«China ist heute so stark wie nie»

Wenn in Europa über Eurobonds und in den USA über Konjunkturpakete diskutiert wird, redet China ein wichtiges Wort mit. Asien-Kenner Frank Sieren erläutert, wie China dem Westen den Rang abläuft.

Die Chinesen haben gut lachen: Buchautor Frank Sieren sagt ihnen stabile Wachstumsraten für die nächsten 30 bis 40 Jahre voraus.

Die Chinesen haben gut lachen: Buchautor Frank Sieren sagt ihnen stabile Wachstumsraten für die nächsten 30 bis 40 Jahre voraus. Bild: www.sieren.net

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Herr Sieren, Sie leben seit 17 Jahren in China. Wie mächtig ist China?
Eines ist klar: Heute werden keine global wirklich wichtigen Entscheidungen mehr gefällt, ohne dass China ein Wort mitreden würde – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Als ich kürzlich mit einem chinesischen Zentralbanker beim Mittagessen sass, kamen wir auf die Eurokrise zu reden. «Macht euch nicht so viele Sorgen», sagte der Mann mit ruhiger Stimme, «wir Chinesen brauchen den Euro als Gegengewicht zum US-Dollar, deshalb wird der Euro nicht in ernsthafte Schwierigkeiten kommen». Das zeigt deutlich die Bedeutung und das Selbstbewusstsein der Chinesen. Auch die Frage der Eurobonds wird nicht ohne das Einverständnis von China entschieden.

Die amerikanische Wirtschaft ist noch immer drei Mal so gross wie die chinesische.
Das trifft zu, aber die USA und Europa leiden unter gewaltigen Schuldenbergen und geringem Wachstum, während China grosse Devisenreserven hat und zweistellig wächst. Um die Wirtschaftskraft zu erlangen, die China von 1970 bis heute aufgebaut hat, brauchten die USA 160 Jahre, also vier Mal länger. Wir haben China zu lange unterschätzt. Nun heisst es plötzlich in Zeitungskommentaren, China sei «furchterregend mächtig» geworden. Anständigerweise müsste man hinzufügen: Die selbst verschuldete Schwäche des Westens hat Chinas Aufstieg stark beschleunigt. Das ist aber kein Anlass zur Furcht. Fürchten muss sich nur, wer sich nicht mit China beschäftigt oder wer die Chinesen bekämpfen will.

Ignorieren Politiker und Manager die neuen Kräfteverhältnisse?
Viele von ihnen wähnen sich noch immer im Zeitalter, in dem die USA und die wirtschaftlich starken Nationen Europas bestimmen konnten, was richtig und was falsch ist. Dabei ist der Anteil der sieben grössten Industrienationen an der weltweiten Wirtschaftsleistung in den vergangenen 20 Jahren von 65 auf 50 Prozent gesunken. Nicht nur China hat zugelegt, sondern auch Schwellenländer wie Indien, Brasilien, Südafrika und Indonesien gewannen an Einfluss. All diese Länder wollen bei der Festlegung der globalen Spielregeln nun ein Wort mitreden. Es entsteht eine multipolare Weltordnung, in der Kompromissfähigkeit zur wichtigsten Tugend wird. Da hat der Westen noch grossen Nachholbedarf.

China hat das Geld, das in Europa und in den USA fehlt. Müssen wir damit rechnen, dass chinesische Unternehmen im grossen Stil europäische Firmen kaufen?
Diese Entwicklung ist schon im Gang. Ich sehe keinen Grund, das zu beklagen. Wenn die Chinesen die Firma Medion kaufen, welche Aldi mit Informatik beliefert, muss man doch nicht den Ausverkauf der Heimat verkünden. Die europäische Wirtschaft braucht das Geld und die Investitionsbereitschaft Chinas. Wir sollten nicht den Fehler der USA wiederholen. Die USA haben ihren Markt abgeschottet, damit China nicht zu mächtig wird. Gleichzeitig haben sie Staatsanleihen im Wert von 1150 Milliarden Dollar an China verkauft – mit der Folge, dass China heute die Bank der USA ist und aus dieser Position heraus mächtig Druck aufsetzen kann. So schlecht kann es nicht sein, dass China ein Interesse an einer prosperierenden Wirtschaft in Europa hat.

China ist nicht nur als Bank und Investor wichtig für den Westen, sondern auch als billiger Produktionsort. Was verändert sich in diesem Bereich?
In den letzten zwei Jahrzehnten konnten die grossen westlichen Unternehmen den Produzenten in China die Preise mehr oder weniger diktieren. Durch die rasche Entwicklung des chinesischen Binnenmarkts hat sich das geändert. Viele Fabriken, etwa in der Textilindustrie, sind inzwischen auch ohne die Aufträge aus dem Westen gut ausgelastet. Dadurch ist die Verhandlungsposition für die westlichen Unternehmen schwächer geworden, die Preise steigen. Das führt dazu, dass die Kunden in Europa für die Produkte bei H&M, Otto, C&A oder Tschibo bald deutlich mehr zahlen müssen. Durch den gewaltigen Rohstoffhunger der Chinesen steigen die Preise generell, wir zahlen mehr für Öl, Kohle oder Erze.

