CS-Chef in Saudiarabien – «Davos in der Wüste» lockt Investoren

Nach dem Khashoggi-Mord mieden letztes Jahr viele Konzernchefs – darunter auch Tidjane Thiam – das Treffen des Kronprinzen. Ganz anders heuer.

Tidjane Thiam an einem Panel der «Future Investment Initiative conference» in Riad. Foto: Reuters, 29. Oktober 2019

Tidjane Thiam an einem Panel der «Future Investment Initiative conference» in Riad. Foto: Reuters, 29. Oktober 2019

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Heute beginnt sie wieder, die Konferenz des saudischen Public Investment Fund (PIF), dem der saudische Kronprinz und De-facto-Staatschef Muhammad bin Salman als Präsident vorsteht. Das Treffen der weltweiten Wirtschaftsführer wird – sehr zum Unwillen des Weltwirtschaftsforums (WEF) – meist auch als «Davos in der Wüste» bezeichnet. Dies in Anlehnung an das berühmte Elitetreffen des WEF im Januar in Davos.

Noch vor einem Jahr protestierten das WEF und die Gemeinde Davos in einer offiziellen Mitteilung gegen die falsche Bezeichnung. Wörtlich schrieben sie, man werde «alle Mittel einsetzen, um die Marke Davos vor missbräuchlicher Aneignung zu schützen». Genützt hat das Vorpreschen wenig. Der Begriff «Davos in der Wüste» für die Veranstaltung in Riad hat sich gehalten.

Doch nicht nur das WEF hat sich vor einem Jahr von der Veranstaltung in Riad distanziert, auch viele prominente Wirtschaftsführer haben ihre Teilnahme damals im Vorfeld wieder abgesagt. Grund war die brutale Ermordung und Zerstückelung des Journalisten Jamal Khashoggi in einem saudischen Konsulat in der Türkei. Berühmte Beispiele waren etwa Tidjane Thiam von der Credit Suisse oder Joe Kaeser vom deutschen Technologiekonzern Siemens. Selbst für den US-Geheimdienst CIA war klar: Ohne Einverständnis des mächtigen Muhammad bin Salman hätten saudische Agenten den Journalisten nicht umzubringen gewagt. Der Prinz entschuldigte sich zwar mittlerweile als verantwortlicher Staatschef für den Mord, bestreitet aber weiterhin jede eigene Beteiligung daran.

«Die Balance finden»

Obwohl damit noch immer wenig über die wahren Hintergründe der Gräueltat bekannt ist, pilgert ein Grossteil der internationalen Wirtschaftselite dieses Jahr wieder an die Veranstaltung. Joe Kaeser von Siemens gehört zu den Ausnahmen, nicht aber Tidjane Thiam. Der Chef der Credit Suisse hat gemäss Tagungsprogramm am Dienstagmorgen bereits an einem Panel teilgenommen. Der Titel der Diskussionsrunde: «Die Balance finden: Wie können Investoren in einer multipolaren Welt überleben und gedeihen?»

Seit die Geschichte um Khashoggi wieder weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist, tritt vor allem das «Gedeihen der Investoren» in Saudiarabien wieder in den Vordergrund. Wohl vor allem deshalb ist neben Thiam auch vielen anderen Vertretern der Hochfinanz nicht mehr nach Boykott zumute. Mit Stephen Schwarzman, Larry Fink und Ray Dalio reisen zum Beispiel die Chefs der grössten Investmentfonds Blackstone, Blackrock und Bridgewater ins saudische Riad. Andere Grossbanken wie Bank of America Merrill Lynch, Goldman Sachs und Morgan Stanley senden zwar nicht ihre Chefs hin, in deren Vertretung aber andere Topmanager.

Für die Finanzbranche stehen lukrative Deals mit dem reichen saudischen Königshaus auf dem Spiel. Allein vom geplanten und kürzlich erneut verschobenen Börsengang der staatlichen saudischen Ölgesellschaft Aramco versprechen sich die Banken Hunderte Millionen an Gebühreneinnahmen. Laut einem Bericht der «Financial Times» sind gleich Dutzende von ihnen für dieses Geschäft engagiert worden.

Lockende Gebührenquellen

Der Staatsfonds PIF – offizieller Veranstalter in Riad – ist überdies das wichtigste Instrument des saudischen Prinzen, um die Wirtschaft aus der Abhängigkeit vom Erdöl zu lösen. Er steht daher für milliardenschwere Investitionen in Megaprojekte, Restrukturierungen und potenzielle Privatisierungen. Internationale Banken haben starke Anreize, es sich mit dem saudischen Königshaus nicht zu verderben, denn auch hier locken sprudelnde Gebührenquellen.

Bei den Staatschefs aus westlichen Ländern ragt vor allem ein Land unter den Teilnehmenden an der Konferenz hervor: die Schweiz. Aus unserem Land ist Bundespräsident Ueli Maurer schon am Samstag in die Region geflogen. Bis zum Dienstag, dem Eröffnungstag der Veranstaltung, will er bleiben und auch Prinz Bin Salman treffen. Von Maurer hiess es noch im Juni, er plane keine Reise nach Saudiarabien.

