Interview

«Banken können saniert werden, Länder nicht»

Je früher Griechenland einen Schuldenerlass erhält, desto besser, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Bei einem Schuldenschnitt würden Banken in Europa allerdings staatliche Hilfe benötigen.

Das Schicksal ihres Landes liegt in den Händen Europas: Haris Kastanidis, George Papaconstantinou und Michalis Chrisohoidis, griechische Minister für Justiz, Finanzen und Regionalentwicklung, an einer Pressekonferenz am 2. Mai in Athen.

Das Schicksal ihres Landes liegt in den Händen Europas: Haris Kastanidis, George Papaconstantinou und Michalis Chrisohoidis, griechische Minister für Justiz, Finanzen und Regionalentwicklung, an einer Pressekonferenz am 2. Mai in Athen. Bild: Keystone

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In der europäischen Politik ist es ein Tabu, laut über einen Schuldenerlass für Griechenland nachzudenken. Dies musste diese Woche auch Jean-Claude Juncker erfahren. Der Vorsitzende der Eurogruppe stellte am Montag eine «weiche» Umschuldung über Laufzeitverlängerungen auf griechische Staatsanleihen in Aussicht und wurde von der französischen Regierung, aber auch von der EZB umgehend dafür kritisiert.

Dass Griechenland ohne Umschuldung bankrott gehen wird, gilt unter Ökonomen jedoch beinahe als sicher. Das Land hat Staatsschulden im Umfang von 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts, ohne Aussicht auf Besserung. Auf den Finanzmärkten werden für griechische Staatsanleihen Risikoprämien von über 25 Prozent verlangt

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat den Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann zur Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und wirtschaftlicher Realität befragt.

Herr Straumann, warum gibt es in der europäischen Politik keine offene Debatte über einen Erlass der griechischen Staatsschulden?
Man hat Angst, dass man mit einer solchen Debatte einen Schuldenschnitt bereits vorwegnehmen würde. Zudem fürchtet man sich davor, dass dann auch Länder wie Irland oder Portugal auf eine Umschuldung pochen würden.

Rechnen Ökonomen denn nicht seit längerem damit, dass ein Schuldenschnitt in Griechenland unumgänglich ist?
Doch. Aber noch haben die Griechen ihre Zinszahlungen nicht eingestellt. Es gibt auch nach wie vor Spekulanten, die damit rechnen, dass Europa letzten Endes vollumfänglich für die griechischen Schulden einstehen wird. Wer momentan griechische Staatsanleihen kauft, geht zwar ein grosses Risiko ein, kann aber auch eine grosse Rendite erzielen.

Welche Konsequenzen hätte ein Schuldenschnitt zum heutigen Zeitpunkt?
Das Problem liegt vor allem bei den Banken in Europa, insbesondere in Frankreich. Auch zwei Jahre nach der Finanzkrise sind viele von ihnen noch nicht solid genug finanziert, um Abschreibungen auf griechische und in der Folge auch irische und portugiesische Staatsanleihen in ihrem Besitz zu verkraften. Gläubiger würden dann vermutlich zu einem Ansturm auf diese Banken ansetzen.

Welche Dimensionen hätte eine solches Szenario?
Dies hängt von der Grösse des Schuldenschnitts ab. Je kleiner der Restbetrag ist, den Gläubiger von Griechenland ausbezahlt erhalten, desto grösser wäre das Problem. Die Auswirkungen einer Restrukturierung wären aber weniger gravierend, als es nach der Pleite von Lehman Brothers der Fall war.

Gäbe es auch Möglichkeiten, eine Bankenkrise zu verhindern?
Ja. Damit ein Schuldenschnitt möglichst reibungslos über die Bühne geht, müsste die Politik allerdings ein ganzes Paket von Massnahmen präsentieren. Darin inbegriffen wäre ein Plan zur Rekapitalisierung bedrohter Banken: Staaten müssten als Kapitalgeber bei den Banken einsteigen und zudem Garantien aussprechen für Kredite, welche die Banken aufgenommen haben. Denkbar ist auch, die betroffenen Papiere aus der Bankbilanz auszulagern und in speziellen Fonds zu verwalten, so wie es beispielsweise mit den US-Immobilienpapieren der UBS gemacht worden ist.

Wäre dies für die europäischen Staaten ein Verlustgeschäft?
Nicht zwingend. Das Programm, mit dem die US-Regierung nach der Finanzkrise Anteile an Finanzinstituten gekauft hat (TARP), hat sich beispielsweise als Gewinn herausgestellt.

Weshalb zögert die Politik denn mit der Umschuldung?
Seit das Ausmass der griechischen Verschuldung im Januar 2010 bekannt wurde und die Risikoprämien auf griechische Staatsanleihen in die Höhe schnellten, spielt man auf Zeit. Man hofft, dass sich die Banken schnell genug erholen werden, damit sie einen allfälligen Zahlungsausfall verkraften können.

Wäre eine Restrukturierung schon damals möglich gewesen?
Ja, und eine schnelle Lösung wäre auch das Beste gewesen. Doch bereits damals wollten die europäischen Regierungen es der Öffentlichkeit nicht zumuten, nochmals Geld zur Stützung des Finanzsystems aufzuwenden. «Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende»: Um diese Botschaft drückt sich die europäische Politik nun seit über einem Jahr. Dabei wäre es im Grunde genommen einfacher, eine Bank zu sanieren oder auch eine Gruppe von Banken als ein ganzes Land.

Könnte es in Griechenland zu einem unkontrollierten Bankrott kommen?
Diese Gefahr gibt es nicht. Denn Griechenland ist heute nicht mehr vom Markt, sondern von den Hilfskrediten aus Europa und vom IWF abhängig.

Schuldenschnitt hin oder her: Kann die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine kommen?
Griechenland wird ein «verlorenes Jahrzehnt» durchmachen, genauso wie es die lateinamerikanischen Länder während und nach der Schuldenkrise in den Achtzigerjahren durchgemacht haben. Auch dort dauerte es übrigens sieben Jahre, bis sich die internationale Gemeinschaft unter Führung der USA zu einem Schuldenerlass durchringen konnte, weil man die in Südamerika exponierten Banken schonen wollte.

Wie geht es wirtschaftlich denn weiter mit Griechenland?
Diese Frage wird gegenwärtig völlig aus der Diskussion ausgeblendet. Mir persönlich ist nicht klar, wie Griechenland in den nächsten Jahren das nötige Wirtschaftswachstum von drei bis fünf Prozent erzeugen soll, um Überschüsse zu erzielen und seine Schulden abzubauen. Mit Strukturreformen und rigorosen Sparmassnahmen alleine geht dies nicht, denn das Land hat wenig Substanz ausser dem Tourismus. Eigentlich bräuchte es für Griechenland einen massiven Wachstums- und Entwicklungsplan, so wie er gegenwärtig für die arabischen Länder diskutiert wird.

Erstellt: 20.05.2011, 18:01 Uhr

Aufruhr in Griechenland: Demonstanten protestieren gegen die Sparpläne der Regierung. (Bild: Keystone )

Zur Person

Tobias Straumann (44) ist Wirtschaftshistoriker und Privatdozent an der Universität Zürich. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Finanzkrisen und der Geschichte des Schweizer Finanzplatzes.

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