Interview

«Dann käme der Krisenmodus, und die Prognosen wären Makulatur»

Die Schweiz zwischen Konjunkturabkühlung und drohendem Eurocrash: Soll der Bund mit billigem Geld die Konjunktur stützen? Welche Hausaufgaben stehen an? Dazu Ökonom Aymo Brunetti.

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Herr Brunetti, im zweiten Quartal hatten wir einen BIP-Rückgang. Ist das nun die Trendwende?
Im Vergleich zu vielen europäischen Staaten hatten wir in den ersten zwei Quartalen immer noch ein relativ starkes Wachstum.

Aber das Wachstum ist zum Stillstand gekommen.
Wir müssen damit leben, dass aus dem europäischen Ausland weniger Impulse kommen. Darum ist es so wichtig, dass zumindest bisher der Binnenkonsum relativ robust ist.

Sie sprechen vom Privatkonsum, der stützend wirkt. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis dieser auch zurückgeht, weil zum Beispiel in der Exportindustrie Jobs gestrichen werden.
Der Binnenkonsum hat sich in der Schweiz in den letzten Jahren als stabil erwiesen. Es braucht einiges, bis Herr und Frau Schweizer ihre Ausgaben stark drosseln. Erst, wenn sich der Arbeitsmarkt deutlich verschlechtert, rechne ich mit grösseren Auswirkungen beim Privatkonsum. Zusätzlich spielt hier die Migration eine stabilisierende Rolle. Die Zugewanderten konsumieren ebenfalls und sorgen damit für gestützte Nachfrage.

Hat die Schweizer Wirtschaft ihre Hausaufgaben gemacht?
Auch wenn Selbstzufriedenheit gerade in der Wirtschaftspolitik gefährlich ist, kann man doch festhalten: Vieles wurde hierzulande richtig gemacht. Als ein Beispiel sei die Einführung einer Schuldenbremse genannt. Ein Instrument übrigens, das nun auch in den Euroländern ernsthaft diskutiert wird. Es dürfte verpflichtender Teil der von der Eurozone geplanten fiskalpolitischen Reformen in den Mitgliedsländern werden.

Die Gefahr an der Immobilienfront scheint nicht gebannt.
Nein, tatsächlich besteht angesichts der aussergewöhnlich tiefen Zinsen das Risiko einer Blasenbildung und eines Platzens davon. Immerhin aber gingen wir – anders als viele Länder – nicht schon mit einer Immobilienkrise in die Finanzkrise.

Alles bestens also?
Nein, wir dürfen uns keineswegs auf dem Erreichten ausruhen. Strukturell gibt es immer Hausaufgaben zu erledigen. Ich denke da an die Finanzierung der Sozialwerke. Wir müssen jetzt schauen, dass dies auf gute Bahnen kommt. Aber auch die Energiewende gilt es, mit möglichst marktnahen Instrumenten umzusetzen. Und immer noch ganz wichtig: Die Hochpreisinsel Schweiz zeigt, dass mehr Wettbewerb im Binnenmarkt viel bringen könnte. Ein Freihandelsabkommen im Agrarsektor mit der EU würde die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Wenn sich nun die Konjunktur verlangsamt, braucht die Schweiz dann staatliche Stützungsmassnahmen?
Nein. Die Schweiz hat im letzten Jahrzehnt die automatischen Stabilisatoren in der Finanzpolitik genügend gestärkt, welche ohne Konjunkturprogramme antizyklische Wirkung entfalten. Da ist wiederum die Schuldenbremse zu nennen. In konjunkturschwachen Phasen darf der Staat auch ein Defizit schreiben, was er erst im nächsten Konjunkturhoch wieder abbauen muss. Ähnlich wirkt die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung. Diese erlaubt ihr, in Rezessionen stimulierende Milliardendefizite zu schreiben, die erst im Aufschwung wieder abgebaut werden müssen.

Der Staat sollte doch jetzt Kredite aufnehmen und damit Infrastrukturprojekte finanzieren. Das Geld ist praktisch zum Nullzins zu haben.
Die Zinsen sind in jedem Abschwung tief, also könnte man immer so argumentieren. In der dicht besiedelten Schweiz mit zahlreichen Einsprachemöglichkeiten gegen jedes Projekt, könnten Infrastrukturen zudem gar nicht sofort – also im Konjunkturabschwung – gebaut werden.

Hat der Konjunkturabschwung auch strukturelle Folgen für die Schweizer Industrie? Sprich, werden wir noch mehr zum Dienstleistungsland und die Industrie verliert weiter an Boden?
Der Industriesektor hat sich in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern erstaunlich gut gehalten; der Wertschöpfungsanteil am BIP bliebe in den letzten Jahren stabil. Es ist sicher nicht die Aufgabe des Staates, Industriepolitik zu betreiben oder einen bestimmten Industrieanteil künstlich zu halten; das hat die Branche im Übrigen auch nicht nötig.

In den südeuropäischen Ländern Italien und Spanien sowie in Frankreich werden nun die Arbeitsmarktregeln gelockert. Genau das aber war bisher ein Vorteil für die Schweiz. Muss sich unsere Wirtschaft davor fürchten?
Nein, im Gegenteil: Wir müssen hoffen, dass dies gelingt. Weil wir noch immer überaus stark mit der europäischen Wirtschaft verflochten sind, geht es uns nur gut, wenn diese Staaten auch wieder auf die Beine kommen. Ich bin leider allerdings skeptisch, was die Umsetzungschancen der dringend notwendigen Arbeitsmarktreformen in diesen Ländern anbelangt.

Gerade wegen der schwachen Konjunktur in der Eurozone weicht zum Beispiel die Exportindustrie auf andere Wirtschaftsregionen aus, Asien, Südamerika oder Russland. Ist das Ersatz genug?
Die Schweizer Exportwirtschaft tut gut daran, ihre Absatzgebiete zu diversifizieren. Darum brauchen wir auch die Freihandelsabkommen etwa mit China oder Indien. Allerdings werden Exporte in diese Regionen die Rückgänge in Europa in den nächsten 10 bis 15 Jahren nicht ersetzen können

Wir sprechen von Konjunkturabschwung, allenfalls Rezession. Was aber, wenn die Eurozone auseinanderbricht?
Wir hoffen alle, dass dies nicht passiert, aber völlig unmöglich ist es leider nicht. Ich gehe allerdings davon aus, dass angesichts der katastrophalen Risiken der politische Wille und die Durchsetzungskraft da sind, um dies zu verhindern.

Kann sich die Schweiz gegen den grossen Knall wappnen?
Nein. Dann käme der Krisenmodus, und alle heutigen Prognosen wären Makulatur.

Erstellt: 05.09.2012, 14:22 Uhr

Aymo Brunetti arbeitete zwölf Jahre für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), zuletzt als Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik. Auf den 1. Februar 2012 wechselte er an die Universität Bern: Dort ist er Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie. (Bild: zvg)

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