichnet er Japan nicht als Mahnmal, sondern als Vorbild. «Die neue Wirtschaftspolitik scheint ein grosser Gewinn für Japan zu sein», schreibt Stigltiz. «Und was in Japan geschieht, wird einen grossen Einfluss auf die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt haben.»

Der Deal funktioniert

Japans Wirtschaftsordnung wird im Westen oft verkannt. Die Staatsschulden sind tatsächlich sehr hoch. Doch sie werden fast ausschliesslich von den Japanern selbst bezahlt und in Yen emittiert. Japan hat mit seinen Bürgern einen anderen Deal als westliche Staaten. Er lautet: Wir halten die Steuern tief, und ihr gebt uns im Gegenzug euer Spargeld zu günstigen Zinsen. Bisher hat der Deal funktioniert. Selbst in den schwierigen Zeiten der letzten 20 Jahre ist Japans Arbeitslosigkeit nie über sechs Prozent gestiegen. Japan ist zudem eine relativ egalitäre Gesellschaft. Die Wohlstandsunterschiede sind deutlich kleiner als etwa in den USA. Und Japanerinnen und Japaner haben die höchste Lebenserwartung auf der Welt.

Nicht alles in Japan ist perfekt. Die Menschen werden älter, aber im Alter oft auch ärmer. Gemäss OECD beträgt die Altersarmut rund 25 Prozent. Das grösste strukturelle Problem liegt jedoch bei den weiblichen Arbeitnehmern. Gemäss Angaben der Weltbank ist nur jede zweite Frau im Erwerbsleben tätig, und bloss sieben Prozent der Frauen befinden sich in einer Führungsposition. Diese weitgehend kulturell bedingten Umstände lassen sich nicht kurzfristig ändern. Angesichts der Überalterung ist es jedoch zwingend, dass sich die Rolle der Frau am Arbeitsplatz verändert, zumal Japan praktisch keine Zuwanderung zulässt.

Auch Krugman ist Fan

Abenomics wird immer mehr zum Gegenstück der Austeritätspolitik. Diese erntet heute nur noch Hohn und Spott. «Die Grundlagen der Austeritätslogik – nämlich dass hohe Staatsschulden das Wachstum hemmen – sind als Unsinn entlarvt worden», stellt Stiglitz fest. «Europa liefert täglich mehr Beweise, dass Austerität zu noch mehr Austerität führt und in Rezession oder gar Depression endet.»

Diese Auffassung vertritt auch ein anderer Nobelpreisträger, Paul Krugman. Auch er ist ein bekennender Fan von Abenomics geworden und fordert die Amerikaner auf, dem japanischen Beispiel zu folgen. In den USA liegt die Arbeitslosigkeit nach wie vor bei 7,6 Prozent. Das ist in Krugmans Augen ein Skandal. Noch skandalöser ist die Gleichgültigkeit, mit der von der Politik dieser Zustand behandelt wird, das «grosse Achselzucken», wie Krugman es nennt. «Japan macht es besser als die Vereinigten Staaten», stellt er deshalb fest. «Es kann uns wahrscheinlich viel beibringen. Selbst wenn Abenomics nur halb so erfolgreich sein wird, wie seine Begründer hoffen, wird es uns immer noch viel beibringen können.»

Erstellt: 10.06.2013, 12:20 Uhr

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