Auf Pump – und es wird immer verrückter

246'500'000'000'000 Dollar, so hoch ist die Welt verschuldet. Das zeigen neue Zahlen. Gefährlich wird es, wenn gewisse Indikatoren kippen.

Staaten wie die USA rüsten stark auf und leihen sich das Geld dafür: US-Präsident Donald Trump bei einer Luftwaffen-Präsentation. Foto: Carlos Barria/Reuters

Staaten wie die USA rüsten stark auf und leihen sich das Geld dafür: US-Präsident Donald Trump bei einer Luftwaffen-Präsentation. Foto: Carlos Barria/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch nie waren die Schulden in Friedenszeiten weltweit so hoch wie jetzt. Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends ist die gesamte Verschuldung (Staaten und Private) von 84 Billionen Dollar auf 246,5 Billionen Dollar angestiegen (246'500'000'000'000), wie eine neue Studie der Deutschen Bank zeigt. Selbst am Vorabend der Finanzkrise lag sie weltweit «erst» bei 172 Billionen Dollar.

Mehr Sinn als absolute Zahlen machen Vergleiche der Schuldenhöhe zum jährlichen wirtschaftlichen Ausstoss gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP). Im Jahr 2000 lag die Verschuldungsquote bei 228 Prozent gemessen am weltweiten BIP, bis zum Höhepunkt der Finanzkrise 2009 stieg sie auf 300 Prozent an. Seither ist sie weiter auf 319 Prozent angewachsen.

Nichts deutet darauf hin, dass sich an der Entwicklung einer weiter steigenden Verschuldung in nächster Zukunft etwas ändert. Bei der Staatsverschuldung liegt das zum einen an den wachsenden Kosten, die die Überalterung in den entwickelten Volkswirtschaften zur Folge hat, unmittelbar aber auch an der Notwendigkeit, bei einem konjunkturellen Einbruch dagegenhalten zu können.

Druck zu höheren Staatsausgaben

Denn die Weltwirtschaft steht unter Druck des Handelskriegs und weiterer Unsicherheiten wie etwa einem ungeordneten Brexit. Dies sowie eine Reihe von politischen Spannungen haben zur Folge, dass sich die Unternehmen weltweit mit Investitionen zurückhalten. Deutliche Einbrüche bei den Bestellungseingängen zeigen sich in den meisten entwickelten Ländern bereits bei der Industrie.

Umfrage

Wie denken Sie übers Schulden machen?




Weil die Notenbanken mit ihren Geldspritzen immer weniger bewirken können, um die Konjunktur noch zu stützen, wächst der Druck auf die Politiker überall, mit weiteren Staatsausgaben oder mit Steuersenkungen einzuspringen. Das würde die Staatsschulden noch weiter in die Höhe treiben. In einem Interview mit der «Financial Times» hat über das Wochenende der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, erneut höhere Ausgaben der Euro-Staaten angeregt. Andere Notenbanker, renommierte Ökonomen und internationale Organisationen fordern dasselbe.

Ein Grund für die Forderung sind die rekordtiefen bis negativen Zinsen – mit ein Ergebnis der Politik der Notenbanken. Gemäss klassischen Lehrbüchern müsste eine hohe Verschuldung höhere Zinsen zur Folge haben. Doch das Gegenteil ist der Fall: 40 Prozent aller ausstehenden Staatsschulden weisen gemäss der erwähnten Deutsche-Bank-Studie einen negativen Zinssatz aus. Das heisst, die Gläubiger legen noch drauf, wenn sie dem Staat Geld leihen.

Wacklige Schuldentragfähigkeit

Selbst in Griechenland, das noch immer eine Staatsverschuldung von 174 Prozent gemessen am eigenen BIP ausweist und das seit seinem Bestehen eine Geschichte von Staatspleiten und Beinahe-Pleiten hinter sich hat, liegen die Renditen für die zehnjährigen Staatsanleihen bei gerade noch 1,35 Prozent. Auf dem Höhepunkt der Eurokrise notierten sie bei knapp 37 Prozent. Die Renditen der Staatsanleihen zeigen, welchen Zinssatz ein Staat bezahlen muss, wenn er neue Schulden aufnehmen will.

