«Ängste nehmen mit dem Alter zu»

Die Wirtschaftsprofessorin Monika Bütler sagt, die Generation 50 plus sei verunsichert, weil sie nie eine echte Krise erlebt habe. Politiker müssten die Ecopop-Initiative besser erklären, denn sie sei brandgefährlich.

«Sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, ist heute anspruchsvoller»: Ökonomin Monika Bütler. (Bild: Dieter Seeger)

«Sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, ist heute anspruchsvoller»: Ökonomin Monika Bütler. (Bild: Dieter Seeger)

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Mit grossem Mehr wurde am letzten Sonntag die Mindestlohninitiative abgelehnt. Sind Sie überrascht?
Die Richtung habe ich erwartet. Aber ich hätte nie gedacht, dass das Resultat so eindeutig ausfällt.

Die Schweizer stimmen gegen sechs Ferienwochen, die 1:12-Initiative und den Mindestlohn – also gegen lauter Vorlagen, die laut Initianten im Interesse des durchschnittlichen Arbeitnehmers sind.
Ob sie das sind, ist eben nicht so klar. Die Leute sind sensibel für die Zusammenhänge auf dem Arbeitsmarkt und stimmen in der Folge sehr vernünftig. Man weiss – gerade vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit in Südeuropa – um den Wert unseres Modells. Und will dieses nicht gefährden. Denn was nützt ein Mindestlohn, wenn man keine Arbeit hat?

Wie passt das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative zu dieser ökonomischen Vernunft?
Das ist eine schwierige Frage. Wir haben tatsächlich eine relativ starke Einwanderung, die natürlich auch Kosten hat. Einwanderung in die Sozialhilfe und Kriminalität zum Beispiel. Aber niemand aus der Politik steht hin und erklärt offen und verständlich: dass nur selten ein zugewanderter Ausländer einem Schweizer die Stelle wegnimmt. Dass es viel öfter so ist, dass Schweizer gerade wegen der Einwanderung ihre Stellen behalten können. Und dass es sich bei den Problemausländern in den meisten Fällen nicht um solche handelt, die über die Personenfreizügigkeit eingereist sind, sondern um jene, die über das Asylverfahren gekommen sind. Der Schweiz fehlt eine aufklärerische Politik. Das zeigte sich auch bei der Pädophileninitiative. Kaum jemand aus den etablierten Parteien wollte sich die Finger schmutzig machen. Ich finde das sehr bedenklich.

Mit der Masseneinwanderungs- und der Abzockervorlage haben erstmals Initiativen eine Mehrheit gefunden, die von der Wirtschaftselite geschlossen bekämpft wurden. Eine Zäsur?
Gegen die Abzockervorlage trat die Wirtschaftselite geschlossen an, das stimmt. Jene Vorlage war zwar ein Unsinn, richtete aber auch keinen grossen Schaden an. Bei der Masseneinwanderungsinitiative würde ich dagegen nicht von einer geschlossenen Wirtschaftselite sprechen. Erstens haben die meisten ohnehin geschwiegen. Zweitens ist das Gefühl, dass die Einwanderung Probleme schafft, auch in Wirtschaftskreisen verbreitet. Man stellt fest, dass der Druck in vielen Bereichen zunimmt, und erklärt das mit der Einwanderung. Ob das eine Zäsur ist? Für diese Diagnose ist es zu früh.

Aber das einst betonfeste Vertrauen der Leute, dass Wirtschaft und Politik das Land vorwärtsbringen und den Wohlstand sichern – das ist offenbar zerbrochen.
Ja, das ist so. Das hat sich schon länger abgezeichnet. Die Boni-Exzesse trugen dazu bei, ebenso die Abgehobenheit vieler Wirtschaftsführer. Zudem – da muss man selbstkritisch sein – hat sich auch die Wissenschaft vom Publikum entfernt. Die Forscher arbeiten an ihren Projekten für die internationalen Journals und interessieren sich nicht für den öffentlichen Diskurs. Das ist nicht gut.

