Dann halt Budgetferien für 20'000 Franken pro Woche

Der Rubelzerfall macht Auslandreisen für Russen immer teurer. Wie die Schweiz davon betroffen ist – und was die russischen Gäste tun, um nicht ganz auf ihre Ferien verzichten zu müssen.

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Der Rubel rollt nicht mehr. Zumindest, wenn es um Auslandreisen der Russen geht. Weil die russische Währung jüngst massiv an Wert verloren hat, werden Reisen ins Ausland für viele Russen unerschwinglich. Neben dem Rubelzerfall sorgen auch der Ukrainekonflikt und die damit zusammenhängenden Sanktionen gegen Russland dafür, dass dessen Bürger das europäische Ausland meiden – aus patriotischen Gründen.

Auch die Schweiz, eine beliebte Destination für Russen, ist von deren verminderter Reisefreudigkeit betroffen. Im letzten Winter besuchten noch 120'000 von ihnen die Schweiz, davon viele Angehörige der Mittelschicht. Doch diesen Winter dürfte diese Gästezahl unerreichbar sein. Schweiz Tourismus rechnet mit 10 bis 30 Prozent weniger russischen Besuchern.

5-Stern-Bereich weniger betroffen

Zermatt ist eine der zwei Schweizer Top-Winterdestinationen für Touristen aus Russland. Im Winter sind sie die viertgrösste Gästegruppe nach den Schweizern, den Deutschen und den Briten. Im Ende Oktober abgelaufenen Geschäftsjahr lag die Anzahl Logiernächte von russischen Gästen 6,5 Prozent tiefer als im Vorjahr. «Der momentane Buchungsstand liegt zwar etwa auf Vorjahresniveau, doch die Hoteliers berichten von diversen Absagen aus Russland – besonders bei den 3- und 4-Stern-Hotels», sagt Edith Zweifel von Zermatt Tourismus auf Anfrage. «Der 5-Stern-Bereich verzeichnet hingegen nur wenige Annullierungen, denn das oberste Gästesegment ist resistenter gegen Währungsschwankungen.»

Die Sprecherin von Zermatt Tourismus erwartet allerdings, dass die Russen, die trotz Rubelzerfall nach Zermatt reisen, weniger Geld fürs Shopping ausgeben. Wie sich dies und die tiefere Gästezahl aus Russland gesamthaft auf die Destination auswirken wird, dazu wagt Zweifel keine Prognose. «Wir machen die Rechnung Ende Saison.»

Shoppen trotz allem

In St. Moritz, der anderen russischen Hochburg in der Wintersaison, haben die Hoteliers bisher keine Absagen aus Russland erhalten, wie Roberto Rivola von Engadin St. Moritz Tourismus sagt. Doch der Buchungsstand sei tiefer als im Winter 2013/2014, der mit 4,4 Prozent mehr Logiernächten von Russen eine Rekordsaison bei dieser Gästegruppe war. Weil St. Moritz besonders von den sehr reichen Russen gut besucht wird, dürfte das Gästeminus laut Rivola die Tourismusdestination wohl treffen, aber nicht allzu schmerzhaft sein. «Ausschlaggebend wird sein, ob sie den Empfehlungen der russischen Regierung folgen und im eigenen Land Ferien machen.»

Während die Russen zwar für nur vier Prozent der Winterübernachtungen in St. Moritz sorgen, sind sie umsatzmässig eine wichtige Touristengruppe für den Ferienort, wie Rivola sagt. Sie liessen sich nicht nur die Unterkunft viel kosten, sondern seien auch beim Shoppen ausgabefreudig. Dass die russischen Touristen in St. Moritz heuer weniger Geld beim Shoppen ausgeben werden, glaubt er nicht. «Wenn sie schon einmal hier sind, werden sie nicht weniger einkaufen als sonst.»

Ultraluxuswohnungen nicht vermietet

Anders sieht es aus im Segment des Ultraluxustourismus, das Unterkünfte ab 80'000 Franken pro Woche anbietet. «Auch gutbetuchte Russen sind preissensitiver geworden, vor allem die weniger Reichen unter ihnen», sagt Peter Zombori, Chef des Luxusbuchungsportals Premium Switzerland. Dieses konnte unter anderem in St. Moritz diverse Ferienwohnungen, die in anderen Wintern stark von russischen Gästen nachgefragt werden, nicht vermieten – trotz teilweise herabgesetzter Preise. «Entweder, weil sie die Ferien gar nicht erst antreten oder weil sie günstigere Unterkünfte im Rahmen von 20'000 Franken pro Woche gebucht haben», weiss Zombori. Normalerweise würden diese Gäste allein für die Unterkunft zwischen 200'000 und 500'000 Franken pro Woche bezahlen, für eine ganze Ferienwoche zwei bis drei Millionen.

Dennoch gebe es nach wie vor Russen, denen der Zerfall des Rubels nichts anhaben könne: «Ihr Vermögen ist nach wie vor so gross, dass sie über genügend finanzielle Reserven verfügen. Deshalb machen sie Ferien wie bisher», so Zombori. Glücklich seien zudem diejenigen, die ihre Ferien schon drei Monate im Voraus bezahlt haben, als der Rubel noch mehr Wert hatte.

Erstellt: 19.12.2014, 16:16 Uhr

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