Solange die Zinssätze für die ausstehenden Schulden tiefer liegen als das BIP-Wachstum, steigt die Tragbarkeit der Schulden. Denn solange das Einkommen stärker steigt als die Kosten für die Schulden, nimmt deren Belastung ab. Das ist einerseits der Hauptgrund dafür, dass die wachsende Verschuldung angesichts der extrem tiefen Zinsen aktuell keine grossen Ängste auslöst und weder der privaten noch der staatlichen Verschuldung Grenzen setzt. Es ist aber auch ein wichtiger Grund, weshalb die Politik, auch abgesehen von den negativen konjunkturellen Folgen eines Zinsanstiegs, nicht an einem solchen interessiert sein kann.

Ein wichtiger Grund für die tiefen Zinsen ist die Erwartung, dass auch die Inflation noch lange tief bleibt. Den Notenbankern gelingt es trotz ihrer erklärten Absicht bisher nicht, diese in ihren Zielbereich von meist rund 2 Prozent hochzutreiben. Zumindest die bisherige Geschichte des Geldes stimmt aber vorsichtig: Übermässige Geldschwemmen, wie sie in der jüngsten Zeit geschaffen wurden, haben sich bisher immer mit Verzögerung in einer Inflation niederschlagen – und dann auch in höheren Zinssätzen.

Wie man Schulden loswird

Sollte es dazu kommen und bleibt das Wachstum der entwickelten Länder gedämpft, dann ändert sich das Bild rasch und radikal. Die hohe Verschuldung wird dann zu einem gigantischen Problem. Mit Blick auf diese Risiken haben die Autoren der Deutsche-Bank-Studie untersucht, wie denn das Schuldenproblem gelöst werden kann, und dabei die Geschichte zu Rate gezogen.

Eine Möglichkeit wäre, Schulden einfach abzuschreiben. Doch weil das auf der anderen Seite Vermögen zerstören und zu einem Dominoeffekt führen würde, der die Systemstabilität unterminieren könnte, halten das die Autoren für unmöglich. Auch Budgetüberschüsse über längere Zeit sind gemäss den Autoren undenkbar, da diese mit scharfen und unpopulären Spareinschnitten verbunden wären und damit politische Instabilität zu schaffen drohen. Als erfolgreichste Massnahme zur Verminderung der Verschuldung identifizieren die Autoren die Zeit der sogenannten Finanziellen Repression zwischen 1945 und 1980. Weil die Zinsen damals deutlich unter dem Wirtschaftswachstum gehalten werden konnten, sank die Verschuldungsquote.

Doch auch das ist heute schwer zu machen. Vor allem, weil in jenen Jahren das Wirtschaftswachstum sehr viel grösser war als heute und weil die Zinsen jetzt kaum mehr weiter gesenkt werden können. Die Ökonomen der Deutschen Bank sehen deshalb die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die Notenbanken immer mehr Staatsschulden aufkaufen, die dann künftig abgeschrieben werden.

Das würde dann in groben Zügen auf das hinauslaufen, was die Anhänger der «Modern Monetary Theory» ohnehin fordern oder jene, die sogenanntes Helikoptergeld zur Politik machen wollen: die direkte Finanzierung der Staatsausgaben durch frisch geschaffenes Geld der Notenbanker.

Erstellt: 30.09.2019, 14:52 Uhr

Artikel zum Thema

Wie die steigenden Schulden die Weltwirtschaft gefährden

Öffentliche und private Verschuldung wachsen seit der Finanzkrise – mit schwächerem Wachstum wird das brandgefährlich. Mehr...

Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt 

SonntagsZeitung Die Dauertiefzinsen lassen die Verschuldung auf ein besorgniserregendes Niveau steigen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...