«Arbeitslosigkeit wird in der Schweiz als Makel empfunden»

Viel mehr Menschen als gedacht begehen Suizid wegen Arbeitslosigkeit. Warum man das Phänomen so lange unterschätzte und weshalb auch Pensionierte betroffen sind, sagt Studienleiter Carlos Nordt.

Bild: «The Lancet Psychiatry»

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Laut Ihrer Studie hängt weltweit jeder fünfte Suizid mit Arbeitslosigkeit zusammen, «direkt oder indirekt». Was heisst das?
Die Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit Suizid begehen, sind unter Umständen noch nicht oder nicht selbst davon betroffen. Sie fürchten sich vor einer Kündigung oder haben sie gerade erst erhalten, oder sie leiden unter der Arbeitslosigkeit eines Familienmitglieds. Dafür spricht, dass der Zusammenhang zwischen Suizid und Arbeitslosigkeit über alle Altersgruppen hinweg stabil ist. Er besteht also auch bei über 65-Jährigen, die nicht mehr im Arbeitsleben stehen, deren Kinder aber den Job verloren haben.

Eltern nehmen sich das Leben, weil ihr Sohn oder ihre Tochter arbeitslos geworden ist?
Ja, dieses Phänomen beobachten wir vor allem in Ländern, in denen die Familienbande traditionell sehr stark sind. In Spanien ist es normal, dass die Kinder lange bei ihren Eltern wohnen, dementsprechend ist auch die Betroffenheit grösser.

Haben Sie weitere Unterschiede zwischen den untersuchten Regionen gefunden?
Am meisten überraschte mich, dass die Suizidwahrscheinlichkeit sich je nach Alter und Weltregion unterscheidet. In der Schweiz ist der Suizid im Alter ein grosses Thema, in Südamerika überhaupt nicht. Ich vermute, dass auch hier kulturelle Gründe dahinterstecken. In einem Land, in dem Alterssuizid verbreitet ist, erscheint er normaler und wird darum vielleicht öfter begangen. Und schliesslich war ich erstaunt, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Suizidrate in allen untersuchten Weltregionen – Nord- und Südamerika, Nord- und Westeuropa, Süd- und Osteuropa sowie Nicht-Amerika und Nicht-Europa – etwa gleich stark ist.

Was schliessen Sie daraus?
Dass die Arbeit in allen Weltregionen einen gleich hohen Stellenwert hat. Den Südamerikanern ist ihr Job genauso wichtig wie den Europäern, der Verlust schmerzt alle.

Allerdings stellen Sie fest: In Ländern mit tiefer Erwerbslosigkeit – also auch in der Schweiz – ist der Zusammenhang noch etwas stärker ausgeprägt. Warum?
Weil ein Anstieg der Erwerbslosigkeit die Menschen viel stärker verunsichert. Wenn die Zahl der Menschen ohne Job sich von drei auf sechs Prozent verdoppelt, wirkt das bedrohlicher, als wenn sie von 20 auf 23 Prozent ansteigt. Dies, obwohl die finanzielle Absicherung in Ländern wie der Schweiz viel grösser ist, Arbeitslose also weniger zu befürchten haben. Dafür ist das soziale Stigma grösser, Arbeitslosigkeit wird stärker als Makel empfunden.

Der Anstieg der Suizidrate geht jenem der Arbeitslosenrate um etwa sechs Monate voraus. Wie kommt das?
Dieser Effekt betrifft jene Länder, in denen die Zahl der Arbeitslosen in kurzer Zeit stark gewachsen ist, wie es zum Beispiel in Irland oder Litauen während der Finanzkrise 2008 der Fall war. Wir haben daraus geschlossen, dass schon die Aussicht auf Jobverlust einen Suizid auslösen kann. Und dass Entlassungen auch für die verbleibenden Angestellten eine grosse Belastung sind, weil sie fürchten, ebenfalls den Job zu verlieren.

Haben Sie Unterschiede zwischen Branchen oder Hierarchieebenen gefunden?
Dazu können wir keine Aussagen machen, weil die Daten nicht genug detailliert sind. Frühere Studien aus dem skandinavischen und asiatischen Raum haben aber gezeigt, dass Manager auf Versagen empfindlicher und schneller reagieren als Angestellte, die weniger Verantwortung tragen. Das könnte daran liegen, dass Führungspersonen die Probleme früher auf sich zukommen sehen und stärker auf sich selbst beziehen.