Ein wichtiger Handelspartner der Schweiz

Maurers Teilnahme an der Investorenkonferenz begründet das Finanzdepartement damit, dass dort «aktuelle wirtschaftspolitische Fragen und Investitionen zur Sprache» kämen. Zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten gehöre Saudiarabien schliesslich seit langem zu den wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartnern der Schweiz in der Golfregion.

Besonders wenig Berührungsängste hat auch die US-Regierung. Präsident Trump war schon kurz nach dem Mord an Khashoggi bereit, den saudischen Kronprinz von der Schuld daran reinzuwaschen, obwohl seine Behörden zu einem anderen Schluss kamen. Für die Amerikaner locken vor allem umfassende Aufträge für die Rüstungsindustrie. So ist es wenig überraschend, dass 40 Prozent aller Redner am Treffen in Riad aus den USA kommen – doppelt so viele wie aus Europa oder aus Asien. Aus Trumps Kabinett reisen Finanzminister Steven Mnuchin und Energieminister Rick Perry an. Ebenfalls anwesend ist Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

Weit besser vertreten als der Westen sind Entwicklungs- und Schwellenländer. Mit Jair Bolsonaro aus Brasilien, Narendra Modi aus Indien und Muhammadu Buhari aus Nigeria stechen vor allem jene aus besonders bevölkerungsreichen Staaten hervor.

Erstellt: 29.10.2019, 17:40 Uhr

Maurer beendet umstrittene Reise in die Golfstaaten

Bundespräsident Ueli Maurer hat am Dienstag seine umstrittene Reise in der Golfregion abgeschlossen. Fragen der Rechtstaatlichkeit, der Demokratie und der Menschenrechte waren dabei sowohl in den Vereinigten Arabischen Emiraten als auch in Saudiarabien Gegenstand der Gespräche.

Dies teilte das Eidgenössische Finanzdepartement am Dienstagnachmittag mit. Gesprächspartner von Maurer in Riad waren unter anderem König Salman bin Abd al-Aziz Al Saud, Kronprinz Mohammed bin Salam Al Saud und Kulturminister Prinz Badr bin Farhan Al Saud.

Fall Khashoggi hallt nach

Aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in Saudiarabien, aber auch der Rolle, die der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman im Mordfall Khashoggi gespielt hat, war der Besuch des Bundespräsidenten sehr umstritten. Dem saudischen Kronprinzen wird vorgeworfen, die Tötung des Journalisten in Auftrag gegeben zu haben. Bin Salman streitet dies ab, hat aber gleichzeitig die «volle Verantwortung» für die Geschehnisse übernommen.

Die Schweiz führte in Riad bilaterale Gespräche mit dem Handels-, dem Wirtschafts- und dem Finanzminister über die Weiterentwicklung der gegenseitigen Beziehungen und konkrete Projekte in den Finanzbeziehungen. Am internationalen Kongress der Future Investment Initiative in Riad hielt Maurer eine der Eröffnungsreden.

Saudisches Frauenbasketball-Team in Magglingen

In Begleitung von Lina Almaeena, der Pionierin im saudischen Frauen-Basketball, besuchte der Bundespräsident kurz vor seiner Rückreise ein Trainingsspiel eines saudischen Basketball-Frauenteams. «Als Dank für die saudische Gastfreundschaft» lud Maurer ein saudisches Frauen-Basketballteam zu einer Trainingswoche in Magglingen ein.

Zu Beginn der Reise traf der Bundespräsident am Samstag in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Ministerpräsident Mohammed bin Rashid Al Maktoum. Gemeinsam mit Finanzminister Obaid bin Humaid Al Tayer, Staatssekretärin Daniela Stoffel vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) sowie einer Schweizer Finanzdelegation nahm er an der zweiten Runde des Finanzdialogs mit den VAE teil.

Die Gespräche dienten dem Ziel, die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und den Vereinigten Arabischen Emiraten in zahlreichen Themenfeldern weiterzuentwickeln. Im Bereich Wirtschaft und Finanzen wurden die Umsetzung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und dem Golfkooperationsrat (GCC), der automatische Informationsaustausch sowie das bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen diskutiert.

Spatenstich für Expo-Pavillon

Ein Höhepunkt des Besuchs in den Emiraten bildete der Spatenstich auf dem Gelände der Expo 2020, die vom 20. Oktober 2020 bis zum 10. April 2021 in Dubai stattfinden wird. Diese Zeremonie markiert den offiziellen Baubeginn des Schweizer Pavillons. Der Schweizer Pavillon geriet in den vergangenen Monaten in den medialen Fokus, nachdem bekannt geworden war, dass der Zigarettenhersteller Philip Morris als Sponsor vorgesehen war. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) verzichtete schliesslich auf die Gelder des Tabakmultis.

Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudiarabien sind seit langem die wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartner in der Golfregion. Zum regelmässigen Austausch gehören auch Dialoge im politischen Bereich. Die Schweiz ist in der Region im Rahmen ihrer Guten Dienste engagiert, unter anderem hat die Schweiz 2017 Schutzmachtmandate für Saudiarabien in Iran und für Iran in Saudiarabien übernommen. (sda)

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