Das Wachstum in China führt dazu, dass unser Wohlstand abnimmt.
Ja, aber wir sollten deshalb nicht über die Chinesen schimpfen, haben wir doch einen guten Teil unseres Kaufkraftverlusts selber verschuldet. Die westlichen Demokratien sind zu verschwenderisch. Europa stellt keine fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbraucht ungleich mehr Ressourcen. Wir sind in einer schlechten Position, den Chinesen zu sagen: «Ihr dürft nicht so viele Autos fahren.» Die Antwort von China könnte nämlich lauten: «Das Problem ist erkannt. Machen wir doch einen Kompromiss: In China gibt es 70 Autos auf 1000 Einwohner, in Europa 600 bis 700. Wir können uns gerne bei 300 treffen.» Auch bei der Wasserverschmutzung in China sitzen wir mit im Boot. Die Computer und Jeans, die China im Auftrag des Westens herstellt, verbrauchen Unmengen von Wasser. Die Reinigung ist nicht in den Preis einkalkuliert, den wir zahlen – noch nicht, muss man sagen.

China ist doch ebenso sehr vom Westen abhängig wie umgekehrt.
Diese Abhängigkeit wird immer kleiner. Heute schon erzielt China über die Hälfte der Handelsbilanz in Schwellenländern, dort findet das grosse Wachstum statt. In Südafrika sind die chinesischen Autos auf Augenhöhe mit Toyota. Stark vereinfacht kann man sagen: China tauscht Marktanteile gegen Technologie. Dieses einfache Modell funktioniert seit Jahren gut. Der Engpass ist eher beim westlichen Technologiefortschritt als bei den chinesischen Marktanteilen zu suchen.

Glauben Sie denn, die steile Wachstumskurve zeige in China über Jahre hinweg linear nach oben?
In den letzten Jahren ist China hart geprüft worden. 2008 forderte das Erdbeben in der Provinz Sichuan gegen 70 000 Tote, immer wieder kam es zu politischen Unruhen, dann brach die Weltfinanzkrise aus – und was ist passiert? Heute ist China so stark wie nie. Das Wirtschaftswachstum ist minim abgeflacht, aber im Vergleich mit dem Westen ist China noch stärker geworden. Die Verschuldungsquote von 17 Prozent des Bruttoinlandsozialprodukts könnte China problemlos verdoppeln. Die Wachstumskurve wird in den nächsten 30 bis 40 Jahren kaum abflachen. Vergessen wir nicht: 700 Millionen Menschen nehmen noch gar nicht am Boom teil. Diese Bauern, die fast nichts besitzen, träumen von einer Goldkette, einem Auto, von Ferien im Ausland.

Die Tatsache, dass so viele Menschen in China nicht vom Wirtschaftsaufschwung profitieren, birgt doch auch jede Menge Zündstoff.
Ich sehe nur eine wirkliche Gefahr für das Wachstum: das Problem der Wasserverschmutzung. Die grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich halte ich für weniger gefährlich. Durch die Finanzkrise wurden 30 Millionen Wanderarbeiter arbeitslos. Was ist dann passiert? Die Betroffenen fuhren nach Hause und sagten: «Jetzt ist nach vielen guten Jahren halt ein schlechtes Jahr gekommen.» Da China sich in einer Aufwärtstendenz befindet, reagiert die Bevölkerung gelassen. Zudem hat die Regierung genügend Geld, um kleine Rückschläge abzufedern. Während der Finanzkrise hat sie zum Beispiel Kühlschränke auf dem Land unbürokratisch subventioniert. Ich sehe in westlichen Ländern ein viel grösseres Unruhepotenzial. Wenn man in England oder Italien keinen Job hat und damit rechnen muss, dass im nächsten Jahr alles noch schlimmer wird, geht man eher auf die Strasse. Auch in Nordafrika wird sich nach der Freude über die Befreiung bald die Enttäuschung über die schwierige wirtschaftliche Situation Luft machen.

Wird der chinesische Yuan zur neuen Weltwährung?
China geht da sehr behutsam vor. Aber es gibt den Anspruch, die eigene Währung relativ zügig zur Weltwährung auszubauen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auch der Übergang vom britischen Pfund zum US-Dollar eng mit der wirtschaftlichen Krise in Grossbritannien zusammenhing. Nun zeichnet sich ein ähnlicher Übergang ab. Der Dollar schwächelt, China rechnet den Handel mit immer mehr Partnern in der eigenen Währung ab – etwa in Brasilien oder Russland. Zudem bauen viele Länder, vor allem in Afrika, den Yuan in ihre Devisenreserven ein. Die Leitwährung Dollar und ihr Lehrling, der Euro, verlieren schneller an Bedeutung, als wir das vor fünf Jahren für möglich gehalten hätten.

Worauf müssen westliche Unternehmen achten, wenn Sie in China Geschäfte machen wollen?
In erster Linie müssen wir vom hohen Ross herunterkommen. Es schadet nie, die Chinesen für mächtiger zu halten, als sie sind. Viele europäische Unternehmer erleben böse Überraschungen, weil sie sich überschätzen und denken, so gut wie sie könne das in China niemand. Deutschland zum Beispiel war extrem stolz auf die Marktführerschaft in der Umwelttechnik. Jetzt stellen wir ernüchtert fest, dass China uns in weniger als fünf Jahren eingeholt und abgehängt hat. Nun fliesst das Geld der Investoren in chinesische Firmen, die vom Staat effizient gestärkt werden.

Erstellt: 28.09.2011, 08:45 Uhr

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Das Buch

Frank Sieren: Angst vor China. Wie die neue Weltmacht unsere Krise nutzt. Econ-Verlag 2011.

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