Analyse

Braucht es einen Mini-Crash?

Der Shutdown zeigt, dass die Vereinigten Staaten derzeit auf einem eigenen Planeten leben. Zyniker setzen deshalb auf einen Kursturz an der Wallstreet.

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Es mangelt nicht an Stimmen, die vor einer selbst verursachten Pleite der USA warnen. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären wahrscheinlich katastrophal, es wäre wie der Bankrott von Lehman Brothers, nur viel schlimmer, erklären Ökonomen rund um den Globus. Sie haben dafür gute Gründe: Der Dollar ist die globale Leitwährung, und US-Staatsanleihen, die T-Bonds, sind die wichtigste Sicherheit im internationalen Finanzverkehr.

Wenn auf die T-Bonds kein Verlass mehr ist, dann kommt es wie nach der Lehman-Pleite zu einer weltweiten Kreditklemme. Das bedeutet, dass der Handel der Banken untereinander schlagartig aufhört, weil keiner mehr dem anderen traut. Bei Lehman hat diese Kreditklemme beinahe zu einer Kernschmelze des internationalen Finanzsystems geführt. Eine US-Staatspleite wäre so gesehen alles andere als ein Kindergeburtstag.

Trügerische Ruhe an den Finanzmärkten

Kann Präsident Barack Obama die Staatspleite verhindern? Die Frage ist umstritten. Es gibt in der US-Verfassung den 14. Zusatzartikel (14th Amendment). Er besagt, dass in einem Krisenfall der Präsident befugt ist, alles zu unternehmen, damit die Vereinigten Staaten ihren Verpflichtungen nachkommen. Das Gesetz wurde nach dem amerikanischen Bürgerkrieg verabschiedet, um sicherzustellen, dass die Gläubiger der Kriegsschulden befriedigt wurden. Ob Obama heute, gestützt auf den Zusatzartikel, eine Pleite abwenden könnte, ist unter Juristen umstritten. Das Weisse Haus selbst will davon nichts wissen. «Wir glauben nicht, dass der Zusatzartikel uns die Autorität verleiht, die Krise zu beenden», erklärte der Regierungssprecher Jay Carney unmissverständlich.

Der Präsident kann aber auch nicht nachgeben. Er würde sich damit einer offensichtlichen Erpressung beugen und die Prinzipien des Rechtsstaates verletzen. Je näher der 17. Oktober kommt – der Tag, an dem die USA kein Geld mehr haben –, desto nervöser wird die Welt. Chinesen, Japaner und Europäer beschwören Barack Obama, selbst Wladimir Putin drückt dem US-Präsidenten sein Mitleid aus. Die Wirkung hält sich in Grenzen. Die Vereinigten Staaten befinden sich derzeit auf einem eigenen Planeten. Sie sind mit sich selbst beschäftigt, die Welt kann warten.

Ironischerweise sind es ausgerechnet die Finanzmärkte, die den Wahnsinn der US-Politik stoppen könnten. «Ein Kurssturz des Dow um 1000 Punkte kann die meisten Probleme in Washington lösen», stellt die «Financial Times» trocken fest. Doch bisher ist von Panik wenig zu spüren. Die Wallstreet handelt nach dem Motto: «Wir haben diesen Film schon einmal gesehen, und wir wissen, wie er endet.» Mit anderen Worten: Die Finanzgemeinde geht von einer Einigung in letzter Minute aus und gibt sich gelassen. «Wir reden uns ein, dass eine Staatspleite schlicht nicht passieren kann», sagt beispielsweise der Geldmanager David Coard in der «New York Times».

Solche Sicherheiten können trügerisch sein. Möglicherweise ist die Welt im Begriff, zu erfahren, was die Folgen einer US-Staatspleite sind.

Erstellt: 08.10.2013, 19:33 Uhr

Eine Woche Stillstand: Der Budgetstreit lähmt Amerika. (Video: Reuters )

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