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Chinas skrupellose Jagd auf die Seltenen Erden

Wie in China ganze Dörfer und Täler vergiftet werden, damit die Welt an Seltene Erden kommt – die Rohstoffe für iPhones und iPods.

Förderung ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt: Mine von Bayan Obo in Nordchina.

Förderung ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt: Mine von Bayan Obo in Nordchina. Bild: Keystone

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In Südamerika gibt es Kokain, in China gibt es Seltene Erden. Wer nun meint, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun, der sollte Guotian besuchen. Das Dorf liegt versteckt in den grünen Bergen der Provinz Guangdong. Mehr als dreihundert Kilometer und eine Reise mit der Zeitmaschine trennen es von der Provinzhauptstadt Guangzhou. Eben noch ein futuristischer Flughafen, Geschäftsleute in massgeschneiderten Anzügen. Hier Bauern mit nackten Beinen im Schlamm ihrer Reisfelder.

Illegale Mine

Doch in Guotian wird nicht nur Reis angebaut. Hier geht es auch ähnlich zu wie in der Hochburg eines kolumbianischen Drogenbarons. Nachts werden Säcke mit Chemikalien angeliefert, die zum Auswaschen des «Stoffs» gebraucht werden. Das fertige Produkt wird von Schmugglern abgeholt und zur Tarnung in harmlose Düngersäcke gestopft. Oberhalb des Dorfes steht ein gut bewachtes Anwesen. Auf seinem blauen Wellblechdach sind Videokameras montiert. Wachhunde schlagen an, finstere Typen sind zu sehen, die nicht aus Guotian stammen, und der Boss steigt in einen Mitsubishi-Jeep und rast davon.

Der Boss betreibt eine illegale Mine für Seltene Erden. Ein Hügel oberhalb des Dorfes, direkt über einem kleinen Stausee gelegen, wird im Tagebau abgetragen. Ohne Genehmigung, ohne Lizenz. Auf rund 20'000 Yuan werden die Produktionskosten für eine Tonne Seltene Erden geschätzt. Verkauft wird die Tonne für mehr als 1 Million Yuan. «Eine einzige solche Mine bringt einen Profit von 3 Millionen Yuan im Monat», schrieb die Zeitung «Nanfang Ribao», rund 400'000 Franken.

Chemikalien im Trinkwasser

Die Weltwirtschaft ist süchtig nach diesen 17 Metallen, deren Namen nur Spezialisten kennen. Dysprosium-Oxid wird fürs iPhone gebraucht. Lanthanum für Hybridmotoren. Thulium für Röntgengeräte. Satelliten, Raketenleitsysteme, Petroleumraffinerien – für alles werden Seltene Erden gebraucht. Seit China, das 97 Prozent des Weltbedarfs fördert, die Ausfuhr eingeschränkt hat, schiessen hier in den Bergen von Guangdong die Preise in die Höhe. Die grösste Mine für Seltene Erden, Bayan Obo, steht in Nordchina, wo mehr als ein Drittel des Weltbedarfs gefördert wird. Doch die wirklich seltenen sogenannten schweren Seltenen Erden gibt es vor allem in Südchina, wie etwa im Dorf Guotian.

Der Boss mit dem teuren Jeep ist im Dorf bekannt. «Es ist Deng Zongan, der Ehemann der örtlichen Parteisekretärin Wu Futai», sagt ein Bauer im Dorf. Unter dem blauen Wellblechdach lässt Deng die rohen Erze mit Ammoniumsulfat und anderen Chemikalien auswaschen. Das Abwasser fliesst ungeklärt in den nahen Stausee. Der versorgt 30'000 Menschen mit Trinkwasser. Aus dem Stausee fliesst ein kleiner Bach, der bewässert die Reisfelder im Dorf Guotian. «Sie vergiften uns. Aber weil Dengs Frau die Parteisekretärin ist, können wir nichts dagegen tun», sagt der Bauer. Direkt am Bach wohnt der Clan der Zhang, der sein Trinkwasser daraus schöpft. «Da sind in den letzten drei Jahren, seit sie unseren Stausee verschmutzen, schon mehrere Menschen an Krebs gestorben», sagt der Anwohner. Ein Stück weiter wohnt der Wu-Clan. Auch da geht es schon los.

Proteste der Dorfbewohner

Der Bauer sagt, der Journalist aus Europa dürfe ihn ruhig mit seinem vollen Namen zitieren. Doch das ist wohl nicht ratsam. Einen chinesischen Kollegen von der Zeitung «Fazhi Ribao» haben die Typen aus dem Haus mit dem Wellblechdach vor ein paar Tagen schon geschnappt. Sie haben ihm die Fotos auf seiner Digitalkamera gelöscht. Es ist ihnen auch zuzutrauen, sich an Bauern zu rächen, die mit der Presse reden. Es geht um viel Geld: In den USA oder Australien ist die Förderung von Seltenen Erden unter anderem deshalb unprofitabel geworden, weil dort Umweltschutzauflagen beachtet werden müssen.