Lange herrschte in der Schweiz die Zuversicht, dass es immer nur aufwärtsgeht. Doch nun scheint sich der Eindruck zu verbreiten, dass es unseren Kindern nicht mehr so gut gehen wird wie uns.
Wir sollten uns bewusst sein, dass wir historisch gesehen eine ausserordentliche Zeit hinter uns haben – eine ausserordentlich gute. Meine Generation, also die Generation 50 plus, hat nie in ihrem Leben echte wirtschaftliche Schwierigkeiten erlebt, nie eine echte Krise. Das ist einerseits ein Glück, hat aber andererseits zur Folge, dass die Ängste riesig sind, wenn sich plötzlich der Eindruck einstellt, es sei vorbei mit den goldenen Jahren. Zumal die Zeit zwischen 50 und der Pensionierung sowieso schwierig ist. Das war aber schon immer so. Auch für die Generation meiner Eltern wurde es ab 55 schwierig. Das Berufsleben lief nicht einfach harmonisch aus.

Aber es ist ja keine Mär, dass ein 58-Jähriger, der eine Stelle sucht, nahezu chancenlos ist.
Das stimmt, und ich will das Problem nicht herunterspielen. Ich wehre mich aber dagegen, die Schuld einseitig auf die Zuwanderung zu schieben. Soll mir niemand sagen, dass es ein 58-jähriger Arbeitsloser vor zwanzig Jahren einfacher hatte. Geändert hat sich etwas anderes: Wir, die Generation der über 50-Jährigen, sind heute sehr zahlreich. 1992 gab es pro zehn 25- bis 40-jährige Arbeitnehmer lediglich drei 55- bis 65-jährige. Heute sind es fünf. Die Angst unserer ­Babyboomergeneration hat daher – auch politisch – ein markant grösseres Gewicht. Weil wir einfach sehr viele sind. Hinzu kommt: Weil die älteren Arbeitnehmer so zahlreich sind, gibt es logischerweise auch eine stattliche Zahl, die tatsächlich ein Problem auf dem Arbeitsmarkt hat. Aber es gibt in der Statistik kaum verlässliche Hinweise, dass sich die Lage der über 50-Jährigen in jüngerer Zeit verschärft hätte.

Sind denn die goldenen Jahre tatsächlich vorbei? Ist die Abstiegsangst berechtigt?
Die Abstiegsangst gab es schon immer. Sie gehört wohl zum Wesen des Mittelstands. Gleichzeitig ist es aber tatsächlich härter geworden in den letzten Jahrzehnten. Es gibt heute viel mehr Länder, die konkurrenzfähig sind, die intelligente junge Leute hervorbringen, Leute, die arbeiten und etwas bewegen wollen. Es ist von daher schon weniger gemütlich. Sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, ist heute anspruchsvoller als in den vergangenen Jahrzehnten. Das bringt vor allem ältere Arbeitnehmer in eine Situation, die sie als krisenhaft empfinden – das ist in eine neue, ungewohnte Erfahrung.

Die Generation, die noch den Krieg erlebt hatte, war krisenresistenter?
Meine Eltern waren zeit ihres Lebens ängstlich. Und das, obschon sie ziemlich gestählt im Leben ankamen – die Mutter hatte den Vater im Krieg verloren; der Vater wuchs bei einer Pflegefamilie auf. Vielleicht konnten sie aber besser mit den Ängsten umgehen als wir. Aus der Forschung wissen wir ja, dass frühe Erlebnisse sehr prägend für unser Verhalten sind. Uns haben die frühen Erlebnisse möglicherweise allzu leichtsinnig und optimistisch gemacht – wenn es dann plötzlich schwierig wird, trifft es einen unvorbereitet. Man ist hilflos.

Das Ja vom 9. Februar drückt die Hilflosigkeit des über 50-jährigen Mittelstandsschweizers aus?
Zum Teil. Die Demografie ist nicht nur im Arbeitsmarkt, sondern auch in der Politik eine wichtige Grösse. Die Wähler sind älter geworden – heute sind sie im Durchschnitt um die 55 Jahre alt. Und die Ängste nehmen mit dem Alter zu.

