«Besser in Preissenkungen investieren»

Eine weitere Kampagne versucht, die Konsumenten vom Einkaufen im nahen Ausland wegzubewegen. Wieso solche Aktionen viel kosten und wenig bringen.

«In der Schweiz einkaufen heisst mehr.» Video: Du bisch wow (Youtube)


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Der Bauernstand und zugewandte Kreise versuchen, mit einer neuen Kampagne bei den Schweizer Konsumenten zu punkten. «Du bisch wow, well Sorg hebsch zur Schwiiz» lautet der Slogan dazu. Die Absicht hinter der letzte Woche offiziell vorgestellten Aktion, die bislang noch kaum grosse Beachtung erhielt: Man will kein schlechtes Gewissen verbreiten, sondern versuchen, das einheimische Angebot hervorzuheben. Also jenes Verhalten als positiv zu loben, das im Sinne der Kampagne ist.

Aufgegleist hat die Kampagne Agro-Marketing Suisse mit Unterstützung des Landwirtschaftskonzerns Fenaco, von Proviande, des Bauernverbands, des Obst- und Gemüseverbands Swisscoffel und von Fachhandelsorganisationen. «Jeder Einkauf und jedes Ferienwochenende in der Schweiz sind eine Investition in die einheimische Wirtschaft und kommen der gesamten Bevölkerung zugute», heisst es bei den Promotoren.

«Bis jetzt hat noch keine dieser Kampagnen etwas bewirkt.»Sara Stalder, Konsumentenschützerin

Die Kampagne bedient sich zeitgemässer Mittel: Es gibt eine Website, Videos für Social Media – neben althergebrachtem Werbematerial und weiteren Utensilien für den Auftritt an den Verkaufspunkten. Kosten: 385'000 Franken, davon stammen 200'000 Franken vom Bund.

«Wir werden Mitte Oktober erstmals Bilanz ziehen. Die Kampagne ist vorläufig befristet bis Ende Jahr. Bei einer Weiterführung müsste zuerst die Finanzierung geklärt werden», sagt Urs Schneider von Agro-Marketing Suisse.

Es ist nicht das erste Mal, dass versucht wird, über eine Kampagne an die Vernunft der Schweizer Konsumenten zu appellieren. «Bis jetzt hat noch keine dieser Kampagnen irgendetwas bewirkt», kritisiert Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz.

Preisdifferenz nochmals grösser

Noch gut in Erinnerung ist etwa der letzte Versuch des Gewerbeverbandes mit roten Einkaufstaschen aus dem Jahr 2012. Darauf der Slogan «Ja zur Schweiz – hier kaufe ich ein». Sowie die drei Argumente Qualität, Berufsbildung und Arbeitsplätze. Das Umsatzvolumen der Schweizer Einkaufstouristen in den Läden der Nachbarländer stieg trotzdem rasant weiter. Das lässt sich auch an den grünen Ausfuhrzetteln ablesen, die an den Zollstationen abgestempelt werden und über deren wachsende Zahl in den Medien regelmässig berichtet wird.

Beim tatsächlichen Volumen gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Einen Konsens gibt es darin, dass sich die Umsätze in diesem Jahr zwischen 5 und 6 Milliarden bewegen dürften. Befeuert durch den Wegfall des Mindestkurses gegenüber dem Euro am 15. Januar. Worauf die Preise im nahen Ausland aus Schweizer Sicht auf einen Schlag nochmals erheblich attraktiver wurden. «Heute dürften sie im Durchschnitt etwa 60 Prozent über dem ausländischen Preisniveau liegen, geht man von den Eurostat-Zahlen aus», zitierte die «Schweiz am Sonntag» am Wochenende den ehemaligen Coutts-Chefökonomen Bruno Müller-Schnyder.

Mehrere Rückzüge

Die beschränkte Wirkung von Kampagnen gegen den Einkaufstourismus hat man beim Gewerbeverband erkannt. «Man kann die Konsumenten höchstens sensibilisieren, aber nicht ihr Einkaufsverhalten ändern», sagte Geschäftsführer Ulrich Bigler Anfang Juli zu derselben Zeitung.

«Solche Kampagnen kosten enorm viel. Dieses Geld und der Aufwand würden besser in Preissenkungen investiert», sagt Konsumentenschützerin Stalder und kritisiert den Gewerbeverband: «Nur Preissenkungen auf den Importprodukten würden tatsächlich etwas bringen – aber hierfür versagen die Funktionäre des Gewerbeverbands dann jeweils die politische Unterstützung.»

Wegen der zweifelhaften, möglicherweise sogar kontraproduktiven Wirkung von Kampagnen gegen den Einkaufstourismus blieben schon mehrere angerissene Projekte auf der Strecke. Etwa dasjenige der IG Detailhandel im Jahr 2012. Nachdem bereits Agenturen mit der Ausarbeitung von Vorschlägen beauftragt gewesen waren, erfolgte der Rückzug. «Die Überzeugung setzte sich durch, dass man nicht den Konsumenten Vorschriften machen kann, wo sie einkaufen», sagt eine der damals beteiligten Personen.

Jüngst spielte auch die Gewerkschaft Unia mit dem Gedanken, eine Kampagne aufzugleisen. «Den Konsumenten muss klar sein, dass sie mit dem Einkauf in der Schweiz Arbeitsplätze sichern können», sagte Unia-Vertreterin Natalie Imboden Anfang Juli zur «Schweiz am Sonntag». Doch vom Vorhaben einer Kampagne ist die Gewerkschaft abgekommen: «Es ist vonseiten Unia keine eigentliche Kampagne geplant.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2015, 18:49 Uhr

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