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China muss erwachsen werden

Shutdown und Schuldenobergrenze verändern die Geopolitik. Es gibt mehrere Gründe, warum China gezwungen ist, seine bisherige Taktik aufzugeben.

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Die Ermahnungen von hohen Beamten und Vertretern der chinesischen Regierung an die Adresse der Amerikaner nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. «Ihr könnt nicht die gesamte Weltwirtschaft als Geisel eures politischen Machtkampfes nehmen», mahnte gestern Yu Yongding, ein Vertreter eines regierungsnahen, chinesischen Thinktanks die Amerikaner. «Wir sind wütend, aber noch nicht in Panik.»

Peking hat allen Grund, wütend und besorgt zu sein. Die chinesische Notenbank sitzt auf einem Berg von rund 1300 Milliarden Dollar US-Staatsanleihen und ist damit der grösste Gläubiger der USA. Eine amerikanische Staatspleite hätte daher verheerende Folgen. Selbstverständlich wissen die Chinesen auch, dass ihr wirtschaftliches Schicksal aufs Engste mit den USA verbunden ist. Der Aufstieg zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt war nur dank Chinamerika möglich, der fast symbiotischen Beziehung der beiden Nationen.

Geopolitisch gesehen hat sich China jedoch bisher immer noch wie ein Teenager aufgeführt. Sei es Syrien oder Iran, stets hat die kommunistische Führung die amerikanischen Bemühungen mit einem Veto im UNO-Sicherheitsrat blockiert. Das innenpolitische Schmierentheater in Washington stärkt jedoch zunehmend die aussenpolitische Bedeutung Pekings. Immer lauter wird darüber nachgedacht, wann der Renminbi zu einer globalen Leitwährung aufsteigen könnte. Umgekehrt haben die innenpolitischen Wirren Präsident Barack Obama daran gehindert, an zwei wichtigen Konferenzen in Bali und Brunei teilzunehmen.

Von der Carter- zur Xi-Jinping-Doktrin

Es gibt einen weiteren Grund, der China zwingen wird, geopolitisch erwachsen zu werden: Erdöl. Wegen der Fracking-Fördertechnik werden die Karten auf diesem Markt neu gemischt, und dank dem rasanten Wirtschaftswachstum hat China die USA als grössten Erdölimporteur abgelöst. Dieser Trend wird weiter anhalten. Die «Financial Times» zitiert die Rohstoffberaterfirma Wood MacKenzie wie folgt: «Bis 2020 werden die US-Ölimporte auf 6,8 Millionen Fass pro Tag fallen, während Chinas Importe auf 9,2 Millionen Fass steigen werden.»

Bisher haben die USA für Ordnung auf dem Erdölmarkt gesorgt. Die sogenannte Carter-Doktrin besagt, dass die Amerikaner notfalls auch mit militärischen Mitteln dafür sorgen, dass die Versorgung mit Öl aus dem persischen Golf nicht unterbrochen wird. Je unabhängiger vom Öl die Amerikaner werden, desto weniger sind sie daran interessiert, diese Doktrin auch aufrechtzuerhalten. Umgekehrt wird die steigende Ölabhängigkeit der Chinesen dafür sorgen, dass sie ihre Spielverderberrolle auf der geopolitischen Bühne neu überdenken müssen. Eine Xi-Jinping-Doktrin ist so gesehen nur eine Frage der Zeit.

Erstellt: 11.10.2013, 19:36 Uhr

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