Autoimporteure unter Druck

Gleiches Ziel für Bundesrat und EU: Sollten Händler innert sechs Jahren nicht wesentlich abgasärmere Neuwagen lancieren, drohen saftige Geldstrafen.

Künftig dürfen Neuwagen nicht mehr als 95?Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen. Autos im Hafen von Barcelona. Foto: Bloomberg

Künftig dürfen Neuwagen nicht mehr als 95?Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen. Autos im Hafen von Barcelona. Foto: Bloomberg

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Diese Zahl werden sich Autofahrer merken müssen: 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Das ist die neue Limite für den Ausstoss des Klimagases durch Neuwagen ab dem Jahr 2021 in der Schweiz. Beschliessen wird dies der Nationalrat heute im Rahmen der Energiestrategie 2050. Die Absenkung erfolgt schrittweise. Damit folgt er einem Beschluss der EU vom März. Käufer grosser und antriebsstarker Fahrzeuge werden einen Zuschlag zahlen, Käufer von PW unter dieser Limite werden wohl mit Rabatten belohnt. Über die Zu- und Abschläge entscheiden die Marktkräfte.

Weshalb der Markt? Im Gesetzesentwurf steht, dass die Autoimporteure Sanktionen zahlen müssen, sofern der Durchschnittsverbrauch der von ihnen verkauften Wagenflotte pro Jahr über der 95-Gramm-Limite zu liegen kommt. Die Strafzahlung wird rund 120 Franken pro Gramm CO2-Überschreitung betragen. Bei jährlich 250'000 verkauften Neuwagen kann dies sehr schnell teuer werden. «Es drohen Hunderte Millionen Franken Sanktionszahlungen jährlich», sagt der Direktor des Importeureverbands Auto Schweiz, Andreas Burgener.

Der WWF versteht das Klagen nicht. «In der Schweiz werden die genau gleichen Automodelle zur Verfügung stehen wie in der EU», sagt Klimaprojektleiter Elmar Grosse Ruse. Die Zielerreichung in der Schweiz hänge «vor allem vom Marketing der Importeure und Gara­gisten ab, und von den Präferenzen der Marktteilnehmer». Das Bundesamt für Energie ergänzt, dass durch besondere EU-Berechnungsmethoden das Ziel «faktisch erst im Jahr 2023 eingehalten werden» müsse.

Auf jeden Fall wird jeder Importeur ein finanzielles Interesse daran haben, entweder den Preis für Autos mit hohem CO2 zu erhöhen oder den Verkauf von Autos unter dieser Limite anzukurbeln. Ein Porsche Cayenne S (Benzin, 225 g CO2/km) beispielsweise könnte sich um 14'000 Franken verteuern. Autos mit Mischantrieb (Benzin/Strom) und solche mit Dieselmotoren dürften «ein paar Hundert bis Tausende Franken» günstiger werden, sagen Experten.

Wissenschaftler optimistisch

Der Importeureverband sieht sich derzeit ausserstande, einzuschätzen, wie man das Verbrauchsziel bis ins Jahr 2021 erfüllen könne. «Klar ist nur, dass das Ziel allein mit einer Optimierung des Verbrennungsmotors nicht zu leisten ist», sagt Andreas Burgener, Direk­-tor des Importeureverbands Auto Schweiz. Der Verband klagt vor allem, weil die Schweiz heute auf einem höheren Aussstossniveau liegt als die EU, aber das gleiche Ziel beschlossen hat. Die Schweiz liegt heute bei 145 g/km. In der EU liegt der Schnitt der Neuwagen bei 127 g/km. Die Schweizer Importeure müssten also beim CO2 ein Drittel runterkommen, die EU-Hersteller bloss ein Viertel. «Wir fordern deshalb, dass die Schweiz den EU-Durchschnitt als Massstab nimmt», sagt Bur­gener. Dieser Minderheitsantrag wird heute für heisse Köpfe sorgen. Führende Wissenschaftler teilen die Skepsis der Importeure nicht. «Den Grenzwert alle fünf bis sieben Jahre zu senken, ist ein sehr gelungenes Beispiel für Klimapolitik», sagt ETH-Professor Konstantinos Boulouchos vom Institut für Energietechnik. Die Industrie habe sich darauf eingestellt und wisse, dass sie das Verbrauchsziel 2021 erreichen könne.

Diese Einschätzung teilt auch Peter de Haan vom Zürcher Ingenieurbüro Ernst Basler+Partner. «Von 7000 Neuwagenmodellvarianten haben 200 Diesel- oder Benzin-Personenwagen bereits heute einen CO2 von unter 95 Gramm.» Mit den zu erwartenden technischen Fortschritten der Autoindustrie werde «bis zum Jahr 2021/2022 ein wesentlicher Teil der Neuwagenflotte» unter dieser Limite liegen. «Das Ziel von 95 Gramm ist sicherlich hart, aber es ist nicht so, dass es technisch nicht erreichbar wäre», sagen sowohl Boulouchos wie auch de Haan. Die Methoden sind heute bekannt:

Noch kleinere Motoren: Mehr 2- und 3-Zylinder-Motoren mit einem Volumen von weniger als einem Liter. Heute gelten Autos mit 1,4 Litern als klein.

Mischantrieb: Hybridautos fahren mit einem Benzin- oder Dieselmotor und mit Strom. Es gibt zwei Typen: Die gebräuchlichsten laden die Batterie mit dem Verbrennungsmotor oder über den Bremsvorgang nebenher auf. Die anderen werden an der Dose aufgeladen. Es gibt auch Kombinationen.

Reduktion des Leergewichts: Durch den Einsatz von ultraleichten Werkstoffen (wie bei Flugzeugen) wird das Gewicht und damit der Verbrauch gesenkt.

Optimierter Verbrennungsmotor: Motoren nutzen heute nur rund 25 bis 30 Prozent der Energie, die im Treibstoff steckt. Die Effizienz wird erhöht.

Welche Autos werden sich durchsetzen? Boulouchos sieht im Dieselmotor und dem Hybridantrieb das grösste Potenzial. «Dieser Antriebstyp wird in noch grösseren Serien hergestellt und deshalb günstiger werden.» Dem reinen Stromauto gibt er bis 2021 wenig Chancen. «Es wird ein Nischenprodukt bleiben und eher von vermögenden Haushalten als Zweitauto angeschafft werden.» Dies aus zwei Gründen: die Reichweite werde beschränkt und der Preisunterschied im Vergleich zu einem abgasarmen Benzin- oder Dieselauto gross bleiben. Und das Erdgasauto? «Ich denke, dass es weiter eine Nischenrolle einnehmen wird», sagt de Haan.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2014, 23:10 Uhr

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