Crash – trifft er die Schweiz?

Was die Börsenstürze für die hiesige Wirtschaft bedeuten. Dazu Ökonom Klaus Wellershoff und Daniel Kalt von der UBS.

Der Abwärtssog der internationalen Finanzmärkte wird die Schweizer Wirtschaft vorerst nur mässig treffen: Prime Tower in Zürich.

Der Abwärtssog der internationalen Finanzmärkte wird die Schweizer Wirtschaft vorerst nur mässig treffen: Prime Tower in Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass der Absturz der Börse in Shanghai auch den Schweizer Aktienmarkt stark in Mitleidenschaft gezogen hat, nährt die Angst vor einer weiteren Verschlechterung der Konjunkturlage in der Schweiz. Diese Sorge hat umso mehr Brisanz, als die Schweiz in diesem Jahr mit grosser Wahrscheinlichkeit in eine Rezession ­gerutscht ist. Davon ist die Rede, wenn das Bruttoinlandprodukt während zweier Quartale schrumpft. Das war im ersten Quartal der Fall und wird sich laut ­Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz bei der UBS, auch in den Zahlen für das zweite Quartal noch einmal zeigen, die am Freitag veröffentlicht werden. Kalt spricht allerdings nur von einer milden Rezession.

Umfrage

Wie reagieren Sie auf den Absturz an den Börsen?






Wie die jüngsten Aussenhandelszahlen gezeigt haben – und wie das seit der Frankenaufwertung im Januar kaum überrascht –, leidet vor allem der Aussenhandel. Bereinigt um Arbeitstage und Preisänderungen, sind die Exporte im Juli um mehr als 4 Prozent eingebrochen. Vier Fünftel aller Exportbranchen mussten Einbussen hinnehmen.

Trotz diesen negativen Vorgaben sehen Ökonomen durch die Entwicklungen in China zumindest direkt kein zusätzliches Risiko für die Schweizer ­Wirtschaft. Das liegt einerseits daran, dass der Anteil von China für die Schweizer Warenexporte aktuell bei 4,7 Prozent liegt. Allein nach Deutschland exportiert die Schweiz fast viermal so viel, in die USA rund dreimal und in die gesamte EU sogar zwölfmal so viel. «Das Wachstum in Europa hat eine grössere positive Wirkung auf die Schweizer Konjunktur, als die Entwicklung in China ihr schadet», hält daher Daniel Kalt von der UBS fest.

Hoffen auf Europa

Auf die Konjunkturstütze Europa setzt auch Klaus Wellershoff von Wellershoff Partners: «Aufs Ganze gesehen bin ich optimistisch für die Eurozone» sagt der Ökonom. Dies obwohl das jüngst geschätzte BIP-Wachstum der Währungs­union für das zweite Quartal mit 0,3 weitum als grosse Enttäuschung aufgefasst wurde. Wellershoff begründet seinen Optimismus nicht zuletzt mit dem Verhalten der Währungen: «Dass der Euro in den letzten Tagen gegenüber dem Dollar deutlich zulegen konnte, ist ein Zeichen dafür, dass die Aussichten für die Eurozone nicht so schlecht sind», sagt er. Tatsächlich hat der Europreis in Dollar zwischen dem 19. August und gestern von 1.11 bis auf bis fast 1.17 zugelegt. Trotz der Krisenangst wegen China hat auch der Schweizer Franken gegenüber dem Euro in den in den letzten Tagen keine erneute Aufwertung erfahren. Der Euro kostete am Montagabend mehr als 1,08 Franken – nach einer deutlichen Abwertung seit Mitte Juli.

Schwache Wirtschaft Chinas macht auch der Schweiz Sorgen (TA-Grafik). Anklicken für Grossansicht.*

Selbst die Abwertung der chinesischen Währung Yuan – die die Turbulenzen an den Börsen ausgelöst hat – sieht der Ökonom Wellershoff nicht als Problem für die Schweiz: «Gegenüber dem Schweizer Franken ist der Yuan noch immer rund 10 Prozent überbewertet» sagt er. Der hiesige Tourismus zum Beispiel müsse daher angesichts der hohen Kaufkraft der Chinesen nicht mit einem Einbruch der Besucher aus China rechnen. Sollte sich China überdies gezwungen sehen, wegen Konjunktursorgen weitere Stützungsprogramme aufzulegen, könnte das den Schweizer Maschinenexporteuren sogar zugute kommen. Als weiteren Grund für einen gewissen Optimismus verweist Daniel Kalt auf die Ölpreise, die ihren Abwärtstrend seit dem Frühling wieder aufgenommen haben: «Das ist praktisch ein grosses Stimulierungsprogramm für alle nicht ­erdölproduzierenden Länder», sagt der UBS-Ökonom.

Bleibt die Frage, was den Kurssturz der Aktienkurse auch in der Schweiz ausgelöst hat. Laut Daniel Kalt überwiegt an den Börsen momentan alles Negative, was noch einige Tage weitergehen kann.

Weltweite Labilität

Die Börse ist ohnehin kein direkter Indikator für die Schweizer Konjunktur. Der Kurssturz zeugt von einer grossen weltweiten Unsicherheit, die weit über die Schweiz und sogar über China hinausgeht. Bricht das Wachstum Chinas stärker als bisher erwartet ein, sind davon unmittelbar vor allem die Schwellenländer Asiens betroffen, die stark vom Handel mit China abhängig sind. Deren Börsen erlitten in den letzten Tagen auch besonders hohe Verluste.

Weil auch die Konjunkturlage in den USA und Europa noch relativ fragil ist, wäre ein Wachstumseinbruch der Schwellenländer auch ein grosses Risiko für die Weltkonjunktur. Dem könnten sich die Schweiz und Schweizer Unternehmen nicht entziehen. Die labile Lage der Weltwirtschaft gesteht auch Daniel Kalt ein: «Wenn in den USA der Aufschwung nicht weiterläuft, dann wird es kritisch.» Doch von diesem Szenario geht der UBS-Ökonom nicht aus.

* In die Grafik zu den Exportzahlen hat sich ein Fehler eingeschlichen. Angeführt sind nicht jene von Januar bis Juli, sondern nur nur jene vom Juli. Die Gesamtexporte von Januar bis Juli belaufen sich auf 118 Milliarden, jene nach China auf 5 Milliarden.

Erstellt: 24.08.2015, 22:52 Uhr

Artikel zum Thema

Auch die US-Märkte schliessen tiefrot

Zu Börsenschluss notiert der Dow Jones über 3,5 Prozent im Minus. Auch die anderen Indizes verlieren viel. Mehr...

Düstere Woche an den Börsen

Jahresgewinne wie weggefegt: Indizes radieren ihre Zuwächse von 2015 aus. Der SMI rauscht unter 8800 Punkte. Die Märkte schauen ängstlich in den Fernen Osten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...