Am 3. Oktober sind mehrere Dutzend Bauern aus Guotian in einem stummen Protestmarsch zu der illegalen Mine gewandert. Später haben sie den Rechtsweg ausprobiert. Dann waren sie bei der Dorfverwaltung von Guotian, zogen sogar mit einem roten Protestbanner vor das Gebäude der Kreisverwaltung. Es hat alles nichts genützt. «Die Sekretärin der Kommunistischen Partei, Wu, hat überall Freunde», sagt ein Bauer. «Weder die Regierung noch das Gericht, noch die Polizei helfen uns. Wir sind machtlos.» Wenn ein chinesischer Journalist kommt, dann genügt ein Anruf bei einem Kumpel irgendwo in der Partei, und der Artikel wird nie erscheinen.

Korrupte Parteikader

Einmal, 2007, ist die illegale Mine offiziell geschlossen worden. Nach oben wurde der Vollzug der Schliessung gemeldet. Im Sozialismus geht es immer ordentlich und bürokratisch zu. Aber nur dem Anschein nach. Kaum waren die Inspektoren fort, rumpelte der Bagger wieder los. Der Stausee verwandelt sich seither in eine Kloake. Die Garnelen, die sie im Dorf gezüchtet hatten, sind längst tot. Der Fischzüchter ist weggezogen.

In Peking mag die Zentralregierung von «Konsolidierung der Seltene-Erden-Industrie» reden, mag dabei sogar den Umweltschutz als Vorwand nennen. Doch draussen in den Provinzen machen korrupte Parteikader wie Wu Futai einfach weiter, was sie wollen. Hunderte solcher illegalen Minen für Seltene Erden gibt es im Norden der Provinz Guangdong und im Süden der Provinz Jiangxi, «auf jedem Hügel eine Mine», wie eine Lokalzeitung schreibt. Im Dorf Donghua gibt es fünf davon, aber keine Einzige operiert mit staatlicher Lizenz. Chinas Kommunistische Partei wird immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen, dessen Personal auf Recht und Gesetz pfeifen darf.

12 Kilometer langer Giftsee

Auch wo der chinesische Staat die Förderung der Seltenen Erden direkt kontrolliert, geschieht dies unter völliger Missachtung von Umweltschutz und mit Gefährdung der Anwohner. In Bayan Obo in der Inneren Mongolei, wo der staatliche Stahlriese Baotou Steel Seltene Erden als Beiprodukte bei der Eisenerzgewinnung in gigantischen Mengen aus der Erde holt (in manchen Jahren angeblich bis zu 45 Prozent der Weltproduktion bei einigen der Lanthaniden), ist ein Krater entstanden, der auf Satellitenbildern wie eine Mondlandschaft wirkt. Weiterverarbeitet werden die Roherze in einem Ableger des Staatsbetriebes unweit der Stadt Baotou.

Auch hier werden die Seltenen Erden nicht mit umweltschonenden Methoden isoliert, sondern durch Auswaschen mit Schwefelsäure, Nitratsalzen und anderen Chemikalien. Anschliessend wird die Brühe in einen künstlichen See gepumpt. Der Giftsee ist inzwischen zwölf Kilometer lang – auch dies ein Weltrekord. Er ist nicht nur voller Chemie, sondern enthält auch Tonnen radioaktiven Thoriums, das meistens in den Seltene-Erden-Erzen enthalten ist.

66 Tote in den «Krebsdörfern»

Wenige Kilometer von der Kloake entfernt lagen bis vor kurzem mehrere Dörfer, die sich den unrühmlichen Namen «Krebsdörfer» erwarben. Von 1993 bis 2005 starben allein in dem kleinen Flecken Dalahaishang 66 Menschen an Krebs. 2006, als im Dorf 14 Menschen starben, war Krebs elfmal die Todesursache.

Eine Weile lang hatten es die Menschen mit Schafzucht versucht. Doch dann wuchsen den Schafen abnormal lange Fangzähne, die sich durch Ober- und Unterkiefer der armen Tiere bohrten, bis sie nicht mehr fressen konnten und qualvoll verhungerten. Obwohl diese Zustände seit mindestens einem Jahrzehnt bekannt waren, hat die Regierung lange nichts unternommen. Erst in den letzten zwei, drei Jahren hat sie einige der Dörfler umgesiedelt.

Erstellt: 07.11.2010, 22:16 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

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