China übernimmt die rote Laterne

China will die Wirtschaft umbauen: Weniger Export, mehr Konsum. Die neusten Handelszahlen verdeutlichen, wie schwierig das ist – wenn das Finanzsystem im Rest der Welt gleichzeitig verrücktspielt.

Der wirtschaftliche Umbau holpert: Laternenfestival in der chinesischen Stadt Tianjin.

Der wirtschaftliche Umbau holpert: Laternenfestival in der chinesischen Stadt Tianjin. Bild: Keystone

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Die neuen Handelszahlen aus China sind ernüchternd. Erwartet wurde ein Exportwachstum von 8,2 Prozent, in der Lokalwährung Yuan gemessen. Herausgekommen ist ein Minus von 14,6 Prozent für die Monate Januar und Februar. Bei den Importen sieht das Bild nicht besser aus. 12,3 Prozent beträgt dort der Rückgang (der zu einem gewissen Grad allerdings erwartet wurde).

Das verheisst nichts Gutes für die Wachstumszahlen, die am Mittwoch verkündet werden. Experten von Prognoseinstituten aus Neuseeland über Japan bis in die USA erwarten, dass die Werte fürs erste Quartal 2015 niedriger ausfallen werden, als Chinas Regierung es sich erhofft. 7,1 Prozent lautet deren im Vergleich zu den Vorjahren bereits bescheidenes Ziel. Gut möglich, dass es sich als hoch gegriffen herausstellt.

Der Zwang zum Wachstum

Zwar sind 7 Prozent, auch wenn sie nur knapp erreicht werden, im Vergleich zum Rest der Welt noch immer ein Luxuswachstum. Der Internationale Währungsfonds rechnet global mit 3,5 Prozent, in den USA mit gut 3 Prozent und in Europa mit gerade einmal 1,2 Prozent fürs Jahr 2015. Trotzdem ist China auf hohe Steigerungsraten angewiesen. Die Schaffung von Jobs und Wohlstand ist der wichtigste Legitimationsfaktor für das Einparteiensystem unter der aktuellen Führung von Premierminister Li Keqiang.

Dessen erklärtes Ziel ist es, die Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen: Mehr Geld soll in den Binnenkonsum fliessen, mehr Kredit soll an innovative KMU gehen, mehr Wert soll auf Umweltschutz gelegt werden. Staatsnahe Betriebe und der Export sollen ein geringeres Gewicht erhalten. Experten sehen die enttäuschenden Handelszahlen auch als Zeichen dafür, wie schwierig sich dieser Übergang gestalten wird. «Es gibt keine schnelle Lösung für Chinas strukturelle Probleme», sagt Zhao Yang, China-Spezialist bei der japanischen Bank Nomura, zu «Bloomberg».

Der schwache Euro als Problem

Ein besonderes Hindernis sind die derzeitigen Verwerfungen auf dem Finanzmarkt. China ist – ähnlich wie die Schweiz – hin- und hergerissen zwischen den USA und Europa. Respektive zwischen deren Währungen. So führt die aktuelle Dollarstärke einerseits zu vermehrten Kapitalabflüssen aus China. Derweil zieht die Schwäche des Euro nach sich, dass die Nachfrage nach chinesischen Gütern und Dienstleistungen aus dem Euroraum zurückgeht – und zwar stärker als nötig.

Der Renminbi wird von China seit 2005 innerhalb von eng definierten Bändern zum Dollar verwaltet. Jahrelang liess die Zentralbank die chinesische Währung kontrolliert aufwerten. Nun steht der Renminbi – die laut Barclays am zweithöchsten überbewertete Währung überhaupt – allerdings unter Abwertungsdruck. Dieser Druck betrifft das Verhältnis zum Dollar: Aufgrund der Dollar-Anbindung ist der Renminbi gegenüber der europäischen Einheitswährung innerhalb eines knappen Jahres bereits um ein Drittel stärker geworden, was ein Problem für die dortigen Exporteure ist.

Multiple Probleme

Die Währungskomplikationen sind einer von vielen Faktoren im diffizilen chinesischen Wirtschaftspuzzle. Zu den derzeitigen Herausforderungen zählen – nebst der Notwendigkeit, das Bankensystem näher an eine marktwirtschaftliche Ordnung heranzuführen – etwa der Umgang mit hohen Schulden in den Regionen und mit einer geplatzten Kreditblase am Immobilienmarkt. Anzupacken wäre auch der Aufbau des Renten- und Gesundheitssystems.

Manche Beobachter rechnen vor diesem Hintergrund damit, dass China bald keine andere Wahl mehr haben wird, als ins globale Lockerungskonzert einzustimmen – und entweder den Renminbi abwerten lässt oder, ähnlich wie in Japan, in den USA oder in Europa, auch ein Quantitative-Easing-Programm umsetzt. Das Reich der Mitte hätte dann die rote Laterne der ausserordentlichen Geldpolitik übernommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 15:16 Uhr

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