Wäre es am 9. Februar anders rausgekommen, wenn sich die Politik ernsthaft um die Sorgen des Mittelstands gekümmert hätte?
Wenn der Bundesrat erstens die Personenfreizügigkeit strikter umgesetzt hätte, wenn er also den Spielraum genutzt hätte und etwa die Einwanderung in die Sozialwerke unterbunden hätte – und wenn er zweitens klar, differenziert und transparent über die Einwanderung und die damit verbundenen Probleme gesprochen hätte: Vielleicht wäre es dann anders rausgekommen. Mein Eindruck: Viele Wähler machten bei der Abstimmung gar keinen Unterschied zwischen den Ausländergruppen. Was zur Folge hatte, dass manch einer, der im Zürcher Kreis 4 wohnt und dessen Kind als einziges in der Klasse Schweizerdeutsch spricht, sich gegen die Personenfreizügigkeit stellte, obschon diese gar nichts damit zu tun hat.

Gerade im Zürcher Kreis 4 und an anderen Orten mit wirklich hohem Ausländeranteil gab es allerdings ein klares Nein am 9. Februar.
Dass in Quartieren mit hohem Ausländeranteil die Einstellung gegenüber Ausländern positiver sei als in Quartieren mit tiefem Anteil, ist ein beliebtes Klischee. Die Frage, wie leicht oder schwer einem der Umgang mit der Multikultigesellschaft fällt, ist viel weniger eine Frage des Wohnorts als des Lebenszyklus. Viele Kreis-4-Bewohner sind jung, kinderlos und wohnen freiwillig dort. Das heisst, sie sind in einer Lebensphase mit wenig Ängsten und kleinen Ansprüchen. Aber deswegen sind nicht alle im Kreis 4 urbane Weltbürger und alle auf dem Land Bünzli – allein schon, weil es sich dabei oft um dieselben Leute handelt. Zuerst pflegen sie ihr cooles Stadtleben, dann bekommen sie Kinder, ziehen aufs Land und setzen die Prioritäten plötzlich anders. Das geht mir ja selber so: Mich interessieren die Schule und ihre Probleme auch erst, seit ich Kinder habe.

Bald wird über die Ecopop-Initiative abgestimmt – die nächste Vorlage zur Einwanderung.
Ehrlich gesagt: Ich habe diese Abstimmung etwas verdrängt. Weil sie mir wirklich Bauchweh macht. Anders als die SVP-Initiative hat diese Vorlage kein Ventil, welches bei der Umsetzung etwas Spielraum schafft. Wenn die Ecopop-Initiative angenommen wird, hätte das wirklich ganz gravierende Folgen für das Land, seine Wirtschaft und seinen Wohlstand. Zudem basiert sie auf einem Gedankengut, das mich zutiefst befremdet. Da werden sozialistische und nationalistische Elemente zusammengebracht. Diese Kombination hat in der Geschichte bekanntlich noch nie funktioniert.

Sie befürchten, dass die Schweizer trotz ihrer ökonomischen Vernunft für eine öko-konservative, den Wohlstand akut gefährdende Vorlage zu haben sind?
Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass dieses öko-konservative Denken auf breite Resonanz stösst. Diese Leute richten sich im Glauben ein, es gebe eine «gute» Form der Abschottung – im Gegensatz zur «bösen» der SVP. Das ist absurd. Nur weil bei den Öko-Konservativen die Ausländerfeindlichkeit mit Umverteilung und staatlich verordnetem Umweltschutz verbunden ist, soll sie besser sein als die rechtspopulistische Rhetorik? Ich finde es brandgefährlich, wenn diese «gute» Ausländerfeindlichkeit salonfähig wird – wenn sich die Ansicht verbreitet, man dürfe gegen Ausländer sein, solange man es aus ökologischen Gründen sei. Es gibt weder eine gute noch eine schlechte Abschottung – eine Abschottung hat einfach ihren Preis. Einen zu hohen.

Erstellt: 24.05.2014, 08:00 Uhr

Monika Bütler

Professorin und Bloggerin

Die 52-jährige gebürtige Aargauerin studierte zuerst Physik und Mathematik, dann zusätzlich Volkswirtschaftslehre. Heute ist die Ökonomin Professorin an der Universität St. Gallen und Direktorin des Schweizerischen Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung. Sie ist verheiratet mit Urs Birchler, Bankenprofessor an der Universität Zürich. Das Paar hat zwei Söhne, lebt in Zürich und betreibt einen Blog über Wirtschaftspolitik: www.batz.ch. (TA)

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