Und wie sieht es mit Alters- und Geschlechtsunterschieden aus?
Wir haben keine gefunden. Der Zusammenhang zwischen Suizid und Arbeitslosigkeit ist bei Männern und Frauen sowie bei Jungen und Älteren gleich gross. Es wäre denkbar gewesen, dass Frauen nicht so stark betroffen sind wie Männer, weil sie immer noch weniger integriert sind in der Arbeitswelt. Hier kommt aber scheinbar die anfangs erwähnte indirekte Betroffenheit zum Tragen.

In der Schweiz ist die Suizidrate in den letzten Jahren relativ stabil geblieben, auch während der Finanzkrise. Das liege an den präventiven Massnahmen, die ergriffen worden seien, sagt einer Ihrer Forschungskollegen. Welche Massnahmen sind das?
Die Medienberichterstattung hat sich in den letzten Jahren gewandelt, über Suizide wird heute sehr sparsam und zurückhaltend berichtet. Kritische Punkte wie Brücken werden besser gesichert, und seit man gemerkt hat, dass sich das Suizidrisiko bei Hinterbliebenen ebenfalls erhöht, werden sie sorgfältiger betreut. Wir dürfen aber nicht vergessen: Die Schweiz war von schwierigen Ereignissen wie der Finanzkrise 2008 weniger stark betroffen als andere Länder.

Weltweit hat diese Krise laut Ihrer Studie neunmal mehr Suizide ausgelöst als bisher angenommen. Wie konnte man sich derart verschätzen?
Man hat die Daten zu oberflächlich analysiert: Sie wurden lediglich auf einen Anstieg der Suizidrate während der Krisenjahre untersucht. Es wurden also nur jene Suizide erfasst, die während einer Krise zusätzlich begangen wurden. Jene, die auch in normalen Jahren passieren, blieben im Dunkeln. Wir haben den Zusammenhang über einen längeren Zeitraum untersucht, von 2000 bis 2011. Dadurch konnten wir das ganze Ausmass erfassen.

Die nahe wirtschaftliche Zukunft der Schweiz ist ungewiss. Die Furcht vor einer Rezession geht um, es wird mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit gerechnet. Was können wir tun, damit es nicht zu einer ähnlichen Entwicklung kommt wie in anderen Ländern während der letzten Finanzkrise?
Einerseits muss der Staat Verantwortung übernehmen und die Wirtschaft unterstützen. Während der letzten Krise passierte in einigen Ländern das Gegenteil, der Staat zog sich zurück und wurde zum Sparen gezwungen. Mit Blick auf die Suizidrate in diesen Ländern scheint mir das keine gute Strategie gewesen zu sein. Auf der anderen Seite müssen die Unternehmen mit der grösstmöglichen Umsicht vorgehen: Sie sollten sich bewusst sein, wie viel bereits die Ankündigung von Sparmassnahmen auslösen kann. Panikmache ist völlig fehl am Platz. Stattdessen müssen Firmen die bestehenden Hilfsangebote ausbauen und die Personalverantwortlichen entsprechend schulen, damit sie die Angestellten unterstützen können.

Erstellt: 11.02.2015, 14:39 Uhr

Jeder fünfte Suizid geschieht wegen Arbeitslosigkeit

Wegen Arbeitslosigkeit nehmen sich pro Jahr rund 45'000 Menschen das Leben. Dies zeigt eine neue Studie der Universität Zürich mit Daten aus 63 Ländern, die im Fachjournal «Lancet Psychiatry» veröffentlicht wurde. Sie zeigt auch, dass die Finanzkrise von 2008 mehr Suizide auslöste als bisher angenommen.

Fast eine Million Menschen sterben weltweit pro Jahr durch Suizid. Um herauszufinden, wie viele der Suizide im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit stehen, haben die Forschenden der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Daten von 63 Ländern aus den Jahren 2000 bis 2011 analysiert, wie die Universität Zürich mitteilte.

Es zeigte sich, dass sich pro Jahr etwa 230'000 Menschen in diesen Ländern das Leben nahmen. Jeder fünfte dieser Suizide liess sich direkt oder indirekt mit Arbeitslosigkeit in Verbindung bringen. In der Schweiz, wo die Arbeitslosenrate generell tiefer liegt, sei es jeder Siebte, erklärte Erstautor Carlos Nordt auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Dr. Carlos Nordt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department of Psychiatry, Psychotherapy and Psychosomatics der Universität Zürich und Erstautor der Studie «Modelling suicide and unemployment: a longitudinal analysis
covering 63 countries, 2000–11».

«Manager reagieren empfindlicher auf Versagen»: Eine neue Studie zeigt, wie verheerend der Jobverlust für viele Menschen ist. Bild: Keystone

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