Abstieg eines Strebers

Das russische Einfuhrverbot für Nahrungsmittel ist der jüngste Schlag für das krisengeplagte Finnland. Nun droht Europas Vorzeigewirtschaft zum nächsten Sorgenkind zu werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie anders die Welt für Finnland vor zwei Jahren noch aussah. Damals, als Europas Finanzmärkte lichterloh brannten, hatten die Skandinavier Oberwasser: Mit den besten Kreditratings der Währungsunion ausgezeichnet, leistete man sich ein schulmeisterliches Auftreten gegenüber den Krisenstaaten. Währungskommissar Olli Rehn repräsentierte die eiserne Hand aus dem hohen Norden. Die Finnen dachten mal laut über Griechenlands erzwungenen Exit, mal über den eigenen, freiwilligen Austritt nach.

Heute erleiden die Finnen selbst den Abstieg ins Mittelmass. Die geostrategische Lage ist dem im Ost-West-Konflikt traditionell neutralen Land zum Verhängnis geworden. Finnland teilt eine Grenze von 1300 Kilometern und liefert 10 Prozent seiner Waren nach Russland: an einen Wirtschaftspartner, der nach der jüngsten Sanktionseskalation komplett auszufallen droht.

Zwischen den Fronten

Der Nahrungsmittelhandel liegt auf Eis. Firmen wie der Milchverarbeiter Valio, der 40 Prozent nach Russland exportiert, haben deswegen die Produktion unterbrochen. Wegen der Rezession im Nachbarstaat leiden auch der Retailer Oriola-KD, der Farbenhersteller Tikkurila und der Baukonzern YIT, wie Bloomberg berichtet. Man wäre in «grossen Schwierigkeiten», sagt Finnlands Industrieverband, sollte der Wirtschaftskrieg der USA und der EU mit Russland andauern. Seit der Ukrainekrise sind auch die Touristen aus Russland rar geworden.

Die Spannungen sind das i-Tüpfelchen einer negativen Entwicklung. Finnlands Wirtschaft befindet sich schon länger in der Rezession. Nach zwei Jahren Schrumpfung spielt Finnland wachstumsmässig in der Liga von Portugal. Die Arbeitslosigkeit ist von 7,8 auf 9,2 Prozent hochgeschossen, die Schulden haben sich gegenüber dem Jahr 2008 auf 94 Milliarden Euro verdoppelt. Die in den Maastricht-Verträgen festgehaltene 60-Prozent-Grenze hat Finnland inzwischen überschritten.

Weltunternehmen im Niedergang

Der Wandel ist bemerkenswert. Denn Finnland gilt gemäss dem World Economic Forum eigentlich als wettbewerbsfähigstes Land der EU. Rechtssicherheit, Infrastruktur, Makroökonomie – bei den Faktoren, welche die gängige Wachstumslehre als wichtig ansieht, schwang Finnland stets obenaus. Auch bei der Pisa-Studie sahnten die Nordländer regelmässig Bestnoten ab. Finnland schien das beste Erfolgsbeispiel für das skandinavische Wirtschaftsmodell mit seinen liberalen Märkten und dem ausgebauten Sozialnetz zu sein.

Der Umschwung erklärt sich zum einen aus der Wirtschaftsstruktur. Einen wichtigen Platz in Finnlands Volkswirtschaft hat die Holz- und Papierindustrie eingenommen – eine traditionelle Branche, deren Erträge in den letzten Jahren wegen des Trends zur Digitalisierung eingebrochen sind. Auch den finnischen Schiffswerften geht es nicht gut. Andererseits haben moderne Grosskonzerne wie Nokia sich nicht als die erwartete Stütze erwiesen. Microsoft, die neue Besitzerin, will in Finnland massiv Stellen sparen. Auch der US-Telecomkonzern Broadcom plant Einschnitte, die das Land hart treffen.

Am falschen Fleck Europas

Finnland kann seine Stärken am Weltmarkt nicht mehr ausspielen. So stehen nun die negativen Seiten des skandinavischen Modells im Zentrum. Etwa die Staatsquote, die mit 58 Prozent sogar höher als im interventionistischen Frankreich ist. Die hohen Einkommenssteuern, die schnell alternde Bevölkerung, die im Vergleich zum Nachbarn aus Schweden stagnierende Erwerbsquote.

Gemäss offiziellen Prognosen rechnet der IWF fürs Jahr 2014 noch mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. Im ersten Jahresquartal ist das finnische BIP allerdings um 0,4 Prozent gefallen. Auch mit einer schnellen Entspannung des Ukrainekonflikts scheinen die Ziele ausser Reichweite.

Wegen der ungleichen Sanktionslasten verhandelt Finnland mit der EU inzwischen über eine Kompensation. An welchem Punkt die Diskussionen stehen, mag Premierminister Alexander Stubb nicht sagen. Sicher ist: Als Bittsteller in Brüssel aufzutreten, ist eine neue Rolle für die erfolgsverwöhnten Finnen.

Erstellt: 11.08.2014, 16:10 Uhr

Artikel zum Thema

Finnen bleiben auf Joghurt sitzen

Putins Boykott wird Finnland hart treffen. Ein Viertel der Lebensmittelexporte geht zum Nachbarn Russland. Mehr...

«Nicht gut auf die Schweiz zu sprechen»

Für die abgeschwächten Sanktionen der Schweiz gegen Russland hagelt es Kritik. Besonders harsch äussert sich der estnische Präsident Toomas Ilves. Mehr...

«Wir würden mehr nach Russland exportieren»

Als Antwort auf die westlichen Strafmassnahmen schränkt Russland den Import von Nahrungsmitteln ein. Was bedeuten diese Einschränkungen für die Schweizer Lebensmittelhersteller? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...